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Jäger und Sammler

Von Holger Alich
Auch mit 70 Jahren kann der französische Milliardär François Pinault nicht von Übernahmen lassen. Nun ist sein Auge auf Suez gefallen - und im Kampf um den Versorger er jetzt unter Zeitdruck. Auf die Hilfe eines engen Freundes kann er diesmal nicht bauen. Dafür aber half Chirac seinem Freund Ende 2005 aus der Patsche. Damals musste sich Pinault vor der US-Justiz verantworten.
PARIS. Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac war am vergangenen Donnerstag bei seiner Neujahrsansprache vor den Sozialpartnern sichtlich in Geberlaune: Jeder bekam sein Fett ab ? die Opposition, sein ehrgeiziger Innenminister und Möchte-gern-Nachfolger Nicolas Sarkozy. Und: Chiracs enger Freund, der Milliardär François Pinault.Denn Pinault will die von Chiracs Regierung initiierte Fusion der Versorger Suez und Gaz de France torpedieren. Aber angesichts der ?strategischen Bedeutung? des Zusammenschlusses für Frankreich ?ist für kurzfristiges Kalkül kein Platz?, sagte Chirac. Und watschte damit seinen Duz-Freund vor Frankreichs versammelter Unternehmerschaft ab. Suez-Chef Gerald Mestrallet grinste über beide Ohren. Der Angesprochene selbst glänzte durch Abwesenheit.

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Pinault ist wieder in einer seiner Lieblingsrollen: Allein gegen das Establishment, das den Schulabbrecher und Ex-Holzhändler lange nicht als einen der ihren anerkennen wollte. ?Ich habe noch nie die Leute gemocht, die sich in ihrer Selbstzufriedenheit häuslich eingerichtet haben?, sagte er dazu einmal. Die Präsidentenschelte perlt an ihm ab. ?Dass die beiden Freunde sind, muss nicht heißen, dass sie immer die gleiche Meinung haben?, erklärt ein Pinault-Vertrauter.Fröhlich gegen den Mainstream schwamm Pinault auch bei der Übernahmeschlacht um Arcelor. Der Großteil der Pariser Geschäftswelt ? und die Politiker sowieso ? waren gegen die Übernahme durch Mittal. Der indische Konzerngründer Lakshmi Mittal musste sich zum Teil rassistische Kommentare aus Paris anhören. Und Pinault? Er trat ostentativ in Mittals Aufsichtsrat ein und verkündete im ?Figaro?: ?Ich bin an der Seite Mittal, um seinem Gebot zum Erfolg zu verhelfen.?Offiziell ist der 70-Jährige seit gut drei Jahren in Rente, um sich ganz seiner als einmalig geltenden Sammlung zeitgenössischer Kunst zu widmen. Den von ihm geschmiedeten Handels- und Luxuskonzern PPR leitet seit gut drei Jahren sein Sohn, François Henri. Doch Pinault ist Bretone. Und die gelten als stur und hartleibig. Pinault hat sein Leben lang nichts anderes getan, als Unternehmen zu kaufen, zu entwickeln und oft wieder zu verkaufen. Warum soll er jetzt mit 70 damit aufhören? Er selbst sagt: ?Männer sind wie Jagdhunde. Wenn sie im Haus gehalten werden, verlieren sie ihr Gespür.? Also knöpft er sich den Versorger Suez vor, bei dem selbst unabhängige Geister wie Frankreichs Aktionärsschützerin Colette Neuville offen anzweifeln, ob die Fusion mit Gaz de France die beste Wahl für die Suez-Aktionäre ist.Schon im vergangenen Juni machte Pinault keinen Hehl daraus, dass er wenig von der politisch orchestrierten Fusion hält. Auf die Frage, ob ein ?Wirtschaftspatriotismus? sinnvoll sei, antwortete er: ?Ja, aber nicht, wenn dies bedeutet, sich zu verbarrikadieren.? Auch im Energiesektor müsse man daher europäisch denken.Im Oktober schlug dann die Nachricht wie eine Bombe ein, dass Pinault zusammen mit der italienischen Enel an einer Übernahme von Suez gearbeitet hat. Enel, wohl von der italienischen Regierung zurückgepfiffen, erklärte eilig, dass das Projekt ?nicht mehr auf der Tagesordnung? stünde.Doch Pinault verfolgt das Projekt mit bretonischer Sturheit weiter. Die Finanzierung der 50-Milliarden-Übernahme gilt unter Analysten als unproblematisch. ?Er muss nur verlässliche Partner haben, die ihm Teile von Suez, wie das Energiegeschäft, wieder abkaufen?, meint ein Pariser Aktienanalyst.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Pinault muss sich erklärenJetzt gerät der Milliardär dabei unter Zeitdruck: Am morgigen Dienstag will die Börsenaufsicht AMF Pinault eine Frist setzen, binnen derer er verbindlich erklären soll, ob er eine Übernahme wagt oder nicht. Verneint er seine Gelüste, muss er ein halbes Jahr lang stillhalten. ?Derzeit gibt es kein fertiges Projekt?, heißt es aus seinem Umfeld, ?Pinault will sich nur die Optionen offen halten, sollte die Fusion noch scheitern, was mittlerweile einige erwarten.?Doch Pinault ist kein Don Quichotte, der gegen Windmühlen kämpft. Schon früh wusste der kompakt gebaute Unternehmer mit den kurzen grauen Haaren sich den Rückhalt einflussreicher Politiker zu sichern. Jacques Chirac zum Beispiel. Dieser hatte 1981 gerade gegen den Sozialisten François Mitterrand die Präsidentschaftswahl verloren und kämpfte auch in seinem Heimatwahlkreis Corrèze mit Problemen. In dieser für Chirac schwierigen Periode kaufte Pinault in der Region einen fast bankrotten Schreinerei-Betrieb auf und rettete die Arbeitsplätze ? und für Chirac damit die Unterstützung der Wähler.Bei Suez kann Pinault indes nicht auf Chiracs Hilfe bauen. Dafür aber half Chirac seinem Freund Ende 2005 aus der Patsche. Damals musste sich Pinault vor der US-Justiz verantworten. Seine Holding Artémis hatte in den 90er-Jahren der Bank Crédit Lyonnais dabei geholfen, den US-Lebensversicherer Executive Life zu übernehmen. Nach damaligem US-Recht war der Kauf eines Versicherers durch eine Bank aber illegal. Die dickste Geldstrafe von 700 Millionen Dollar zahlte indes nicht Pinault, sondern der französische Staat, da dieser die Altlasten des Crédit Lyonnais übernommen hatte.Doch dem gesamten Pariser Establishment verpasste Pinault im April vergangenen Jahres wieder eine schallende Ohrfeige: Eigentlich sollte auf der Seine-Insel Île Seguin im Südwesten von Paris ein riesiger Museumskomplex entstehen, in dem Pinault einen Teil seiner Kunstsammlung zeigen wollte.Per Gastbeitrag in ?Le Monde? verkündete er, dass aus dem Projekt doch nichts werde: Die Behörden würden zu langsam arbeiten, moserte er. Stattdessen ging der Kunstschatz nach Italien und ist nun im Palazzo Grassi in Venedig zu sehen. ?Pinault handelt stets als freier Mann?, meint ein enger Mitarbeiter. Wie eben derzeit bei Suez.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.01.2007