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Jeden Tag schlagen die Kidnapper zu

Von Klaus Ehringfeld und Kathrin Terpitz
In Mexiko wird beinnahe täglich ein Mensch entführt. Besonders gefährlich ist es in Mexiko-Stadt und einigen Städten an der US-Grenze wie Tijuana. Das Geschäft ist lukrativ: 10 000 Dollar sind die Untergrenze für ein Lösegeld. Betroffen sind vor allem mittelständische Unternehmen. Auch deutsche Geschäftsleute gehören zu den Opfern.
Kidnapping-Gefahr nicht nur in Mexiko: Vor zwei Jahren wurden zwei Mitarbeiter von Cryotec-Geschäftsführer Peter Bienert im Irak entführt. Foto: dpa
MEXIKO-STADT/DÜSSELDORF. Feierabendverkehr in Mexiko-Stadt. Nichtsahnend steigt der Manager einer deutschen Niederlassung in seinen Wagen und macht sich auf den Heimweg. Plötzlich quietschen Reifen, an einer roten Ampel keilen ihn zwei Autos ein. Männer springen heraus, steigen zu ihm ein und drücken dem verdutzten Opfer eine Pistole an den Kopf.In der Nacht geht bei seiner Frau der erste Anruf ein. Offenbar haben die Entführer erst nach der Verschleppung bemerkt, dass ihre Geisel in einem ausländischen Unternehmen arbeitet. Entsprechend hoch ist die erste Lösegeldforderung. Die Verhandlungen sind kurz. Ein Firmenvertreter übergibt am nächsten Mittag einen Bruchteil der geforderten Summe auf dem Randstreifen einer Stadtautobahn an drei Männer mit abgesägten Flinten. Stunden später stellen die Täter das Auto weit außerhalb von Mexiko-Stadt ab. Die Geisel liegt lebend im Kofferraum.

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Kidnapping ist in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas beinahe alltäglich. "Mexiko ist vor Kolumbien, Brasilien und Nigeria das Land der Erde mit den meisten Entführungen", sagt der Chef eines internationalen Sicherheitsunternehmens, das auf Entführungsfälle spezialisiert ist, und der ungenannt bleiben will. Daneben zählen Indien, Irak, Pakistan und abgelegene Teile Chinas zu den Hochrisikogebieten, bestätigt Frederik Köncke, Deutschland-Chef Krisenmanagement des Versicherungsmaklers Aon. "Fakt ist: Deutsche Geschäftsleute gehören zu den fünf Nationalitäten weltweit, die am häufigsten entführt werden."Betroffen sind vor allem mittelständische Unternehmen. Ein Grund: Der typische deutsche Anlagenbauer war zwar immer schon im Ausland aktiv, er muss aber heute wegen des harten Wettbewerbs auch in Risikoländer gehen, die er bislang meiden konnte, sagt Robin Kroha von der Sicherheitsberatung Control Risks. Beispiel: Die Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitschke waren vor zwei Jahren 99 Tage im Irak in Geiselhaft. Denn ihr Arbeitgeber, der Leipziger Anlagenbauer Cryotec, sah sich aus finanzieller Not gezwungen, Aufträge im Krisengebiet anzunehmen."Anders als Konzerne können kleine Firmen gefährliche Missionen nicht an Subunternehmer abgeben", erzählt ein Vertreter der deutschen Wirtschaft in Berlin unter vier Augen. Ein typischer Fall: Rüdiger Diedrich, der ein Dammprojekt in Afghanistan betreute, wurde im Juli von Taliban entführt und getötet, sein Chef, Rudolf Blechschmidt, kam nach 85 Tagen frei.Die Sicherheitslage weltweit ändert sich heute schneller. Kroha: "Mittelständler, die in 50 Ländern Geschäfte machen, können kaum alle Gefahren im Auge behalten." Zumal die Dunkelziffer hoch ist: Gerade mal einer von zehn Entführungsfällen gelangt an die Öffentlichkeit, schätzt Aon -Manager Köncke. Firmen wollen keine Negativschlagzeilen machen, zumal hohes Lösegeld Nachahmer reizt.Das Thema ist heikel - auch im Eldorado für Kidnapper, wo sich eine regelrechte Entführungsindustrie etabliert hat. Der mexikanische Unternehmerverband Coparmex verweigerte trotz Nachfrage jede Stellungnahme. Laut "Bürgerrat für öffentliche Sicherheit" wurden vergangenes Jahr 438 Entführungen angezeigt. "Auf jedes angezeigte Kidnapping kommen drei ohne Einschaltung der Behörden", sagt José Antonio Ortega, Chef des Bürgerrats.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Niemals mit Namen am Telefon melden!" Besonders gefährlich sind Mexiko-Stadt und manche Städte an der US-Grenze wie Tijuana. Jüngst haben telefonische Erpressungen zugenommen. Meist abends verlangen Kriminelle Lösegeld für die Kinder. Mal wählen sie nur auf gut Glück eine Nummer; oder sie wissen, dass die Kinder im Kino oder anderswo unerreichbar sind.Den Kidnapperbanden geht es ums Geld. Gerade in der Hauptstadt prallen Arm und Reich aufeinander. "Hier gibt es mehr Millionäre als in ganz Kolumbien, und sie zeigen gerne, was sie haben", weiß Miguel Caballero, ein kolumbianischer Schneider für gepanzerte Designermode. Nirgendwo auf der Welt verkauft er mehr schusssichere Anzüge und Jacken als in Mexiko.Entführer haben oft leichtes Spiel. Korruption und Straflosigkeit sind in Mexiko verbreitet. Zudem stecken nach Einschätzung von Ortega die Sicherheitskräfte oft bis in die höchsten Ränge selbst im Entführungsbusiness. Das Geschäft ist lukrativ. "10 000 Dollar sind die Untergrenze für ein Lösegeld", erzählt Ortega. 1994 zahlte die Familie von Alfredo Harp Helú gar 30 Mill. Dollar, um den damaligen Eigentümer der größten Bank des Landes, Banamex, lebend freizubekommen."Low profile - möglichst nicht auffallen", lautet der Rat an Geschäftsleute weltweit, um nicht ins Visier von Kidnappern zu geraten. Routinen machen berechenbar. Expatriates werden oft auf dem Weg zur Arbeit, zum Sportclub oder Stammlokal entführt, sagt Kroha von Control Risks. "Wir ändern ständig unsere Routen und Zeiten, wählen unsere Fahrer besonders aus und trainieren sie", erzählt der Direktor eines deutschen Industriekonzerns in Mexiko. Personenschutz gibt es nicht.In Risikoländern sollte sich zudem niemand als Mitarbeiter einer Firma zu erkennen geben oder Firmenlogo an Auto oder Revers tragen, warnt Kroha. Unternehmen sollten darauf achten, welche Informationen sie über sich im Internet preisgeben. Lebensläufe von Vertrauenspersonen wie Fahrer oder Kindermädchen sind genau zu checken. Für Großunternehmen alles kein Problem: Sie haben eigene Sicherheitsabteilungen oder können Spezialisten einkaufen. Control Risks etwa stellt gerade für ein Großprojekt in Algerien drei Jahre einen Sicherheitsberater ab.Kommt es zum Ernstfall, herrscht in vielen Firmen Ausnahmezustand. Sie haben Probleme, ihr Tagesgeschäft weiterzuführen. Wichtig ist, vorher ein Handbuch mit Notfallplänen und Ansprechpartnern wie Auswärtiges Amt und Bundeskriminalamt zu erstellen. Im Akutfall engagieren Firmen Krisenprofis. Kroha: "Wir helfen, die Lage zu analysieren und Schaden vom Unternehmen abzuwenden." Das ist nicht Primärziel der Strafverfolgungsbehörden. Firmen mit Entführungsversicherung steht meist eine Beratung zu.Kroha betont: "Das Risiko einer Entführung sinkt stark, wenn Firmen ihre Mitarbeiter vernünftig vorbereiten." Die Deutsch-Mexikanische Handelskammer etwa drückt Neulingen ein 100-Seiten-Buch mit Sicherheitstipps in die Hand. Ein wichtiger lautet: "Niemals mit Namen am Telefon melden!"
Was Lösegeldversicherungen leistenEntführungs- und Erpressungsversicherungen bieten weltweiten Schutz für alle Firmenmitarbeiter und deren Angehörige. Auch einzelne Projekte sind versicherbar. Seit 1998 sind sie auch in Deutschland zugelassen und gelten nicht mehr als sittenwidrig. Die Policen obliegen der Verschwiegenheit. Meist haben nur wenige aus der Geschäftsleitung Kenntnis, sie kommunizieren über Codewörter.Die Deckungssumme geht bis zu 50 Millionen Euro, liegt meist zwischen 10 bis 20 Millionen Euro. Die Prämie richtet sich danach, wie viele Mitarbeiter wo im Ausland tätig sind. Die Police ist meist gekoppelt an eine Krisenberatung im Ernstfall. Kosten zur Krisenbewältigung wie Lösegeld, Gutachter, Dolmetscher oder Reha der Geisel werden erstattet. Einige Versicherer bezuschussen präventive Sicherheitstrainings.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.02.2008