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Italien

Stefan Weißenborn
Obwohl die Arbeitslosigkeit mit 7,6 Prozent niedriger ist als in Deutschland, kämpfen Berufseinsteiger auch hier mit prekären Arbeitsverhältnissen. Festanstellungen für Absolventen sind eher die Ausnahme, häufiger starten sie mit befristeten Jobs, Projekt- oder Zeitarbeit. Gute Aussichten haben Ingenieure und Wiwis; Bedarf gibt es auch in IT und Telekommunikation, Forschung, Erziehung und Bildung.
Abends zum Aperitivo

Pia Staigmüller, 27, Diplom-Romanistin, lebt seit Anfang des Jahres in Turin. Sie arbeitet als Kundenbetreuerin bei Varian, einem Hersteller von Vakuumtechnologie

Job-Links

Für mich stand schon immer fest, dass ich nach dem Romanistik-Studium in Italien arbeiten würde. Zunächst habe ich mich von Deutschland aus beworben, aber da kam so gut wie keine Antwort. Also musste ich vor Ort auf Stellensuche gehen. Eine Freundin hat mir einen Job in Turin vermittelt: Während der Olympischen Winterspiele war ich Dolmetscherin fürs ZDF und habe in dieser Zeit eine Menge Bewerbungen geschrieben. Sobald ich eine italienische Adresse und Handynummer hatte, lief es mit der Jobsuche. Meine jetzige Stelle habe ich über eine Zeitarbeitsfirma bekommen. Varian ist weltweiter Marktführer bei wissenschaftlichen Instrumenten und Vakuumtechnologie - also ein typisches Unternehmen für Turin, wo Branchen wie Automobil, Software und Technologie stark vertreten sind. Ich muss viel mit Kunden im Ausland kommunizieren, auf Deutsch, Englisch und Französisch. Weil Italiener nur wenig Fremdsprachen sprechen, haben Deutsche mit gutem Englisch und Italienisch hier viele Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ich arbeite in einem internationalen Team. Wir duzen uns, und ich war gleich vom ersten Tag an integriert. Schnell hieß es: Heute Abend ist ein Fest, komm doch einfach mit. Nach der Arbeit ziehen wir oft los zum Aperitivo - so nennen die Turiner ihren After-Work-Cocktail, bei dem man nur die Getränke zahlt und sich an Snacks satt essen kann. Das Leben ist hier viel lockerer als in Deutschland. Wenn ich abends draußen sitze oder mittags in eine Espresso-Bar gehe, habe ich oft das Gefühl, ich bin im Urlaub. Dafür läuft hier auch nicht alles so rund. Vor allem die Bürokratie nervt. Ich wollte mir ein Auto kaufen, weil die Firma außerhalb von Turin liegt, in Leinì. Aber die Bearbeitung der vielen Formulare und Anträge hat sich so lange hingezogen, dass mir meine Eltern letztlich ihr Zweitauto aus Deutschland runtergebracht haben. Deutsche müssen hier einfach über einige Dinge hinwegsehen, sonst haben sie keinen Spaß. Auch wenn ich nicht so viel verdiene wie in Deutschland: Italien ist ein Traum. Mein Traum

Die besten Jobs von allen


Arbeitsmarkt

Obwohl die Arbeitslosigkeit mit 7,6 Prozent niedriger ist als in Deutschland, kämpfen Berufseinsteiger auch hier mit prekären Arbeitsverhältnissen. Festanstellungen für Absolventen sind eher die Ausnahme, häufiger starten sie mit befristeten Jobs, Projekt- oder Zeitarbeit. Gute Aussichten haben Ingenieure und Wiwis; Bedarf gibt es auch in IT und Telekommunikation, Forschung, Erziehung und Bildung. Sprachkenntnisse, vor allem sehr gutes Englisch, werden hoch geschätzt - vorausgesetzt, die Bewerber sprechen auch Italienisch

Boom-Regionen

Die besten Chancen haben Bewerber im Industriedreieck Mailand-Turin-Genua, wo sich die wichtigsten Firmen des Landes konzentrieren.

Gehalt und Lebensstandard

Meist liegt das Gehalt um 20 bis 40 Prozent unter dem in Deutschland. Durchschnittsverdienst: 24.740 Euro. Die Sozialbeiträge sind gering, nur Beiträge zur Rentenversicherung müssen Arbeitnehmer zu einem Drittel übernehmen. Vom Einkommen werden bei einem kinderlosen Single mit Durchschnittseinkommen 45,4 Prozent Steuern und Abgaben abgezogen, bei einem Einverdienerhaushalt mit zwei Kindern 35,2 Prozent. Die Preise unterscheiden sich kaum von denen in Deutschland. Besonders teuer sind Florenz, Mailand und Rom. Da nur 20 bis 25 Prozent aller Wohnungen vermietet werden, steigen die Mietpreise oft auf Wucherniveau. Eine Zweizimmerwohnung in Mailand kostet 1.000 bis 1.400 Euro.

Bewerben

Ohne ein Netz von Beziehungen wird die Jobsuche schwer, ist aber nicht unmöglich. Bei Initiativbewerbungen unbedingt vorher anrufen. 90 Prozent der Bewerbungen laufen mittlerweile per E-Mail. Eine Mappe ist nicht nötig; einseitiges Anschreiben und Lebenslauf ohne Foto reichen aus. Zeugnisse legt man erst im Bewerbungsgespräch vor. Bewerber müssen sich auf grafologische Gutachten, Tests und Assessment Center einstellen. Auf gute Kleidung im Vorstellungsgespräch legen Arbeitgeber höchsten Wert.

Joblinks: Wirtschaft und Arbeitsmarkt

  • Italiens Wirtschaft ist durch ein großes Nord-Süd-Gefälle gekennzeichnet. Die Kluft zwischen dem wirtschaftlich reichen Norden mit einem hohen Lebensstandard und einer niedrigen Arbeitslosenquote von vier Prozent und dem wirtschaftlich schwach entwickelten Süden des Landes mit einer Quote von über 20 Prozent konnte noch nicht überbrückt werden

  • Insgesamt sind in Italien von knapp 58 Millionen Einwohnern 21,8 Millionen beschäftigt. Bei 2,17 Millionen Arbeitslosen entspricht das einer Arbeitslosenrate von 9,1 Prozent im Jahr 2002. Zur Jahresmitte 2000 waren mit einer Quote von über 30 Prozent besonders viele Jugendliche arbeitslos.

  • Auch Jungakademiker haben statistisch gesehen große Probleme beim Einstieg ins Berufsleben.

  • Die Löhne und Preise stiegen im Gleichschritt um 2,2 Prozent

  • Italiens Wirtschaft ist geprägt von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Im Dienstleistungssektor stellen kleine Unternehmen mehr als 60 Prozent der Arbeitsplätze.
Arbeitsvermittlung und Bewerbung

  • Entsprechend dem Nord-Süd-Gefälle ist es generell in Italiens Norden einfacher, einen Job zu finden - so auch für Ausländer

  • Es gibt einen Europa-Lebenslauf, der nur als Anhaltspunkt dienen sollte (http://www.cedefop.eu.int/transparency/cv.asp)

  • Die größte Wirtschaftszeitung Italiens enthält informative Seiten zum Thema "Arbeit, Karriere und Beruf". ( www.ilsole24ore.it )

  • Die gelben Seiten: www.paginegialle.it

  • www.europalavoro.it ist Teil des EURES-Netzwerkes und behandelt das Thema "Arbeiten in Italien". Es listet Adressen und Links zu zahlreichen Beratungsstellen in Italien, Zeitarbeitsunternehmen etc. auf

  • Ein Bewerber, der sich an Bewerbungsstandards des Landes orientiert, sammelt Pluspunkte beim Arbeitgeber

  • Für die Abfassung eines Lebenslaufes gibt es in Italien keine strengen Vorschriften. Freizeitbeschäftigungen werden nur erwähnt, wenn sie für die angestrebte Stelle von Bedeutung sind

  • Bewerbungsstrategien sind die Jobsuche vor Ort bei den örtlichen Arbeitsämtern (SCICA) oder über private Stellenvermittlungsagenturen. Möglich ist es auch sich bei großen Firmen, Hotels und Restaurants persönlich vorzustellen

  • Stellenanzeigen finden sich in Zeitungen, wie "La Republica" www.repubblica.it/ und "Corriere de la Sera" http://www.corriere.it/lavoro/index.jhtml

  • Während man in Deutschland in der Regel eine umfangreiche Bewerbungsmappe einreicht, sind die italienischen Unternehmen anfangs genügsamer - eine Kurzbewerbung bestehend aus Anschreiben und tabellarischem Lebenslauf reicht aus.
Soziale Absicherung, Versicherung

  • Das System der sozialen Sicherheit in Italien ist weitaus weniger ausgebaut als in Deutschland. Es umfasst den "Nationalen Gesundheitsdienst mit Mutterschaft und Tuberkulosehilfe, die allgemeine Invaliditäts- und Rentenversicherung, Versicherung gegen Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten und die Arbeitslosenversicherung sowie Familienleistungen

  • Kindergeld bzw. Familienzulage gibt es, wenn das Familieneinkommen festgelegte Einkommensgrenzen nicht überschreitet. Mutterschutz besteht: Zwei Monate vor und drei Monate nach der Entbindung besteht ein Beschäftigungsverbot bei Fortzahlung von 80 Prozent des Gehaltes. Bis mindestens ein Jahr nach der Entbindung darf der jungen Mutter nicht gekündigt werden

  • Die versicherungspflichtigen Beiträge der Kranken- und Unfallversicherung wie auch der Arbeitslosen- und Pesionsversicherung werden vom Arbeitgeber vom Gehalt abgezogen und an die Krankenkasse bzw. das Instituto Nazionale della Previdenza Sociale (INPS) weitergeleitet.


Nützliche Links

http://europa.eu.int Europäische Kommission

www.paginegialle.it Gelbe Seiten, Adressliste aller in den Gelben Seiten eingetragenen Firmen in Italien

www.camcom.it Homepage der italienischen Handelskammer

www.itkam.de

www.italcult.net Weltweites Netz der ital. Kulturinstitute

www.esteri.it Infos für Italiener im Ausland und Nicht- Italiener in Italien

www.repubblica.it Tageszeitung; informative Seiten zu den Themen Studium, Schule, Jobs im sozialen Bereich

www.ilsole24ore.it Wirtschaftszeitung, ideal für Arbeit, Karriere und Beruf

http://europa.eu.int/en/comm/dg05/home.htm EURES - Vermittlung und Beratungssystem

http://www.corriere.it/lavoro.htm Corriere Lavoro

http://www.tg3.rai.it/articolo1 RAI-TV-Jobinserate

http://www.newtech.it/jobonline Jobonline Triest

http://www.eures-transtirolia.org Transtirolia

http://europa.eu.int/scadplus/ Leitfaden zum freien Personenverkehr (EU)
Dieser Artikel ist erschienen am 22.08.2003