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Ish war sein siebter Notfall

Von Katharina Slodczyk, Handelsblatt
Eigentlich hat er sich einen alten Traum erfüllt. In ganz jungen Jahren wollte James Bonsall Notarzt werden. ?Alles andere erschien mir zu langweilig, ich brauche die Aufregung, den Kick?, erzählt der Amerikaner. Heute ist er Chef des TV-Kabelnetzbetreibers Ish.
HB KÖLN. Zwar studierte Bonsall später Betriebswirtschaft und nicht Medizin. Dennoch arbeitet er heute in seinem Traumberuf: Der 50-Jährige ist Notarzt für Unternehmen, die kurz vor dem Exitus stehen. Er gehört zur Unternehmensberatung Alix Partners, die weltweit zu Firmen in der Krise gerufen wird. ?Ich könnte nie bei einem Unternehmen arbeiten, das einfach still steht, wo es keine Bewegung, keine Auf und Ab gibt?, berichtet Bonsall.So war er bereits als Troubleshooter im Pharma- und Umweltgeschäft aktiv und steht selbstbewusst dazu, dass die Unternehmen, die er betreute, heute nach eigenen Angaben ?alle erfolgreich? sind. Zuletzt hat es ihn im Frühjahr 2002 zum nordrhein-westfälischen TV-Kabelnetzbetreiber Ish verschlagen. Begann er zunächst als Finanzchef, ist er inzwischen Vorsitzender der Geschäftsführung.

Die besten Jobs von allen

Das Kölner Unternehmen hatte sich mit hohen Investitionen in neue Dienste wie schnelles Internet und Sprachtelefonie über das TV-Kabel schlicht übernommen und steckte in einem Liquiditätsengpass. Bonsall hat Ish inzwischen wieder auf Kurs gebracht. Er strich Arbeitsplätze und konzentrierte sich ganz auf das Kerngeschäft: TV-Bilder liefern und kassieren.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Turnaround Award 2003 für den Ish-ChefWeil die vier Millionen Kabelkunden regelmäßig ihre Monatsmiete für 32 Fernsehkanäle bezahlen, ist das eine sichere Bank. Es kommt immer Geld rein. Damit erwirtschaftet Ish eine operative Gewinnmarge von fast 50 Prozent und einen ordentlichen frei verfügbaren Barmittelüberschuss, mit dem das Unternehmen seine Zinsen und Schulden selbst zahlen kann. ?Wer kann das in der Kabelindustrie schon von sich behaupten?, sagt Bonsall. Der Ish-Chef ist dafür mit dem Turnaround Award 2003 ausgezeichnet worden.Als Nächstes hat sich der Amerikaner verstärkt den Umsatz vorgenommen. Der soll im nächsten Jahr auf mehr als 400 Millionen Euro steigen. Ein neues Angebot mit mehr als 50 digitalen Fernsehprogrammen soll dazu beitragen. Am heutigen Dienstag gibt der Ish-Chef in Düsseldorf den offiziellen Startschuss für die Vermarktung der neuen Sender, darunter Spartenprogramme wie ?Bibel TV?, ?Fashion TV? und das Digitalpaket des Musiksenders MTV ? alles vom Ish-Chef selbst getestet. ?Ich brauche nicht viel Schlaf, komme täglich mit drei, vier Stunden aus. Da bleibt genug Zeit zum Fernsehgucken?, erzählt er.Zunächst startet das Digitalprogramm aber nur im kleineren Stil: Die rund 1,1 Millionen Haushalte, die bereits an das aufgerüstete Ish-Kabelnetz angeschlossen sind, können aus den zusätzlichen Programmen wählen. Für Mitarbeiter ist das ein ermutigendes Zeichen: ?Wir sind raus aus den Negativschlagzeilen?, sagt ein Betriebsratsmitglied.Am Anfang dieser Wende standen allerdings höchst unpopuläre Entscheidungen. So begann Bonsall seinen ersten Tag bei Ish mit einem Paukenschlag. Er fällte die seiner Ansicht nach ?schon lange überfällige? Entscheidung: Alle Ausgaben stoppen. ?Einige Wochen später sprachen mich ganz zaghaft einige Mitarbeiter darauf an, dass es plötzlich kein Papier mehr für die Drucker gab, keine Kugelschreiber, keine Getränke?, erzählt Bonsall. So dramatisch sei der Ausgabenstopp nun auch nicht gemeint gewesen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ish stand auf der KippeDie meisten der Beschäftigten sagen heute, dass sie es ihm ohnehin nicht übel genommen haben. ?Uns war damals klar, dass Ish auf der Kippe stand?, berichtet eine Ish-Mitarbeiterin aus der Unternehmenszentrale in Köln. So gewann der neue Chef trotz harter Entscheidungen schnell Sympathiepunkte. Der Amerikaner zog mit seiner Ehefrau nach Köln, war in der Unternehmenszentrale präsent und beschränkte sich nicht darauf, die Firma aus der Ferne zu lenken wie sein Vorgänger David Colley, der meist von London aus arbeitete. Hinzu kommt: ?Bonsall kommt sehr ruhig und unprätentiös rüber?, erzählt ein Manager einer ehemaligen Ish-Zulieferfirma. ?Er hat Sinn für Ironie und trockenen Humor.?Ish ist Bonsalls siebter Notfall. In der Regel bleiben Manager von Alix Partners neun bis zwölf Monate bei ihren Patienten. Doch der Ish-Chef schmiedet offenbar längerfristige Pläne. Er wirbt für mehr Zusammenarbeit unter den deutschen Kabelgesellschaften, um künftig neue Inhalte für das digitale Fernsehen günstiger einzukaufen. Noch besser seien natürlich Fusionen und Unternehmensübernahmen. Größe sei enorm wichtig. ?Es wird daher schon bald zu einer Konsolidierung im Kabelmarkt kommen, wahrscheinlich schon in den nächsten drei bis sechs Monaten?, prognostiziert Bonsall. Welche Rolle Ish dabei spielen wird, lässt er offen. Das letzte Wort werden ohnehin wohl die Ish-Eigentümer, eine Gruppe von Gläubigerbanken, haben, die das Unternehmen ersteigert haben.In der Branche wird unter anderem über ein Zusammengehen von Ish mit dem hessischen Kabelbetreiber Iesy und Kabel Baden-Württemberg spekuliert. Andere Branchenexperten sehen Ish eher als Übernahmeobjekt für die größere Gesellschaft, die Kabel Deutschland GmbH. Für Bonsall steht nur so viel fest: ?Ich hätte nichts dagegen, eine ganze Weile hier zu sein.? Dann kämen möglicherweise auch seine Deutsch-Kenntnisse zum Einsatz, an denen er derzeit noch arbeitet.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.11.2003