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Jauchs große Show

Von Hans-Peter Siebenhaar
Der designierte Nachfolger von Sabine Christiansen lässt die ARD im Regen stehen. Nicht des Geldes wegen, sagt er. Kommt jetzt Frank Plasberg?
Moderator Günther Jauch während des RTL-Jahresrückblicks 2006. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Der neue ARD-Vorsitzende Fritz Raff hatte bereits vor Tagen per "Spiegel"-Interview die Losung ausgegeben: "Ohne Jauch geht die ARD-Welt nicht unter." Ob er Recht hat, darf jetzt beobachtet werden: Günther Jauch wirft entnervt die Flinte ins Korn - der 50-Jährige verzichtet auf die Nachfolge der ARD-Talk-Show von Sabine Christiansen am Sonntagabend.Jauchs Begründung: Die ARD habe in Nachverhandlungen zu seinem Vertrag inakzeptable Bedingungen gestellt. Er wollte keine Zusage geben, journalistisch exklusiv nur noch für das Erste zu arbeiten.

Die besten Jobs von allen

Diese unnachgiebige Haltung des Fernsehunternehmers mit abgebrochenem Jura-Studium war den Intendanten zu viel: "Dem Publikum wäre schwerlich zu vermitteln gewesen, wenn Günther Jauch am Sonntag in der ARD eine politische Talk-Show moderiert und uns in der Woche bei RTL mit einem journalistischen Format als Konkurrent entgegentritt", sagte gestern WDR-Intendant Fritz Pleitgen zusammen mit seiner Nachfolgerin Monika Piel in Köln.Jauchs Absage kam wohl nicht aus heiterem Himmel. Vermutlich spürte der kapriziöse Großverdiener, dass er in der ARD am Ende nicht auf viele Freunde zählen konnte.Der empfindliche Entertainer wollte bei der ARD-Talk-Show nach eigenem Gusto schalten und walten. Eine übergeordnete Chefredaktion war nicht nach dem Geschmack des Medienunternehmers.Jauch verwies gestern bei seiner Absage darauf, dass er es an gutem Willen nicht habe mangeln lassen. Für die ARD habe er sogar seine Werbeverträge gekündigt oder auslaufen lassen. Wie kaum eine andere Fernsehikone hat es der Villenliebhaber aus Potsdam in den vergangenen Jahren geschafft, lukrative Werbeverträge zu sammeln wie andere Menschen Briefmarken.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Es ging nicht ums GeldWegen des Geldes wollte der Multimillionär sowieso nicht die Nachfolge von Christiansen antreten. Nur rund neun Millionen Euro hatte der gebürtige Münsteraner pro Jahr ausgehandelt, kaum mehr als seine Vorgängerin. Es ging Jauch vor allem um das journalistische Prestige.Bei RTL, der Fernsehtochter von Bertelsmann, ist die Freude über die Absage groß. "Wir freuen uns über die Entscheidung", sagte gestern ein Konzernsprecher in Köln. Und: "Der Schritt ist auch ein Beleg für die gute Zusammenarbeit mit RTL." Beim größten deutschen Privatsender fesselt Jauch mit Sendungen wie "Wer wird Millionär?" Millionen von Zuschauern. Der pausenlose Einsatz für RTL hat sich für Jauch ausgezahlt. Er hat nach Einschätzung von Unternehmensinsidern bisher von der Bertelsmann-Tochter ein zweistelliges Millionen-Honorar erhalten. Im Medienimperium der Gütersloher gehört er zu den Top-Verdienern. Auf den Partys von Konzernmatriarchin Liz Mohn in Berlin war er stets ein gern gesehener Gast.Die ARD vergießt unterdessen Krokodilstränen. "Ich bedaure den Beschluss von Günther Jauch, denn schließlich hat er seine Wurzeln bei uns in der ARD. Ich würde mich freuen, wenn damit das Tischtuch zwischen ihm und der ARD nicht endgültig zerschnitten wäre. Vielleicht gibt es zu einem späteren Zeitpunkt eine Gelegenheit, doch noch zusammenzukommen", sagt Raff.Nur einer hat mit der Absage Jauchs eine bittere Niederlage einstecken müssen: NDR-Intendant Jobst Plog. Der gelernte Jurist, in dessen Kompetenzbereich die Vertragsverhandlungen fielen, stärkte bis zuletzt Jauch den Rücken. Der Vertragsschluss sei durch eine Reihe von Indiskretionen und Nachforderungen aus einigen Landesrundfunkanstalten und den Gremien gefährdet worden, klagte der eigenwillige Anstaltschef und fügte im gleichen Atemzug hinzu: "Ich bin zugleich in Sorge, ob es der ARD in Zukunft noch gelingen wird, einen Fernsehstar ähnlichen Formats für sich zu gewinnen."Diese Befürchtungen Plogs teilen seine Kollegen nicht. "Ohne Jauch geht's auch", sagt der Intendant des Südwestrundfunks (SWR), Peter Voß. ARD-Chef Raff brachte erst kürzlich den Journalisten und Moderator Frank Plasberg ins Spiel. Sein Intendantenkollege Voß sagte gestern, Plasberg sei eine Alternative zu Jauch, die "hart, aber fair und journalistisch gleichwertig" sei. Auch der scheidende WDR-Intendant Fritz Pleitgen machte sich für den klugen Interviewer aus seinem Reich bereits in der Vergangenheit stark.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Allzweckwaffe von RTL-Chefin Schäferkordt Ob Plasberg die Christiansen-Nachfolge antritt, blieb gestern unklar. Plasberg, der einst bei der "Schwäbischen Zeitung" das journalistische Handwerkszeug lernte, moderiert bereits seit sechs Jahren die populäre Sendung "Hart, aber fair" im Dritten.Die Rückkehr zur ARD wäre für Jauch eine Rückkehr zu seinen journalistischen Anfängen gewesen. Denn bereits als 19-Jähriger begann er als freier Mitarbeiter beim Rias in Berlin. In der Hauptstadt machte er auch Abitur. Anschließend ging es zur Münchener Journalistenschule. Ein Jura-Studium in der bayerischen Landeshauptstadt brach der Journalistensohn aber ab, er arbeitete lieber in der Sportredaktion des Bayerischen Rundfunks.In der ARD-Anstalt machte er schnell Karriere. Sein Aufstieg begann im Radio: Zusammen mit seinem Freund und Kollegen Thomas Gottschalk moderierte er Mitte der 80er-Jahre die "B-3-Radioshow". Nach einer Zwischenstation beim ZDF heuerte er vor bereits 17 Jahren als Leiter des Fernsehmagazins "Stern TV" an.Heute ist Jauch die Allzweckwaffe von RTL-Chefin Anke Schäferkordt. Egal ob Skispringen, Fußball, Rätselshow oder Gala - Jauch ist bei RTL omnipräsent. Der Fließbandarbeiter des Entertainments ist wie kein anderer die Ikone des hochprofitablen Kölner Privatsenders. Unternehmerisch ist Jauch höchst erfolgreich. Seine Firma I&U in Köln, an der früher mal der Bertelsmann-Zeitschriftenkonzern Gruner + Jahr ("Stern", "Geo") beteiligt war, beschäftigt 70 Mitarbeiter. Die Medienfirma, die Jauch mittlerweile allein gehört, sollte auch die Christiansen-Nachfolgesendung für die ARD produzieren.Nun hat Jauch wieder viel Zeit und Kapazitäten für RTL. Sabine Christiansen wird pünktlich am 24. Juni 2007 ihre letzte Talksendung moderieren. Dann wechselt sie zum amerikanischen Wirtschaftssender CNBC. Im September startet dann ihr Nachfolger - wenn sich die ARD bis dahin zusammenrauft.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.01.2007