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Jack Grubman: Der Rattenfänger der Wall Street

Von Torsten Riecke
Die Worldcom-Pleite hat viele Anleger um ihr Vermögen gebracht. Sie vertrauten Grubman, der die Aktie bis kurz vor dem Untergang weiter zum Kauf empfahl.
Die bittere Erfahrung vor zwei Wochen mag dem einstigen Star-Analysten noch wie ein böser Traum vorgekommen sein. Inzwischen ist er aufgewacht und die Welt um ihn herum ist noch feindlicher geworden.Worldcom, jener Telekomkonzern, den Grubman mit seinen Empfehlungen in den Himmel gelobt hat, ist pleite. Gegen den Analysten und seinen Arbeitgeber Salomon Smith Barney laufen Ermittlungen der Regulierungsbehörde National Association of Securities Dealers (NASD) und der New Yorkers Staatsanwaltschaft. Grund sind Grubmans Empfehlungen für Winstar-Aktien. Winstar ist wie Worldcom ein Kind des Telekombooms der 90er Jahre ? und bereits im vergangenen Jahr in Konkurs gegangen. Grubmans Aktienempfehlungen lesen sich heute wie die Grabsteine der New Economy. Ob Firmen wie Worldcom, Winstar, Global Crossing, Qwest ? fast alle sind heute pleite oder stehen kurz davor.

Die besten Jobs von allen

Mit dem Untergang des Telekombooms ist auch die Welt Jack Grubmans versunken. Sein Aufstieg aus einem Arbeiterviertel Philadelphias zu einem der angesehensten Analysten an der Wall Street hat ein abruptes Ende gefunden. Vorbei sind die Zeiten, da er mit dem damaligen Worldcom-Chef Ebbers auf dessen Hochzeit neue Deals einfädelte und dem Telekomanbieter Quest mit dem inzwischen wieder gefeuerten Joseph Nacchio einen neuen Chef besorgte.Ende der 90er Jahre war Grubman vermutlich der einflussreichste Telekomanalyst an der Wall Street. Er verkörperte mehr als andere jenen neuen Typus von Analyst, der seine Aufgabe weniger in der kritischen Unternehmensanalyse im Dienste der Investoren sah als vielmehr in der Auftragsbeschaffung für das Investmentbanking von Salomon Smith Barney. Die Investmentbank ist eine Tochter der Citigroup. Sie half seinem Arbeitgeber, zwischen 1998 und 2000 rund 53 Mrd. $ frisches Kapital für dessen Telekomkunden zu akquirieren. Ein Dienst, der auch Grubman reich machte, der in den vergangenen Jahren durchschnittlich 20 Mill. $ verdient haben soll.Er tanzte auf der ?Chinesischen Mauer? zwischen Unternehmensanalyse und dem Investmentbanking hin und her. ?Er war nicht mehr als ein Stimmungsmacher für jene Firmen, die seine Investmentbank an die Börse gebracht hat?, sagt Jacob Zamansky, ein ehemaliger Klassenkamerad von der High School. Heute vertritt Zamansky Investoren, die den Star-Analysten wegen Irreführung verklagt haben.Zwar haben auch andere Analysten den rapiden Abschwung in der Telekomindustrie nicht rechtzeitig vorausgesehen. Aber keiner hat wie Grubman den zum Untergang verurteilten Firmen bis zum Schluss die Treue gehalten. So empfahl er den Anlegern erst am 24. Juni, die Worldcom-Aktie zu verkaufen, obwohl der Kurs bereits lange im Keller war. Zwei Tage später schockte der Konzern die Börsen mit einer fast vier Milliarden großen Bilanzfälschung. Die Papiere von Global Crossing empfahl Grubman noch als sie bereits 80 % ihres Werts verloren hatten. Winstar verteidigte er noch wenige Wochen vor dem Konkurs gegen seine Kritiker.Trotz dieser Fehleinschätzungen steht Salomon Smith Barney bisher zu seinem gefallenen Star und bestreitet, dass er bewusst die Anleger in die Irre geführt habe. Für Grubman ist das ein schwacher Trost. Die Ermittlungsverfahren gegen ihn könnten ihn seinen Job und eine Menge Geld kosten. Sein wertvollstes Gut als Analyst hat er bereits heute verloren: das Vertrauen der Anleger.Quelle: Handelsblatt
Dieser Artikel ist erschienen am 23.07.2002