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Iradj El-Qalqili

Die Idee, einen MBA in den USA zu absolvieren, wurde vor ca. vier Jahren geboren. Irgendwie hatte mein eigentliches Berufsziel, Latein- und Geschichtslehrer, nach einem eher ueberraschend zustande gekommenen Praktikum bei der Unternehmensberatung McKinsey doch erheblich an Attraktivitaet verloren. Mein Weg zum MBA war dann gepraegt durch weitere Zeit in der Unternehmensberatung. In meiner Zeit bei McKinsey und Booz Allen Hamilton wurde mir deutlich, dass ein MBA tatsaechlich eine fast notwendige Bedingung war.
Einleitung
Philadelphia ? mehr als eine Mischung aus Universitaet und Entwicklungsland?
Mitstudenten ? Geniusse, Freunde, Wettbewerber oder Party Animals?
Examen - Nahtoderfahrung oder Stressabbau?
Professoren - Forscher, Lehrer, Mentoren?
Jobs - welche Arbeitgeber recruiten wie und wen und warum ueberhaupt? - Teil 1
Jobs - welche Arbeitgeber recruiten wie und wen und warum ueberhaupt? - Teil 2
Das erste Jahr ist vorbei - Licht und Schatten fuer alle, wenn auch nicht umsonst
"Second Years - Wir sind schon GROSS!"
Dog & Pony Show - Wir sind schon gross Teil 2
"Leadership education - sinnvoll und notwendig oder nicht?"
MBA-Endspurt
Das "Japan-Syndrom"



















Die Idee, einen MBA in den USA zu absolvieren, wurde vor ca. vier Jahren geboren. Irgendwie hatte mein eigentliches Berufsziel, Latein- und Geschichtslehrer, nach einem eher ueberraschend zustande gekommenen Praktikum bei der Unternehmensberatung McKinsey doch erheblich an Attraktivitaet verloren.

Die besten Jobs von allen

Mein Weg zum MBA war dann gepraegt durch weitere Arbeitserfahrung in der Unternehmensberatung. In meiner Zeit bei McKinsey und Booz Allen Hamilton wurde mir deutlich, dass ein MBA tatsaechlich eine fast notwendige Bedingung war, um als Unternehmensberater mehr Verantwortung uebernehmen zu koennen und noch fundierter fuer den Klienten arbeiten zu koennen.Meine Latein- und Geschichtskurse waren von eher weniger quantitiver Natur, insofern schien es mir am angebrachtesten, meinen MBA an einer Schule zu erwerben, die ein sinnvolles Gleichgewicht von eher akademisch-quantitativen Kursen und Kursen, die eher auf generelles Management, Psychologie und Organisationslehre zielen, anbietet.Diejenige Schule, die das am ehesten zu gewaehrleisten schien, war die Wharton Business School in Philadelphia.Die Schule hat sich in den letzten Jahren sehr gut in den Rankings geschlagen, der Auswahlprozess war sehr stringent und schnell. Das persoenliche Interview, das ich mit einem Alumnus in Deutschland absolvieren konnte, hat mir sehr schnell ein sehr gutes Gefuehl gegeben. Der Alumnus entsprach doch sehr viel eher dem Ideal von Leuten, mit denen ich gern studieren wuerde ? weniger aufgedreht und vom Ruf seiner Schule berauscht als andere Alumni, die ich in meinem Beruf oder waehrend des Interviewprozesses fuer die verschiedenen Schulen kennengelernt hatte. So kam es denn, dass ich im Sommer 2004 tatsaechlich von Potsdam nach Philadelphia gezogen bin.In den folgenden Tagebucheintraegen werde ich von denjenigen Dingen berichten, die mir in den letzten drei Monaten am ehesten aufgefallen sind ? und die ich vor meiner Abreise gern gewusst haette. Ich dachte, ich waere gut vorbereitet und wuesste, worauf ich mich eingelassen habe ... dem war nicht ganz so.Die naechsten Themen werden insofern sein:
· Philadelphia ? mehr als eine Mischung aus Universitaet und Entwicklungsland?
· Mitstudenten ? Geniusse, Freunde, Wettbewerber oder Party Animals? Schliesst sich das gegenseitig aus?
· Die Klassen ? Kindergarten oder Wissenschaft?
· Professoren ? Forscher, Lehrer, Mentoren?
· Die Business School ? Universitaet, profitables Business, ein Ort zum Wohlfuehlen?
· Gibt es ein Leben neben dem MBA?
· Jobs ? welche Arbeitgeber recruiten wie und wen und warum ueberhaupt? Philadelphia ? mehr als eine Mischung aus Universitaet und Entwicklungsland?
Vor Beginn des MBAs war ich kaum in den USA gewesen ? in Philadelphia kein einziges Mal. Insofern stand mir der ein oder andere Akklimatiesierungsprozess bevor. Troestlich war aber, dass auch meine Mitstudenten aus den USA durchaus mit Anpassungsschwierigkeiten zu kaempfen hatten. Unter dem Strich steht aber, dass Philadelphia durchaus eine Stadt mit Charme ist, auch wenn dieser teilweise eher mit dem Charmes New Yorks in den 80er Jahren zu vergleichen ist.Philadelphia selbst ist eine der groessten Staedte in den USA, was aber auch dem aufmerksamen Beobachter durchaus entgehen darf. Hilfreicher Weise schickt die hauptsaechlich aus Second-Year-Studenten bestehende Wharton Graduate Association einen Wharton Inside Guide an alle neu eingetragenen Studenten. Hier findet man sehr realistische Hinweise z.B. zu Wohnungssuche, genereller Infrastruktur und Wharton-Spezifika. Die Universitaet bzw. Business School steht waehrend des MBAs zwar deutlich im Vordergrund ? ich hatte allerdings erwartet, dass das nur fuer die Studenten der Fall ist. De facto ist aber die Universitaet eine der wichtigsten Einrichtungen der Stadt. Das Leben der Stadt ist deutlich gepraegt von Studenten, sei es in den Kneipen und Clubs oder auf dem Wohnungsmarkt.Insbesondere die Wohnungssuche kann sehr interessant sein. Trotz der online-Wohnboerse, die ueber die Uni angeboten wird, wollte ich meine Wohnung fuer die naechsten zwei Jahre doch selbst besichtigen. Da die Definition von ?zivilisiert bewohnbarer Raum? doch von der abweicht, die mir aus Deutschland bekannt war, kann ich nur stark dazu raten, entweder vor Beginn des MBA-Programmes einen Besuch zur Wohnungssuche zu machen oder erst einmal in eine Kurzzeit-Bleibe zu ziehen. Ich habe circa eine Woche in der Jugendherberge gewohnt, habe dann eher zufaellig ein kleines Studio anmieten koennen, musste aber einen weiteren Monat ueberbruecken. In diesem Monat habe ich in einem Appartment zur Untermiete gewohnt.Meine groessten Herausforderungen bei der Wohnungssuche waren:
  • Umstellung auf die hohen Preise ? die billigeren Einzimmer-Wohnungen sind fuer ca. US$ 1,000 auf dem Markt
  • Gewoehnung an die hoechstens mittelmaessige Qualitaet und unzureichende Pflege so ziemlich aller Gebaeude, die ich gesehen habe
  • Klare Definition des Gebietes, in dem ich wohnen wollte ? es wurde mir erst nach und nach klar, dass die Tips des Inside Guide nicht nur den doesigen Hirnen verwoehnter MBA-Studenten entsprungen waren, nachdem ich eine Wohnung in West-Philadelphia besichtigt (jede Menge leere Drogentuetchen auf der Strasse) und ich die lokalen Nachrichten gehoert hatte (mein Eindruck ist, dass es in einigen Stadtvierteln jedes Wochenende Schiessereien gibt).Mit etwas Muehe ist es moeglich, in Campus-Naehe eine ertraegliche Bleibe zu finden ? besonders schoen ist die Gegend zwischen Rittenhouse Square und 23rd Street, noerdlich durch die Market Street und suedlich durch die South Street begrenzt. Viele Studenten wohnen in Wohngemeinschaften in dieser Gegend, einige in West-Philadelphia. Diejenigen, die Kinder haben, zieht es eher in die Vororte (der Bahnhof ist nur ca. 10 Fussminuten vom Campus).Hat man eine Wohnung gefunden und die eher byzantinisch anmutenden Rituale der Anmietung ueberstanden (Bar-Kaution, verschiedene unerklaerliche Gebuehren, ?interessante? Gestaltung von Vorauszahlungs- und Saeumnisfristen etc.), wird man in die hoeheren Weihen der Sesshaftigkeit eingefuehrt ? Teufel, dein Name ist Philadelphia Gas Works. Alle administrativen Vorgaenge ausserhalb der Universitaet (Eroeffnung eines Bankkontos, Einrichtung des Stromanschlusses oder gar Telephons) sind von einer derartigen Ineffizienz gekennzeichnet, dass ich sogar meine Zeit im Gazastreifen im Nachhinein als dynamisch und wohlorganisiert bezeichnen muss.Nach dem Ueberwinden dieser Huerden wird man aber festestellen, dass Transport und Strassen eher auf Entwicklungslandniveau sind, man aber mit dem Fahrrad alle wesentlichen Orte schnell und problemlos erreichen kann (obwohl man dem Individualverkehr anmerkt, dass man de facto mit 16 Jahren und eher begrenzten Kenntnissen der automobilen Fortbewegung ein Fahrzueg fuehren kann). Zudem wird man entdecken, dass es den ein oder anderen kleinen Park in der Stadt gibt und dass man recht angenehm am Fluss entlang joggen kann. Sollte man nicht nur lernen wollen, kann man die vielen Museen besuchen oder mit den anderen MBA-Studenten die teilweise sehr schoenen Restaurants besuchen (leider auch nur teilweise erschwinglich). Sollte man sogar abends ausgehen wollen, gibt es einige kleinere Kneipen und Clubs ? Qualitaet und Quantitaet scheinen darauf abgemessen zu sein, dass man nur ca. zwei Jahre in Philadelphia bleibt und nicht viel oefter als zweimal pro Woche ausgeht. Mitstudenten ? Geniusse, Freunde, Wettbewerber oder Party Animals? Schliesst sich das gegenseitig aus? Nicht unbedingt ? mein Ziel war es von vornherein, einige Leute zu finden, die nach meinen bescheidenen Massstaeben als Genius zaehlen und sich trotzdem mit mir anfreunden, so dass man auch mal abends weggehen kann. Einen tatsaechlichen Wettbewerb um Noten oder Jobs empfinde ich allerdings nicht.Bei mir haben sich recht schnell vier Kategorien von Studenten herauskristallisiert:

    1. Es gibt, diejenigen, mit denen ich hoffe, auch noch in zehn Jahren in halbwegs engem Kontakt zu sein, und die ich auch dann noch gegen Mitternacht anrufen kann. Das duerften bisher so ungefaehr eine Handvoll sein.

    2. Dann gibt es diejenigen, mit denen ich mir gut vorstellen kann, bei irgendeiner Gelegenheit zusammenzuarbeiten. Das sind sicherlich ca. 20 weitere Leute aus meiner ?cohort?, also den ca. 70 Studenten, mit denen ich die notwendigen Grundkurse zusammen durchlaufe. Dazu kommen noch ca. zehn Studenten, mit denen ich zufaellig, bei der Jobsuche, der Kursvorbereitung, beim Sport oder sonstwie ueber den Weg gelaufen bin.

    3. Die groesste Gruppe ist sicherlich diejenige, von der ich nur ein verschwommenes Bild habe ? 800 Studenten in einem Jahrgang sind doch schwerlich als Individuen kennenzulernen. Sollte man sich in zehn Jahren irgendwo treffen, koennte es sein, dass man sich an das Gesicht erinnert, aber keinen Namen parat hat; man wird aber gut miteinander auskommen koennen. Darunter sind auch erstaunlich viele, die den MBA eher als Urlaub angehen lassen. Es gibt Leute in meiner ?cohort?, die ich in mehr als drei Monaten vielleicht zehn Mal gesehen habe. Ab und zu werden diese Leute dann vom Professor persoenlich als seltener Gast begruesst und mit einer loesbaren Aufgabe beglueckt (?Dave, wo Sie doch eher selten hier sind ? kommen Sie doch mal nach vorne und druecken Sie bitte die Enter-Taste fuer die Simulation. Es waere mir eine Ehre...?). Auch diejenigen Firmen, die zum Recruiting kommen, haben an diesen Kandidaten ihren Spass, wie z.B. neulich, als sich die Sales and Trading-Abteilung einer grossen Bank vorstellte, und einer meiner Mitstudenten vom Recruiter dabei ?ertappt? wurde, wie er einen etwas erfahreneren Second Year Studenten ein wenig hektisch fragte, ob denn Volatilitaet fuer diese Bankabteilung nun gut oder schlecht sei und wieso die denn gar nichts zu Mergers and Acquisitions erzaehlen wuerden...

    4. Eine eher kleine Gruppe sind diejenigen, wo man gar nicht sooo traurig ist, dass es an der Business School viel zu tun gibt, so dass man sich gar nicht mit jedem auseinandersetzen kann ? das sind die Leute, die bei Veranstaltungen mit die Meinung vertreten ?Ich zahl doch meine Studiengebuehren, da sollte es doch in Ordnung sein, wenn ich zu Teamarbeiten nichts beitrage, die verschiedenen Clubs und Events der Business School so nutze, dass ich keine Arbeit investiere, aber daraus eine huebsche Geschichte auf meinem Lebenslauf machen kann ... etc.?

    Um das nur klarzustellen: jeder, der hier ist, hat ein paar Huerden uebersprungen, hat also einen guten GMAT, einen irgendwie nicht ganz durchschnittlichen Job gemacht, vielleicht noch ein wenig was Ehrenamtliches gemacht, und bei einem Interview einen guten Eindruck gemacht. Das heisst nun aber auch nicht, dass man eine universitas mit Leonardo da Vinci-artig begabten Renaissancemenschen vor sich hat. Ich bin aber sehr froh, dass ich ein paar Leute gefunden habe, die wirklich beeindruckend sind ? da ist z.B. Ankur aus Texas, der eine Weile bei McKinsey gearbeitet hat, kein Bier schal werden laesst, aber auch eine laengere Zeit ehrenamtlich fuer eine sozial orientierte NGO in Indien gearbeitet hat. In Sachen Balance zwischen Studienanspannung und Lebens-Lockerheit macht ihm so schnell keiner was vor. Da ist Clay, der sein gesamtes liberal arts-Studium in Sued-Ost-Asien zugebracht hat, so ziemlich alle Sprachen spricht, und lange Jahre dort im Bereich Private Equity gearbeitet hat. Wer aehnlich gut Konflikte erkennen und loesen kann, darf sich was einbilden. Vikram war schon Vice President bei einer grossen Investmentbank, findet das aber inzwischen langweilig und hat sich rein aufs Investieren in Indien verlegt ? die Aufgaben, an denen wir waehrend unserer Kurse schwer zu knabbern haben, hat er ueblicher Weise in wenigen Augenblicken durchschaut und geloest. Ich koennte die Liste noch etwas fortfuehren, aber es duerfte deutlich geworden sein, dass man mit etwas Glueck ganz phantastische Leute trifft, die genialische Zuege haben, Freunde, nicht Wettbewerber sind und einem Partyabend nicht abgeneigt sind. Mit diesen Leuten kann man nicht nur diejenigen Dinge, die direkt MBA-relevant sind (welche Kurse waehlen, welche Jobs suchen, etc.), sondern auch weitergehende Themen diskutieren.

    Einer der Gruende, die mich vom Latein- und Geschichtslehrer zur Unternehmensberatung und somit fast zwangslaeufig an eine Business School gebracht haben, war die Tatsache, dass ich sowhohl in der Uni als auch an den Schulen, an denen ich Praktika zu absolvieren hatte, ein wenig die Diskussion vermisste. In der Uni waren die Studenten (mich eindruecklich eingeschlossen) meilenweit von einem akademischen Grundwissen entfernt, das eine ueber Allgemeinplaetze hinausgehende Diskussion erleichtert haette. Dazu kam noch, dass ich in meinem Semester der einzige Latein- und Geschichtsstudent an meiner Universitaet war ? insofern waren Teamarbeiten eher selten.

    An der Schule war meine Erfahrung, dass die meisten Lehrer eher Einzelkaempfer waren ? Unterrichtsstil und gar ?inhalte waren autonome Zonen, die ungern zur Diskussion gestellt wurden.

    An der Unternehmensberatug reizte mich, dass alle Projekte aufgrund der vielfaeltigen Anforderungen (sei es wegen der komplexen Industrie des Klienten oder wegen der speziellen Funktion) notwendiger Weise im Team bearbeitet wurden und dass die Arbeit teilweise eher einem Debattierclub glich als einem professionellen Dienstleister... am Ende fand sich meist eine Mischung aus leicht spinnerten Ideen und pragmatischen Loesungen.

    Manchmal entwickelt sich im Klassenraum eine aehnliche Situation, in der tatsaechlich anspruchsvoll und weiterfuehrend ueber ein fachliches Thema diskutiert wird. Wharton hat zudem noch das sogenannte Learning Team institutionalisiert, in dem die Studenten den eigentlichen Loewenanteil der Arbeit verrichten sollten und darueberhinaus noch so schwer greifbare Dinge wie Teamfaehigkeit etc. lernen sollen. So soll die spaetere Arbeitswelt simuliert werden.

    Die Learning Teams werden innerhalb der ?cohorts? zufaellig eingeteilt ? mit der Einschraenkung, dass jedes Team von fuenf bis sechs Leuten mindestens einen internationalen Studenten und eine Studentin umfassen soll. Es wird auch darauf geachtet, dass nicht alle aus dem selben Beruf kommen. Fuer praktisch jeden Kurs gibt es ein oder zwei Teamhausaufgaben, die insgesamt ca. 30-50 Prozent der Note ausmachen. Insofern gibt es ein gemeinsames Ziel. Andererseits leidet die Simultation des wirklichen Lebens im Gegensatz zum tatsaechlichen Arbeitsleben daran, dass es keine eigentlichen Anreize gibt, das Team zu bereichern oder etwas Spezielles zu leisten ? man kann sich nicht immer darauf verlassen, dass die Teammitglieder alle immer einen entsprechenden Beitrag liefern oder sich ueber die Zeit hinweg angemessen am Teamprojekt beteiligen. Da niemand das Team verlassen kann, sei es aus eigenem Wunsch, sei es, weil der Rest des Team die Person nicht mehr ertragen will oder kann, ist das Risiko fuer weniger Teaminteressierte begrenzt. Mein Eindruck ist inzwischen, dass 50 Prozent der Learning Teams gut funktionieren, waehrend andere schon seit den ersten paar Wochen nur noch in kurzen E-Mails miteinander kommunizieren.

    Insofern sind viele Studenten umso froher, dass es eigentlich ein grosses Mass an Flexibilitaet gibt ? Klassen finden nur von Montag bis Donnerstag statt. Wenn man dann noch einen Tag in Teamarbeit investiert, kann man durchaus zwei Tage mit denjenigen Leuten verbringen, mit denen man freiwillig und gern zusammen lernt, diskutiert, ausgeht, Sport treibt etc. Examen - Nahtoderfahrung oder Stressabbau?
    Aus gegebenem Anlass (wir befinden uns gerade in der Final Exam Phase fuer das erste Quartal) moechte ich feststellen, dass die Examensperiode das Leben an der Wharton Business School dramatisch veraendert.Zuerst einmal gibt es zwischen dem offiziellen Semesterende und den Examen einige Tage frei. Besser: "eigentlich frei". Je nachdem wie gut Professor und Studenten harmoniert haben, gibt es naemlich Review Sessions. Bisher hat sich folgendes Muster herauskristallisiert (zumindest aus studentischer Perspektive):· "Gute" Professoren bieten von sich aus eine Review-Session an und halten diese auch selbst ab. Der Zeitaufwand betraegt fuer den Studenten ca. drei Stunden (Dokument runterladen, kurz ueberfliegen, zur Session gehen, die ganze Sache nochmal Revue passieren lassen).· "Professoren mit erheblichem Verbesserungspotential in der Lehre" werden wiederholt von den akademischen Studentenvertretern darauf hingewiesen, dass die meisten Studenten im Unterricht rein gar nichts mitbekommen haben und deshalb eine Serie von Review Sessions sinnvoll waere. Zur Erleichterung aller Beteiligten koennen dann TAs (teaching assistants) dafuer eingesetzt werden, insofern sind die Review Sessions meist ein deutlicher Gewinn. Der Professor tut sich in diesem Fall eher damit hervor, 80 Seiten lange PDF Dokumente online zu stellen, die sowohl mit dem Unterricht als auch mit der Review-Session nur schwierig in Verbindung gebracht werden koennen. Zeitaufwand fuer den Studenten: gut und gerne 15 Stunden fuer drei Review -Sessions (Dokumente anschauen, begutachten, zumindest teilweise ausdrucken, zur Session gehen, mindestens zweimal nachbereiten).Sollte man seine eigentlich zum Lernen gedachten Tage nicht mit Review-Sessions ausfuellen, gibt es immer noch hinreichend Universitaetsgremien, Clubs und Feedback-Prozesse fuer Studenten, Professoren oder die gesamte Business School, mit denen man beliebig viel Zeit verbringen kann.Die Lernperiode, dieses Jahr vom 09. bis 15. Dezember, und die Examensperiode (15.-22.), weisen dann auch eine interessante Dynamik auf. Ein nicht ganz untypischer Verlauf sieht in etwas so aus:09.12.: letzte Klassen - erstmal durchatmen (einige cohorts begehen den Tag mit liquid lunch, was zu unterhaltsamen Nachmittagsklassen fuehren kann). Am Abend ein Dinner, z.B. mit dem Europa-Club. Wein ist umsonst!10.12.: Wie war das mit Wein umsonst? War wohl doch kein ganz so edler Tropfen. Day on the Job - einige Investmentbanken laden in ihre New Yorker Bueros ein. Lernen kann man noch am Wochenende, also ab in den 6:30 Zug (ca. 1 Stunde, US$ 50) mit 100 anderen Wharton-Studenten. Ein Nickerchen waehrend der Praesentation, aufwachen, wenn es Haeppchen gibt. Am fruehen Abend zurueck - der Chinatown-Bus (US$ 12, an Freitagnachmittagen gern 4 Stunden) schlaegt auf den Magen. Etwas ausgelassenere Stimmung bei einer groesseren Geburtstagsparty von sieben Studenten (ja, alle 30 und Single; keine weiteren Details).11.12.: Schock - die Haelfte der Examensvorbereitungsperiode ist um und nix ist passiert. Dazu ist der Kuehlschrank leer, die Waesche nicht gemacht und die Buecher in dem Choas unauffindbar. Am Nachmittag: erste Lernversuche.12.12.: Es geht voran: Vorbereitung auf die Review-Sessions.13.12: Drei Review-Sessions. Am Abend hat man ungefaehr den Stand, den man gern nach der Haelfte des Semesters gehabt haette. Noch gute 40 Stunden bis zum ersten Examen.14.12.: Die Uhr tickt. Keine Emails mehr lesen, keine Voicemails mehr abhoeren und keine Textnachrichten beantworten - gute Idee, klappt aber nur bis zum Nachmittag. Kurze Panikschuebe am fruehen Abend. Eine Handvoll Telephongespraeche legen nahe, dass niemand die Aufgaben 3, 4a sowie 12 bis 17 versteht. Durcharbeiten bis 3.00 am.15.12.: Accounting Examen - doch schon um 1.30 pm... seit gestern Abend ist spaetestens klar, dass es nicht um einzelne Notenpunkte geht, sondern darum, sein Fell so teuer wie moeglich zu verkaufen. Am Abend: kurze Erleichterung bis man feststellt, dass am naechsten Nachmittag Finance dran ist. Ein harter Brocken. Die Themen Option Pricing und Black Scholes Modell waren im Unterricht schon schwierig, lieber auf den soliden Teil konzentrieren und hier auf partial credit hoffen. Also nur bis 3.00 am ueben.16.12.: War doch klar, dass Finance besser ist als Accounting. Zumindest faengt es erst um 4.00 pm an. Und Ueberraschung: Die traumatische Midterm-Exam-Erfahrung wird geheilt - alle loesen alle Aufgaben, einige Leute geben sogar frueher ab. Am Abend erstaunlich viele Leute im Fitness-Studio, die schon laenger nicht mehr da waren und einem Schwaetzchen nicht abgeneigt sind... jede Menge individuelle Parties - "ist ja nur Strategie-Examen morgen".17.12.: Nur Strategie? Naja, die Lebensluege, dass das mehr Kunst als Wissenschaft ist, hat am Ende wohl keinen gerettet. Jede Menge fiese Kleinigkeiten in der Fallstudie ... was soll's: "Der Herr hat's gegeben (Finance), der Herr hat's genommen (Strategie)". Am Abend haben die meisten cohorts individuelle Feiern angesagt - je nachdem, wo die Party stattfindet, verlaeuft der Abend. Beim recht hippen polnischen DJ steht ein Fass Bier, haertere Sachen sind vorhanden, es wird getanzt und einige Leute verschwinden in seeeehr kleinen Gruppen. Einer anderen cohort hat jemand sein Apartment zur Verfuegung gestellt, der als Mormonenpriester natuerlich nichts gegen Alkohlkonsum anderer einzuwenden hat, aber einen gewissen Rahmen nicht ueberschritten sehen moechte, klar, sind ja auch Kinder da, natuerlich, wir ziehen die Schuhe aus. Es wird zur Gitarre gesungen und gegen 10.00 wird es ein bisschen laut fuer die Nachbarn. Nein, nein, sie haben sich noch nicht beschwert, aber man kann die Gespraeche doch ein bisschen daempfen, oder? Klares Signal zum Abflug zu verschiedenen anderen Lokalitaeten, z.B. Kneipe (Eine Ehefrau ueber einen Mitstudenten: "Nein, nein, ich muss ihn nicht nach Hause tragen. Falls er es wirklich nicht packt - die vier Blocks schafft er auf allen Vieren. Ich kenn ihn doch..."). Berichte von einer recht gelungenen Geburtstagsparty treffen so gegen 6.00 morgens bei mir ein ("Ja, ich hab Deine Nachricht bekommen. Mach Dir keine Sorgen, dass ich nicht mehr in der Kneipe war. Ich versuche gerade nach Hause zu finden"). Sollten wir uns tatsaechlich wieder zu pre-term-artigen Hoehen aufschwingen?18.-19.12: Deutlich zuviel gefeiert. Erstmal ausruhen, an Weihnachten denken und jede Menge Kleinkram erledigen. Man wird alt.20.12.: Noch ein Tag bis zum "Managing People at Work"-Examen. Sind ja nur ein paar Hundert Seiten zum Lesen...21.12: Ok, das Examen sollte keinen Schweiss-Ausbruch hervorrufen. Aber die Email "Letzte Party dieses Jahres" klingt unheilverheissend. Es wird ausdruecklich versprochen, die Ereignisse des 17.12. DEUTLICH in den Schatten zu stellen.22.12.: Operations Management - so richtig hatten den Inhalt doch sowieso nur die Softwareingenieure verstanden, oder? Am Abend ein weiterer Party-Hoehepunkt in Aussicht.23.12.: Ab in den Flieger nach Hause. Einige internationale Studenten wollen sehen, wie man die Weihnachtspause und die Klausuren optimieren kann: Fluege nach Australien, Indien, London, etc. haben eine gewissen Weihnachtsaufschlag und man kommt so spaet und ohne Weihnachtsgeschenke zu Hause an, dass man fast ueberlegt, im naechsten Jahr die Klausuren zu schwaenzen... war doch sowieso alles repetitiv, oder? Professoren - Forscher, Lehrer, Mentoren?Wie schon an der ein oder anderen Stelle angedeutet: Es gibt ganz phantastische Professoren, die tatsaechlich alle drei Funktionen (Forscher, Lehrer, Mentor) mit Bravour wahrnehmen. Jeder, der hier lehrt, hat zumindest die verschiedenen Forscher-Huerden uebersprungen. Na, was gemerkt? Richtig - gute Forschung qualifiziert hier zur Lehre. Es gibt ja auch Gruende, die dafuer sprechen. Wharton gibt den jungen Professoren dann ein bisschen Zeit, ihre Forschung sozusagen in die Lehre zu verpacken. So kommt es immer wieder vor, dass man den Unterricht eines jungen Assistant Professors kopfschuettelnd verlaesst, nachdem man berechnet hat, wieviel Geld jetzt gerade 70 Studenten fuer eine absolut nichtssagende Unterrichtseinheit verpulvert haben. Auf der anderen Seite gibt es so dermassen aussergewoehnliche Individuen, dass man fuer deren Stunden auch das Doppelte zahlen wuerde. Tatsaechlich gibt es fuer die Electives, also diejenigen Kurse, die man etwas spaeter, ausserhalb der Kern-Kurse, belegt, einen Markt, auf dem man Punkte fuer die einzelnen Professoren bieten muss.Warum sind einige Professoren so beliebt? Ich gebe nur einige Beispiele:
    · Ein Statistik-Professor, der mit 24 Jahren seine Doktorarbeit beendet hatte, dann kurz Assistant Professor war, daraufhin professioneller Opernsaenger geworden ist, und nun wieder als Professor mit Tenure an der Business School arbeitet. Er schafft es dazu noch, 70 Studenten am Montag um 09.00 a.a. trotz Statistik wach und engagiert zu halten. Dazu antwortet er auf Emails innerhalb von 20 Minuten - Hut ab.
    · Ein Operations-Professor, der ein photographisches Gedaechntis besitzt (kurze Beschreibung dazu existiert bereits auf diesem Forum). Dass er es dazu noch schafft, waehrend des Unterrichtes alle moeglichen Querverbindungen herzustellen ohne abzuschweifen, ist enorm beeindruckend. Beispiele? Sich an den Geburtstag eines Studenten erinnernd: "... und das wuerde genau zwei Tage vor diesem ganz speziellen Tag passieren, nicht wahr, F.?". Den letzten Job einer Studentin im Kopf: "... wie das Model ja auch bei Goldman verwendet wird, richtig, T.?". Er macht auch vor prospective students nicht Halt - manchmal kommen Leute zu Besuch, die sich bei Wharton bewerben und sich den Unterricht mal anschauen wollen. Ueblicher Weise werden sie dem Professor kurz vorgestellt (ca. 10 Sekunden) - es kommt dann gerne mal vor, dass er sie aktiv einbindet: "... wo Sie doch bei HP in der Entwicklungsabteilung gearbeitet haben ... dann kennen Sie doch den Herrn X, der hat das Model Y entwickelt ... haben Sie noch damit gearbeitet?". Dass der gute Mann waehrend des Unterrichts den Raum mit Speedy-Gonzales-aehnlicher Gewschwindigkeit vermisst, sei nur am Rande erwaehnt, hat aber dazu gefuhert, dass einige Studenten inzwischen Runden zaehlen.
    · Ein Managerial-Economics-Professor, der seine offenbar der Hippie-Zeit entstammenden Urlaubsphotos von Paris (vor einer Widmungsplakette eines franzoesischen Theoretikers) zeigt, Spieltheorie an der Wochenendplanung mit seiner Frau (Optionen: Baseball vs. Theater) erklaert, Bundling-Pricing an einem McDonalds-Besuch mit seinem Bruder und seinen Soehnen klarmacht ... Die Zeit, die er auf persoenliche Gespraeche, im Klassenraum, auf dem Gang und auf der Strasse mit Studenten verbringt, ist nicht zu unterschaetzen. Die Tatsache, dass er nach dem Fall der Apartheidsregierung "nebenbei" die Suedafrikanische Regierung fuer ca. 10 Jahre beraten hat, macht ihn noch interessanter und beliebter.
    Es ist recht deutlich, dass es viele Professoren gibt, die als gute Forscher angefangen haben, dann gute Lehrer geworden sind und nun diese beiden Bereiche so souveraen abdecken, dass sie den Studenten auch ein bisschen Mentor sein koennen. Ein interessantes Beispiel ist hier der Management-Professor, der einen Schwerpunkt auf Human Resources hat. Sein Unterricht dient nicht nur dazu, dass die Studenten lernen, welche dreckigen kleinen Spielchen die HR-Abteilung ihres letzten Arbeitgebers mit ihnen gespielt hat, bzw. wie man solche Dinge sinnvoll anwendet und Zusammenhaenge begreift. Sein genuines Interesse an den einzelnen Personen kommt deutlich zum Ausdruck, wenn er sagt, dass eine wesentliche Funktion seines Unterrichtes darin besteht, den Studenten zu helfen, ihre zukuenftige Karriere so zu planen, dass sie sich langfristig wohlfuehlen. Wer ihn dann persoenlich mit einer Frage zu einem moeglichen Praktikum bei der Firma X angeht, der bekommt in kuerzester Zeit eine Antwort, die tatsaechlich weiterhilft - ein bisschen "Erkenne Dich selbst" tut den meisten MBA-Studenten ganz gut.Unter dem Strich steht also, dass man ueber die nicht sehr homogene Gruppe der Professoren auch eine Verteilungskurve legen kann, aehnlich wie bei den Studenten. Auch wenn es den ein oder anderen gibt, bei dem man sich wundert, ob Wharton wirklich der richtige Platz ist - die grosse Masse der Leute ist von hoher Qualitaet und laesst sich so wohl nur an wenigen Spitzeninstituten auf der ganzen Welt finden. Dass das System der Professorenauswahl und der Zuerkennung von Tenure nicht immer ganz fehlerfrei laeuft, ist bekannt (deutlich geworden z.B. daran, dass ein Assistant Professor hauptsaechlich wegen seiner Forschung keine Tenure bekommen hat, aber spaeter einen Nobelpreis gewonnen hat). Das Schoene ist aber: Die Business School weiss es und arbeitet daran. Jobs - welche Arbeitgeber recruiten wie und wen und warum ueberhaupt?"Wenn alle Investmentbanker, die Unternehmensberater werden wollen, einfach mit denjenigen Unternehmensberatern tauschen wuerden, die gern Investmentbanker werden wollen, haetten die Business Schools fast keine Kunden mehr."Nun, so ganz stimmt das zumindest fuer die Wharton Business School nicht. Nicht nur, weil gerade an finanzwissenschaftlich orientierten Business School oft folgende Pyramide "Standesunterschiede" zwischen Berufen als gueltig angsehen wird: Ganz oben sitzen derzeit die Hedge Funds Leute, danach kommen die Private Equity Investoren, dann die Investmentbanker, ein gutes Stueck darunter die Unternehmensberater und ganz weit unten im Orkus der Armseligen, da zehrt "die Industrie" an dem Gnadenbrot, das ihr die verschiedenen Professional Service-Companies gelassen haben.Da nun die meisten MBA-Studenten in dieser Pyramide aufsteigen wollen (und sei es nur von einer grossen Private Equity Firma zu einer kleinen, wo mehr Verantwortung und Einkommen winken) nimmt der Wahnsinn direkt am ersten Tag des MBA-Programmes seinen Lauf.Im Herbst lassen sich alle grossen Firmen auf dem Campus sehen - rein gefuehlsmaessig wuerde ich sagen, dass die Veranstaltungen von Goldman Sachs und McKinsey den groessten Zulauf hatten. Andere Firmen halten mit wirklich individuellen und auf die Studenten abgestimmten Recruiting-Events dagegen. So ergibt es sich, dass die meisten Studenten im Herbst pro Tag ca. 4 Stunden im Klassenraum, 2 Stunden auf Job- und Firmenrecherche, sowie 2-4 Stunden auf Recruiting-Events aufhalten. Trudelt man dann mit Fingerfood und Cocktails abgefuellt so gegen 22.00 im trauten Heim ein, besteht die Wahl zwischen Familie, Hobbies, Schlaf - und nicht zuletzt Lernen. Am naechsten Tag werden natuerlich fleissig Dankesemails geschrieben - aus irgendeinem Grund hat man die einzelnen Mitarbeitern der rekrutierenden Firma ja um die Visitenkarten gebeten.So zieht sich der Herbst dahin, die etwas erlauchteren und begabteren Netzwerker werden von den einzelnen Firmen immer wieder zum Dinner, zum Cocktail, zum informellen "Informational Meeting" - einem verkappten Interview - eingeladen. Hingehen kostet Zeit, nicht hingehen kann bedeuten, dass man sich in der Warteschlange wieder ganz hinten anstellen darf - oder da schon gar nix mehr zu suchen hat.Hat man sich im Dezember gerade an den Trott gewoehnt, kennt alle Recruiter mit dem Vornamen, weiss, wer wann an welcher Business School war etc., ueberstuerzen sich die Ereignisse: Man darf sich tatsaechlich formal bei den einzelnen Firmen um Stellen bewerben. Die Schule stellt dafuer eine besondere Internetseite zur Verfuegung, die die Bewerbung bei im Schnitt 4 bis 20 Firmen vereinfachen soll. Die Gefahr liegt hier darin, dass man mit einem versehentlichen Tastendruck einen kompromittierenden Lebenslauf wie "Ich wollte schon immer in der Automobil-Industrie und nur bei Ihnen arbeiten..." an die eigentlichen Wunscharbeitgeber (grob geschaetzte 10 Banken, 5 Beratungen und 20 Private Equity Firmen) senden kann - und natuerlich trifft es mindestens einen Studenten pro Jahr. Hat man sich durch einige Stunden Einfuehrung der Internetseite das Recht ersessen, diese auch zu benutzen, werden im Copy-Paste-Verfahren Lebenslaeufe und Coverletter erstellt, die verschiedenen Recruiter kontaktiert - und die verschiedenen Bewerbungen auf den Weg gebracht.Zwischen Anfang Dezember und Weihnachten herrscht fast Stille - nur die ein oder andere Firma, die es mit professionellem Recruiting fast ein bisschen zu gut meint, reisst die Studenten aus Shopping, Pre-Christmas-Goodbye-Drinking, oder sogar dem heissgeliebten Lernen. Die meisten Firmen melden sich erst ca. zwei Wochen vor dem eigentlich Interviewtermin Anfang Februar, aber wie gesagt, es gibt auch welche, die einem eine Weihnachtskarte mit einer Einladung zum Interview schicken. Andererseits gibt es Firmen, die Absagen am 25. Dezember per Email verschicken - wenn man bedenkt, dass sie ja auch haetten anrufen koennen...Kommt man nach der Weihnachtspause - der Karriereberater klingt einem noch in den Ohren "... und ganz wichtig, unebdingt Interviews ueben ueber Weihnachten ..." - wieder nach Philadelphia, bangt und zittert man, bis die meisten vor der nackten Wahrheit stehen: Dieser Recruiting-Fruehling laesst sich gut an. Sogar einige Leute, deren Eignung zum Unternehmensberater sich im Unterricht als genauso fundiert erwiesen hat wie die bekannte Tatsache, dass die Erde eine Scheibe ist, haben Einladungen zu allen guten Firmen bekommen. Im Schnitt scheint es so zu sein, dass die meisten Studenten sich fuer eine knapp zweistellige Zahl von Interviews bewerben - die Zusagequote liegt bei unbestaetigten 30-100%, wobei 100% eher ungewoehnlich ist. Jeder Psychologe waere begeistert von den Beispielen kognitiver Dissonanz: Ist man von Firma A und B abgelehnt worden, haette man da ja sowieso nicht wirklich hingewollt ... nein, die Brand einer Firma, so wichtig ist das auch nicht, man will ja was lernen ... und ueberhaupt, es geht ja um die Leute, mit denen man arbeitet. Firma A und B waren sowieso etwas knickerig bei den Dinner-Einladungen...Die Tage bis zur sogenannten DIP-Week (Dedicated Interview Period) vergehen mit panischen Probeinterviews mit dem Karriereservice, Klassenkameraden, alten Bekannten, vollkommen Unbekannten und dem kleinen gruenen Mann im Ohr... waehrend der Klassen kann man sich gut auf die Interviews vorbereiten, also Firmenreports lesen, den eigenen CV durcharbeiten etc.; das Highlight an Vorbereitung ist aber, dass man Das Schlaue Buch nicht aus der Hand legt. Jedem, der eine Karriere im Finanzbereich anstrebt, wird nahegelegt, ein ca. US$ 50 kostendes Tagesseminar zu belegen, dass vom Prinzip in acht Stunden alle Finanzthemen durchnimmt, die im Interview abgefragt werden koennen. Fuer alle anderen Interviews ist es zumindest ganz hilfreich, weil man damit verschleiern kann, dass man bis zum Mid-Term-Exmen nicht wusste, wie der Finance- oder Accounting-Professor nun heisst oder wann der Unterricht genau stattfindet. Bisher hat noch niemand erklaeren koennen, warum wir ueber dieses von einem externen Anbieter veranstaltete Seminar hinaus noch Kurse belegen muessen, aber angeblich hat es etwas damit zu tun, dass Wharton einen zertifizierten MBA vergibt und somit gezwungen ist, dem Studenten zumindest nahezulegen, eine gewisse Zeit im Klassenraum zu verbringen...Bis zu den engueltigen Interviews entdecken die meisten Jekyll und Hyde in sich - beim Aufstehen schwoert man Blutsbruderschaft mit Firma A, am Mittag ist man sicher, dass nur Firma B den Traumjob zu bieten vermag und am Abend ist ganz klar, dass man nur wegen Firma C ueberhaupt nach Wharton gekommen ist.Um diesen Text in ueberhaupt irgendeiner Weise mit dem Titel zu verbinden: welche Arbeitgeber recruiten wie und wen und warum ueberhaupt?Welche Arbeitgeber: die meisten wichtigen Unternehmensberater und Banker sind da. Industriekonzerne suchen manchmal jemanden im Marketing, manchmal jemanden fuer Corporate Finance. Die "anderen" gibt es auch - es ist aber eine Minderheit.Wie wird rekrutiert? Ganz unterschiedlich - von ziemlich aggressiv-arrogant ("Mir san mir") bis zu nett und unkompliziert. Aufwaendig ist es fuer Firmen und Studenten. Die Firmen kostet es Geld, die Studenten zumindest Notenpunkte.Wer wird rekrutiert? Zur Zeit ist nur absehbar, wer viele Absagen und wer wenige bekommen hat. Es ist aber erstaunlich, dass viele Firmen offensichtlich noch das Gluecksrad und den Wuerfel bei der Auswahl der Interviewkandidaten verwenden (nein, ich bin nicht gekraenkt - ich habe alle meine Interviews bekommen.).Warum wird rekrutiert? So kraeftig, wie der Markt angezogen hat, wird es schon einen Grund geben. Oder koennen einige hundert Recruiter irren? Nein, es geht ganz einfach darum, dass Wharton eine gute Schule ist und gute Studenten hat. Wenn man die Gelegenheit hat, die fuer einen Sommer auszuprobieren, kann man sich diejenigen raussuchen, die am besten passen. Wer mit seinem Sommerpraktikum nicht gluecklich wird, hat immernoch das zweite MBA-Jahr - und ausserdem hat er im Sommer zumindest ein bisschen Geld verdient, was die Rueckzahlung der Tuition-Fee erleichtert... Also: ein Handel auf Gegenseitigkeit, Rueckgabe und Irrtum kein Problem.In der naechsten Folge hoffe ich, vom grossen Showdown berichten zu koennen ... wer hat den Traumjob, wie doof koennen Firmen sein, Student XYZ nicht einzustellen, welche marginalen Unterschiede bestehen zwischen einem Scherbengericht und diesen Interviews etc. Teil 2: Jobs - welche Arbeitgeber recruiten wie und wen und warum ueberhaupt?Grosse Verwirrung nach den ersten so genannten First-Round-Interviews:
    • Interviewer fragen frecher Weise Dinge, die nicht im Corporate Finance Kurs abgehandelt wurden (nach einiger Recherche stellt sich heraus, dass die Fragen sich auf Methoden bezogen, die zwar nicht in den Class Notes besprochen wurden, aber im Appendix des Buches, was man zusaetzlich haette lesen muessen. Die fast 100%ige Ausfallquote der Studenten spricht fuer sich....)
    • Interviewer erklaeren die Methode, die der Corporate Finance Professor als zu kompliziert und rein akademisch gebrandmarkt hat ("...nein, nein, die werden sie im Interview nicht brauchen ... kein Investmentbanker versteht das wirklich ..."), fuer absoluten Standard
    • Student A, von dem schon jeder ueberrascht war, dass er eine Intervieweinladung bekommen hat, hat sich fuer die weiteren Interviewrunden qualifiziert, wohingegen Student B, dem man einen Direktaufstieg zum Managing Director waehrend des Sommerpraktikums durchaus zugetraut haette, sich auf andere First-Round-Interviews oder gar andere Jobs konzentrieren darf.
    Noch groessere Verwirrung nach den Second-Round-Interviews:
    • Viele gute Leute ohne ihr Traumpraktikum,
      o teilweise von allen Branchengroessen abgelehnt,
      o teils in andere Bueros "verschachert" (New York statt London),
      o teilweise bei derjenigen Firma gelandet, wo man partout nicht hin wollte,
      o teils nur ein Angebot fuer Undergraduates, nicht auf MBA-Level (weil angeblich Arbeitserfahrung fehlt usw., was natuerlich im eigentlichen Prozess nicht zur Sprache kam)
    • Einige Mutige mit Reiseplaenen fuer den Sommer statt Praktikumsplanungen,
    • Einige Leute haben tatsaechlich den Recruitingzirkus fuer Investment-Banking und fuer Consulting hinter sich gebracht - z.T. auch noch erfolgreich
    Fuer mich war es schockierend, dass sich ganz klare Gruppen gebildet haben, die bisher ganz unterschiedlichen Erfolg auf dem Jobmarkt haben:
    1. Der determined mainstream: Leute, die unbedingt in Consulting oder Investment-Banking gehen wollen und dafuer hart gearbeitet haben - eher weniger im Unterricht, aber um so mehr auf den Recruiting-Veranstaltungen
    2. Die abgeklaerten solid guys: Leute, die wirklich akademisch gut, schon einiges gesehen haben (bevorzugt ausserhalb von Corporate America, z.B. start ups etc.), die sich gesagt haben, dass sich Qualitaet in den Interviews durchsetzen wird
    3. Corporates: bevorzugt Leute, die Familie haben oder planen, hier und da ein freies Wochenende zu schaetzen wissen und auch mit einer einzigen Rolex leben koennen
    4. Finanzjongleure: Leute, die bevorzugt als Investment-Banker gearbeitet haben, und jetzt "richtig" Geld verdienen wollen, also in Private Equity, Hedgefunds oder Investment Management arbeiten wolle.
    5. Die freaks: Aussteiger-Mentalitaeten, die sich sicher sind, dass sie nach dem MBA nicht zwingender Weise in der Gosse landen werden, einige Bewerbungen auf gut Glueck geschrieben haben und sehr gut darauf vorbereitet sind, im Sommer einfach nur Urlaub zu machen.
    Die meisten, die im determined mainstream mitgeschwommen sind, haben einen Job bekommen - vielleicht nicht in der Traumstadt mit der Traumfirma usw., aber immerhin. Diejenigen, die aber nur darauf gesetzt haben, sich nicht bei einer hinreichenden Anzahl von Firmen beworben haben und vielleicht ein bisschen Pech hatten (oder tatsaechlich nicht fuer den Beruf geeignet sind), stehen jetzt natuerlich bloed da. Gerade weil die meisten sich so auf diese Branchen fokusiert haben, bleibt nicht viel Manoevrierraum.Erstaunlicher Weise sind besonders viele solid guys auf die Nase gefallen - mein Verdacht ist, dass gerade die wirklich schlauen und netten Menschen ein Problem mit dem teilweise prostititionsartigen Recruitingprozess haben... da die Leute aber echt gut sind, relevante Erfahrung haben und auch hier noch was gelernt haben, wird sich schon was finden.Corporates haben das Problem, dass das Recruiting fuer diese Firmen eher spaet anfaengt, nur wenige Interviewplaetze zur Verfugung stehen, der Wettbewerb aber gross ist (viele Leute haben sich in der zurueckliegenden Rezession so dermassen in Consulting und Banking aufgerieben, dass wohl kaum noch ein Weg zurueck fuehrt). Wer allerdings fruehzeitig und solide an diesem Ziel gearbeitet hat, der bekommt auch einen Job oder hat ihn schon. Das Career Management Office hat hart daran gearbeitet, dass viele gute klassische Unternehmen nach Wharton kommen - aber man merkt, dass Wharton doch noch den Finanz-Ruf hat...Die Finanzjongleure haben ein aehnliches Problem wie die Corporates. Da in diesen beiden Bereichen die Mitarbeiter im Schnitt laenger bleiben als im klassischen Investmentbanking oder im Consulting, ist die Auslese von potentiellen Mitarbeitern etwas gruendlicher. Zudem wird gerade bei Private Equity Firmen sehr spaet und sehr situationsgebunden eingestellt. Wenn ein deal durch die Tuer spaziert, haette man immer gern schon gestern jemanden eingestellt. Wer hier arbeiten will, hat also im Herbst schon angefangen, seine Visitenkarten an allen moeglichen und unmoeglichen Gelegenheiten anzubringen... so gibt es Leute, die einen Private Equity Job schon im Dezember gefunden haben. Generell werden die interessierten Studenten aber noch ein bisschen warten muessen, bis sie wissen, wie ihr Sommer verlaeuft.Nicht ganz ueberraschend sind die Freaks die kleinste, aber nicht die unangenehmste Gruppe. Darunter sind Leute, die schon wissen, dass sie auf jeden Fall zu ihrer alten Firma zurueckgehen werden, oder dass sie einen Job annehmen werden, zu dem sie den MBA eigentlich nicht gebraucht haetten. Eine junge Dame gestand mir auch neulich, dass sie nach Paris gehen wuerde, um einen Sprachkurs zu machen und sich nach einem neuen boyfriend umzuschauen... einige Freaks haben aber auch einige Bewerbungen fuer nicht-traditionelle Praktika verschickt (Berater in Entwicklungslaendern usw.) - Dinge, die sie gerne machen wuerden, auf die sie aber nicht immer rechnen koennen.Ueblicher Weise finden ca. 50% der Studenten ihren Sommer-Job durch das on-campus-recruiting, das auch eine sogenannte DIP week (dedicated interview period) einschliesst. Die Zahlen fuer dieses Jahr sind noch nicht ganz raus, da noch nicht alle Studenten im online-System eingetragen haben, was sie denn nun genau machen werden - man hat ja immer ein paar Wochen, um sich genau zu ueberlegen, ob man nun bei Firma A oder Firma B arbeiten will.Die Frage, wer wie wen wann und warum rekrutiert, ist ein ganz klein wenig zu pauschal, um sie zu beantworten. Mein persoenlicher Eindruck von den bisherigen Ergebnissen ist allerdings, dass gerade die Beratungen deutlich anders rekrutieren als ich gedacht haette: Erfahrung scheint wieder mehr zu zaehlen, klares Bekenntnis zum Beratertum wird gefordert, und zuviel Ego ist absolut verpoent (allerdings ist die Grenze hier anscheinend sehr fliessend - ich habe bisher beobachtet, dass eher Leute mit zu wenig Ego eingestellt wurden; diejenigen Leute, die ich solide nennen wuerde, fragen manchmal nach, wenn sie der Meinung sind, dass etwas nicht sinnvoll ist - ergo haben sie keine Jobs bekommen).Bei den Banken war es eher so, dass die wirklichen Top-Banken weniger auf die hard skills geachtet haben - Lehman Brothers, Morgan Stanley und Goldman Sachs hatten alle sehr freundliche, eher an der Person interessierte Interviewer (zumindest in der ersten Runde). Andere Banken wie Citigroup haben Leute in der ersten Runde jede Menge detailverliebte, akademische Fragen gestellt - das hat dazu gefuehrt, dass bei vielen Bewerbern die Trennung in sweatshops (bevorzugt klassische Banken, die auch Investment-Banking machen) und hervorragende Investment-Banken ganz klar bestaetigt wurde.... (ja, richtig, ich habe bei den Interviews mit den sogenanngen sweatshops weniger gut ausgesehen, habe dafuer das dort angehaeufte Wissen bei den so genannten hervorragenden Investment-Banken weiterverwenden koennen, und werde den Sommer bei Lehman Brothers in London im M&A-Bereich verbringen).Im Endeffekt wird es aber so sein, dass die meisten von uns etwas aus dem Recruiting-Prozess gelernt haben:
    1. Es gibt eine Welt ausserhalb von Wharton. Leute werden von Firmen fuer die Sachen bezahlt, die wir im Unterricht machen (uund fuer die wir bezahlen). Wenn wir unsere Tuition Fees bezahlen wollen, koennte das ein interessanter Ort sein.
    2. Auch mit einem Wharton MBA (den wir ja noch nicht mal haben), muss man sich erstmal bewerben und dann die Leute ueberzeugen, dass sie mit einem arbeiten wollen.
    3. Wir haben gelernt, dass es sympathische und weniger sympathische Firmen gibt.
    4. Wir haben uns mit der Idee, dass es in der wirklichen Welt, also ausserhalb von Wharton, auch noch sowas wie Beliebigkeit und Zufall gibt.
    Das erste Jahr ist vorbei - Licht und Schatten fuer alle, wenn auch nicht umsonst
    Begonnen hat es im August mit pre-term, Partys, grossem Kennenlernen - einer einzigen Orientierungsphase - und es endet unspektakulaer mit einigen Pruefungen. Ist das alles zum ersten MBA-Jahr an der Wharton School?Nein, natuerlich nicht. Jeder hat irgendwie Federn gelassen - alle finanziell, viele haben nicht die Traumjobs bekommen, auf die sie gehofft haben, jede Menge Leute haben sich an Black Monday von ihren Partnern getrennt, viele haben lernen muessen, dass die Noten aus dem ersten Studium hier nicht so einfach zu wiederholen sind.Aber alle nehmen auch etwas mit in diesen Sommer: Sogar diejenigen, die auch jetzt noch keinen Sommerjob gefunden haben, haben etwas gelernt - und wenn es nur Bescheidenheit ist.Einige sind froh, wieder zurueck in den Geschaeftsalltag zu gehen - zumindest fuer den Sommer. Dinge tun, die sich nicht nur ggf. in Notenpunkten und wie auch immer gearteten Lernfortschritten messen lassen. Das Gefuehl, fuer harte Arbeit auch bezahlt zu werden, anstatt dafuer zu bezahlen. Aber wieder in einer Hierarchie funktionieren?Andere vermissen jetzt schon den Studentenalltag. Viele sind dabei, die sich im MBA behaglich eingerichtet haben: Lernen auf ein Minimum reduziert, Clubaktivitaeten eher als Konsument denn als Gestalter, Fokus darauf, eine zweite Fremdsprache zu lernen, eine schoene Zeit mit Freund oder Freundin zu verbringen, einen Tanzkurs zu machen oder auf einen Marathon zu trainieren. MBA als Selbsterfahrung fuer diejenigen, die sich mit fast 30 noch nicht selbst kennen.Gemeinsam ist allen, dass man sich auf den Urlaub freut. Die Klausuren sind fuer fast alle in der ersten Maiwoche vorbei. Das Herbstsemester geht in der ersten Septemberwoche los. Also vier Monate Ferien - wenn da nicht die ein oder zwei Praktika waeren. Doch, es gibt Leute, die machen zwei Praktika. Favorit scheint hier diesen Sommer Investmentbanking plus Private-Equity/Venture Capital zu sein. Aber die Mehrheit freut sich dann doch auf die entspannte Zeit - einige fahren noch einen Monat mit der Uni weg: "Global Immersion Program" heisst das - Zielgebiete sind Suedamerika, Europa, China, Indien, Suedostasien. Das Program ist nicht gerade fuer seine akademische Strenge bekannt, eher fuer die Tatsache, dass man bis zu drei Tagen pro Woche jeweils einige Firmen besucht.In den letzten Wochen hat sich bei den meisten schon ein bisschen Wehmut breitgemacht. Die Vorsaetze zum zweiten MBA-Jahr basieren darauf (Zitat eines Unternehmensberaters in spe), "dass man in den 10 Praktikumswochen die Firma dahingehend uebers Ohr hauen kann, dass sie einen wirklich fuer einen wertvollen Mitarbeiter haelt":
  • Vorsatz 1: naechstes Jahr wird nicht mehr soviel gelernt. Das ist unser letztes Jahr. Es wird mehr gefeiert. Keine Kompromisse.
  • Vorsatz 2: Daran anknuepfend - kein falscher Geiz mehr. Im ersten Jahr gab es noch grosse Augen, wenn man US$ 100 fuer einen Taschenrechner zahlen sollte. Ab Herbst wird aus den Vollen geschoepft: mindestens einmal Skifahren, einmal Karibik, einmal richtig Springbreak, mehr Wochenenden in New York...
  • Vorsatz 3: 800 Studenten im Jahrgang und nur mit soundsovielen besser bekannt. Jedes 1./2./usw. Wochenende wird zu Hause gekocht und moeglichst viele Leute eingeladen, um mal ein bisschen zu netzwerken.
  • Vorsatz 4 (eher bei den Damen zu finden): Lernen und Job bekommen im ersten Jahr hat funktioniert. Jetzt noch einen Boyfriend mit Potential...
  • Vorsatz 5 (eher bei den Herren): Beziehung vor oder waehrend dem ersten Jahr "gekuendigt", im ersten Jahr gelernt und Job bekommen, aber immer noch nicht mit einer hinreichenden Anzahl von undergrad-Studenten angebaendelt. Das muss sich aendern.
  • Vorsatz 6: die neuen Studenten sehr viel deutlicher vor schlechten Kursen und Professoren warnen.So weit, so gut. Realistischer wird es wohl sein, zu erwarten, dass wir alle im September wiederkommen, ein bisschen mehr feiern, vielleicht nicht ganz so aufs Geld schauen, ein bisschen mehr netzwerken, ein bisschen mehr herumflirten und vielleicht wirklich mit den neuen Studenten sprechen.Aber spaetestens im Oktober werden wohl die alten Verhaltensmuster durchschlagen: ein bisschen mehr lernen, um vielleicht doch unter die Top-10% zu kommen, vielleicht doch am Wochenende noch nach anderen Job-Moeglichkeiten suchen... wir werden sehen.Und am Ende werden wir feststellen, dass wir in diesem ersten Jahr doch viel gelernt haben. Wir haben nette Leute getroffen, wir sind gereist, wir haben verschiedene Sportarten ausprobiert, wir haben mit unglaublich vielen Firmen ueber Jobs gesprochen, uns mit unseren learning teams zusammengerauft - und ja, sogar in den "Laberfaechern" was gelernt. Einige von uns moegen inzwischen Philadelphia - zumindest hasst es kaum noch jemand. Und da wir bei dem ganzen Spass wenig geschlafen haben und hohe Schulden aufgenommen haben, halten wir einen Wharton MBA fuer etwas ganz tolles und werden uns selbst, unseren Klassenkameraden und anderen vielleicht sogar anderen MBAs auf die Schulter klopfen und uns sagen, dass doch eigentlich alles ganz prima war. Zumindest hat fuer die meisten fuer uns schon das erste Jahr sehr viel veraendert. Meist zum positiven - und das ist doch schon mal was.Also: durchatmen, Job bekommen, und auf ins zweite Jahr. Aber eben erst im September. "Second Years - Wir sind schon GROSS!"Der Sommer ist vorbei - in den ersten Wochen auf dem Campus laufen 95% der Gespräche gleich ab: "Wie war Dein Sommer? Gehst du zurück (zu Deinem Sommer-Job-Arbeitsgeber) oder guckst du noch?"Also, hier kurz die Zahlen: mehr als 95% aller Studenten haben ein Sommerpraktikum gemacht. Ca. 50% davon haben ein Jobangebot bekommen. Davon wiederum hat die Hälfte damit die Jobsuche beendet und kann sich somit das zweite Jahr auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren. Umgekehrt suchen also noch 75% aller Wharton Second Year Studenten einen Job. Liebe Freunde vom Handelsblatt, wollt und könnt Ihr diesen Abschnitt vielleicht prominent im Handelsblatt platzieren? Nicht, dass unser Career Management Office einen schlechten Job macht, aber als Student Director for International Careers muss ich doch auch was tun, um den schönen Titel verdient zu haben...Davon also abgesehen, dass die meisten armen Seelen ähnlich wie im letzten Jahr von den Phantomen Arbeitslosigkeit und Zinsen auf den Studentenkredit von einer Firmenpräsentation zur nächsten gescheucht werden und dabei ganz vergessen, dass wir doch auch im Studentenpub jeden Donnerstag Freibier und Pizza umsonst haben, sind aber doch viele Sachen anders.In unserem zweiten Jahr sind wir nämlich schon groß, weil wir u.a....
    1. ...jetzt Mitleid haben dürfen mit den armen First Years, die durch die nicht immer wertvolle Learning Team Experience gehen, die core classes ertragen müssen, anstatt wie so im Alter von 18 Jahren auf dem Gymnasium wenigstens ansatzweise einen Schwerpunkt wählen zu können
    2. ...in vielen Klassen mit Undergrads zusammen sind (reife 19 bis 22 Jahre alt), was doch einen großen Unterschied zum ersten Jahr macht, wo jeder wenigstens ein paar Jahre Arbeitserfahrung hat, und zumindest rote Ohren bekommt, wenn man ihn darauf hinweist, dass ein 5-Tage-Shanghai-Besuch ihn vielleicht doch nicht zum allwissenden Experten für Asiens wirtschaftliche und politische Entwicklung qualifiziert. Dumm nur, dass die "lieben Kleinen" lerneifrig sind und ihre Gehirne zwar die Löchrigkeit und Initiative von Schwämmen zu haben scheinen, aber auch die Aufnahmefähigkeit. Bei den nicht seltenen Tests hilft es ihnen ungemein.
    3. ...uns damit abgefunden haben, dass Philadelphia auf absehbare Zeit nicht mit der Lebensqualität von Sydney, London oder Zürich mithalten kann.
    Das zweite Jahr ist darüber hinaus von Anfang an von Melancholie gekennzeichnet - es ist "das letzte Jahr", und sowieso, es ist "kein ganzes Jahr" (September bis Mai - und da sind noch knappe zwei Wochen Ferien mit drin!). Wie soll man da die ganzen Pläne, die man vor dem MBA, während des Jobs, jahrelang vor sich hergeschoben hat, umsetzen?Wo ist die neue Sprache, die man lernen wollte? - Nur ein kleiner Teil der Studenten nimmt die Möglichkeit wahr, statt so schönen Dingen wie Advanced Corporate Finance und Statistical Modelling vielleicht doch noch eine andere Sprache außer Englisch zu lernen.Wo ist der neue Sport, den man betreiben wollte? Oder wo ist Sport überhaupt? Die Vorstellung, dass der soundsoviel Jahre in 90-Stunden-Wochen geschundene Körper mal einen Ausgleich bekommt, war für die meisten doch nicht umsetzbar.Klar, im ersten Jahr bleibt man die meisten Wochenenden in Philadelphia, man muss ja dies und man muss ja das... und überhaupt, es ist alles so teuer... und wer weiß, ob man einen Job findet... aber im zweiten Jahr? Geht das Theater wieder los... jeder denkt, er wird direkt nach dem MBA in einem Vollgas-Job landen, um die Studiengebühren zurückzuzahlen. Aber den super bezahlten Vollgas-Job bekommt man ja nicht vom Rumreisen am Wochenende... und die Whartonverwaltung ölt das Hamsterrad noch, indem sie permanent zum Besten gibt, dass die Whartonstudenten immer fauler werden.In einer Online-Umfrage haben die Studenten angegeben, wie viele Stunden pro Woche sie lernen. Unser Durchschnittswert war unter dem der letzten Jahre. Es ist ein bisschen schade, dass die Uni-Verwaltung nicht die Gründe hinterfragt, sondern sich mit Aussagen wie "die Studenten konzentrieren sich nicht mehr genug auf das akademische Lernen" in Publikationen wie Businessweek zitieren lässt.
    Es gibt Gründe, warum unser Jahrgang vielleicht weniger über den Büchern sitzt als andere: wir sind im Durchschnitt älter als die vorigen Jahrgänge, haben einen deutlich höheren GMAT-Durchschnitt, mehr Berufserfahrung und kommen in einen Jobmarkt, der zwar freundlicher ist, als der in 2002-2005, aber eben auch den Besuch von mehr Firmenveranstaltungen mit sich bringt....
    Und wieder fühlen wir uns groß, weil uns die First Year Studenten aus der Zwickmühle befreien: Der Jahrgang 2007 hat so bescheiden beim Mathe-Eingangstest abgeschnitten (ca. die zehnfache Menge durchgefallen als im Jahrgang 2006), dass wir uns vielleicht nachsagen lassen müssen, eine akademisch recht faule Klasse gewesen zu sein, aber dass wir akademisch nichts auf dem Kasten hätten, ist schwer zu behaupten.Es gibt natürlich noch andere Indikatoren, dass wir im zweiten Jahr angekommen sind:
    - es gibt deutlich mehr Paare, denen nicht mehr nur der Kinderwunsch auf die Stirn geschrieben ist, sondern die auch schon einkaufen. Vor dem nächsten Job hat man ja noch ein bisschen Zeit, das Kind zu sehen
    - die Adressen ändern sich: viele ziehen in neue Wohnungen. Wer ein Jobangebot hat, überlegt sich zweimal, ob das lecke Fenster in der Dachmansarde direkt über dem Bett wirklich den 50-Dollar-Abschlag pro Monat wert ist, oder ob man nicht vielleicht irgendwohin zieht, wo es nochmal teurer ist, aber wo die Trockenheit der Laken nicht von der Wetterlotterie abhängig ist
    - in der ersten Woche im September wundert man sich, dass es so dermaßen viele Austauschstudenten von INSEAD, LBS. usw. gibt - bis man mitbekommt, dass das auch alles Wharton Second Year Studenten sind, die man nur bisher nicht gesehen hat (im ersten Jahr sind die Stundenpläne gleich für einen sogenannten Cluster, die nächste Ebene über den Cohorts mit je 70 Leuten, so drei bis vier Cohorts, - im zweiten Jahr hat jeder Student einen selbständigen Stundenplan, man läuft also ständig neuen Leuten über den Weg).
    Außerdem kommen jetzt zum Vollzeit-Recruiting andere Firmen, bzw. die Firmen, die schon letzten Herbst für Sommer-Praktika geworben haben, kommen jetzt mit einem anderen Ansatz. Es kommen mehr kleinere Firmen und alle diejenigen, die nicht gerade als besonders sexy gelten (also alles, was nicht Hedgefund, Private Equity, Consulting oder Investmentbanking ist). Diese Firmen wissen, dass viele Leute ihr Sommerpraktikum als Vehikel benutzt haben, um einen tollen Firmennamen auf den Lebenslauf zu setzen, jetzt aber für eine langfristige Karriere vielleicht andere Entscheidungen treffen.Insofern - vielleicht hat viele von uns der MBA bisher doch nicht so verändert: Wir sind immer noch recht ehrgeizig, ärgern uns mindestens genauso über Firmen, die uns nicht zum Interview einladen, einige von uns schieben immer noch wichtige Entscheidungen vor uns her ("Heiraten - nicht heiraten", "Vollgas-Job oder familiengeeignet?", "Europa, Asien oder USA?", "Banking oder Beratung?"...).Aber das Schöne ist: Wir haben noch fast ein Jahr. Und in dem Jahr können wir den (nicht ganz günstigen) Luxus genießen, uns selbst zu hinterfragen und rauszubekommen, was wir machen wollen. Und wir haben dazu noch tolle Leute um uns rum, die uns helfen können... wo und wann hat man sonst nochmal ca. 800 wirklich begabte, ungefähr gleichaltrige Personen um sich herum, die in recht ähnlichen Situationen sind, und mit denen man sich also gut austauschen kann? Wann hat man nochmal so viele phantastische Professoren, von denen man akademische Dinge lernen und mit denen man nicht-akademische Dinge beraten kann?Der Standardbrief nach Hause könnte also so aussehen: Macht euch keine Sorgen, irgendeinen schönen Job wird's schon geben. Ja, die Prüfungen gehen klar, auch wenn's manchmal nervig ist. Sonst geht's allen gut. Kommt doch mal vorbei. Ich muss los zum Lerntreffen/Firmenevent/Pub (zutreffendes unterstreichen).?Dog & Pony Show ? zweiter Teil?Was hatte ich gesagt im letzten Tagebucheintrag? Wir sind schon groß? Wir haben noch viel Zeit?Naja... vor einigen Tagen hat das offizielle On-Campus-Recruiting wieder angefangen. Die 75% der Second-Year-Studenten, die noch nicht ihren Traumjob gefunden haben, mühen sich jetzt ab, beim ärgsten Konkurrenten derjenigen Firma, bei der sie das Sommerpraktikum gemacht haben, ein Angebot herauszuschinden. Sicher, einige haben auch Vernunft angenommen und eingesehen, dass der Sommerjob nicht zu ihnen gepasst hat ? aber wer will schon zugeben, dass die Jobsuche des ganzen ersten Jahres für die Katz war? Wer will sich schon eingestehen, dass er vielleicht derjenige ist, der sich von unten an das Durchschnittgehalt von ca. 120,000 Dollar im ersten Jahr nach dem MBA annähert, das die Herrn Hedgefundleute in ungeahnte Höhen peitschen?Wie auch immer ? es gibt recht weitläufige Katakomben, in denen der Großteil des Recruitings stattfindet. Wharton ist sehr arbeitgeberfreundlich ? wir sind eine der wenigen Top-Schulen, die den Unternehmen erlaubt, 100% der Intervieweinladungen selbst auszusuchen. Andere Schulen zwingen die Unternehmen, einen Teil der Einladungen an Leute auszusprechen, die in einer Art Lotterie ermittelt worden sind. Dafür müssen die Recruiter dann aber auch von morgens bis abends in Gefängniszellen-ähnlichen Kammern unter der Erdoberfläche sitzen: keine Fenster und die Einrichtung der frühen 90er Jahre. Nach einigen Interviews ist der Sauerstoffgehalt in diesen Zellen mit dem einer beliebigen Innstadtkreuzung von Mexico-City im Berufsverkehr zu vergleichen.Wir Nachwuchsmanager, die wir alle durch Leadership-Kurse gegangen sind, in Sitzungen mit dem Career Office unsere psychologischen Profile durchgearbeitet haben und mindestens seit Beginn des MBAs die weitere Karriere diskutieren, haben uns also in Schale geworfen, meist in den dunkelgrauen Anzug bzw. das entsprechende Kostüm des Wharton- und Harvard-Hofschneiders (zwei Anzüge und Hemden maßgeschneidert für 1.000 Dollar ? in den USA gemessen und photographiert, in Hong Kong geschneidert und dann zugeschickt). So versuchen wir dann 10 bis 20 Firmen in verschiedenen Industrien davon zu überzeugen, dass wir uns eine berufliche Zukunft nur mit ihnen vorstellen können. Man hat sich das ja gut überlegt, und überhaupt hätte man auch früher drauf kommen können. Aber das ist wohl der Lerneffekt während des MBAs, was? (hier bitte leicht verkrampftes Lächeln vorstellen)Interessant ist, dass wir ach so gefestigten Individuen dann grob in zwei Verhaltensmuster verfallen: entweder wir sitzen mit versteinertem Blick vor den Interviewzimmern und schauen nochmal auf unseren Spickzettel, um nicht Firma A mit Firma B zu verwechseln und die richtigen Bonmots anzubringen, oder wir stehen betont locker rum und sprechen mit anderen Studenten, die wir nicht mal ansatzweise kennen, die aber jetzt, kurz vor dem alles entscheidenden Interview fast Seelenverwandte sind.Tipp für Singles: in den Interviewwochen auf JEDEN Fall Donnerstag zum Studentenpub gehen. Das Freibier fließt meist reichlich und es gibt jede Menge Aufbauarbeit zu leisten. Wer richtig Gas gibt, kann mit der Leidensgenossin/dem Leidensgenossen an dem Abend dann schon gleich die gemeinsame Karriereplanung durchsprechen.Interessanter Weise sind die Recruiter ein bisschen anders als im Frühjahr. Jetzt geht es nicht nur um ein Praktikum. Es geht um einen richtigen Job. Die inhaltlichen Fragen sind genauso, aber das Misstrauen ist größer. Will die/der wirklich langfristig bei uns arbeiten? Warum hat er dann den Sommer etwas bei einer anderen Firma, in einer anderen Industrie oder in einem anderen Land als jetzt anvisiert gemacht? Und wenn es kein Angebot vom Sommerarbeitgeber gab ? warum nicht? Und was heißt das für unsere Firma?Die Studenten sind nicht mehr ganz so locker wie im Frühjahr ? wenn es jetzt nicht klappt, dann war der ganze MBA umsonst. Nichts gelernt, in den zwei Jahren nicht mehr geschlafen, keine tollen Reisen gemacht... auf einmal wird der ganze MBA auf die erfolgreiche Jobsuche verkürzt.Die armen Professoren haben ihre liebe Mühe, die Klassen halbwegs voll zu bekommen. Teamprojekte werden ganz klar um Interviews herumgeschneidert...Das ganze Theater geht jetzt mindestens bis Weihnachten, bis bei den meisten die Job-Geburtswehen ausgestanden sind. Danach werden wir hoffentlich ein bisschen zur Vernunft kommen, die Klassen wieder ernster nehmen, das Geld zur Kneipe und nicht zum Friseur bringen und uns einfach darüber freuen, dass wir fast zwei Jahre nicht gearbeitet haben, ein bisschen unsere eigenen Chefs waren, viele nette Leute kennengelernt haben ? und uns an die Zeit sicher immer erinnern werden.Das hoffe ich zumindest ? und ich werde es mir krampfhaft einreden, wenn der nächste Unbekannte versucht, mir fünf Minuten vor seinem Erstrunden-Jobinterview erzählt, dass er ja sowieso nicht weiß, ob der den Job wirklich haben haben will, ist ja geistig doch nicht so anspruchsvoll... andererseits läuft es gerade mit seiner Freundin nicht so gut, da könnte er doch auch in Singapur arbeiten... zum Teufel mit der Nervosität. Alles wird gut, wir sind doch schon große Nachwuchsmanager ... oder? "Leadership education - sinnvoll und notwendig oder nicht?"Nicht nur im Handelsblatt, sondern auch an den Business Schools selbst gibt es lebhafte Diskussionen um die Ambitionen, die Studenten "leadership" zu lehren. Natuerlich ist das auch an der Wharton Business School ein grosses Thema. Es gibt Leute, die mich aufgrund meiner Artikel fragen, warum sie einen Neigung zur Distanz und zur Kritik an Wharton wahrnehmen - ich denke, dass manchmal ein Wechsel von distanzierter Betrachtung und Vergroesserungsglas erst eine gesamthafte Betrachtung erlaubt.In diesem Artikel moechte ich aber vorab feststellen, dass ich der Meinung bin, dass die Wharton Business School gerade etwas sehr Richtiges und Wichtiges tut - die gesamte MBA-Ausbildung inklusive "leadership education" ueberdenken und in Verbesserungen investieren, wobei die Schule sich der Kritik aussetzt, fuer modischen Hokuspokus Geld auszugeben, um so darueber hinwegzutaeuschen, dass sie vielleicht die falschen Studenten ausgesucht hat, ihnen das falsche beibringt und falsche Vorstellungen vom "wirklichen Leben" mit auf den Weg gibt.Worum geht es beim MBA eigentlich? Schwer zu sagen, aber die Mehrheit koennte sich wohl darauf einigen, dass es darum geht, sich als Individuum weiterzuqualifizieren, um durch technisches und methodisches Wissen und sogenannte "soft-skills" zum vermehrten Erfolg einer Gruppen von Menschen beizutragen (i.e., Unternehmens, oeffentliche Einrichtung etc.), der sich postiv auf das Individuum auswirkt. Technisches und methodisches Wissen wird staendig auf dem neusten Stand gehalten, bei den "soft skills" bemueht man sich.Aber was wird eigentlich angeboten an der Wharton Business School? Die Hauptangebote in "leadership" sind derzeit:
    1. Das "Pflichtprogramm", einen zweiteiligen Kurs, in dem es Hausaufgaben und Diskussionen im Klassenraum gibt.
    2. Das "learning team", das von einem aelteren Studenten, dem "leadership fellow" gecoacht wird.
    3. Die individuellen "Nebenbei-Angebote": Vortraege und Diskussionen mit Gastrednern (CEOs, Politiker etc.).
    4. Gruppen-Angebote, die "leadership ventures", eine Art "Selbsterfahrungstrip unter Stress, mit Gruppe und Professor". Von zwei Wochen Antarktis bis zwei Tage Diskussionen im Unigebaeude ist alles drin.
    5. Ein neues extracurriculaeres "leadership program", das dieses Jahr zum ersten Mal mit einer kleinen Anzahl Studenten getestet wurde. Es ist eine sehr aufwaendige Mischung aus "leadership ventures", einem professionellem Coach, der mit jedem individuell arbeitet, einem etablierten Wharton-Alumnus, der mit Rat und Tat zur Seite steht, und anderen Dingen.

    Es scheint hauptsaechlich zwei Lager zu geben - diejenigen, die "leadership education" strikt ablehnen, und diejenigen, die "leadership" fuer eine der wichtigsten Dimensionen im MBA halten.

    Interessanter Weise wird gern uebersehen, dass "leadership education" schwer zu definieren ist - meines Wissens sind sich nicht alle, die sich zu dem Thema aeussern, darueber einig. Ohne anmassend sein zu wollen, moechte ich zumindest meine Beobachtungen zum Thema beitragen.

    Meine recht breite Annahme ist, dass "leadership education" die Studenten befaehigen soll, Verantwortung zu uebernehmen, nach Moeglichkeit so, dass die Ergebnisse einem gewissen Werteset entsprechen und dass auf dem Weg zu diesen Ergebnissen nicht nur moeglichst geringe Kollateralschaeden (z.B. in Bezug auf persoenliche Beziehungen, Familienleben usw.) entstehen, sondern sogar ein andauernder Lerneffekt eintritt. Prinzipiell ist dieser lernende Umgang mit Verantwortung ein wohl kaum je abzuschliessender Prozess. Es darf wohl davon ausgegangen werden, dass diese Verantwortung eher wahrgenommen werden kann, wenn das Individuum ueber ein Mindestmass an technischem Wissen verfuegt. Aber technisches Wissen allein reicht eben nicht fuer die meisten Managementpositionen - die Faehigkeit, einerseits im Team zu arbeiten, aber andererseits auch an entscheidenden Punkten Verantwortung fuer eigene und Team-Entscheidungen wahrzunehmen, duerfte fuer viele Berufe nicht unwesentlich sein.

    Meiner Meinung nach gibt es mehrere Moeglichkeiten zu lernen, diesen Balanceakt hinzubekommen und Verantwortung zu tragen. Wie so vieles, kann dieses Lernen in der Familie, in anderen sozialen Zusammenhaengen (z.B. in Vereinen, Gemeinden etc.), waehrend der Ausbildung oder im Beruf geschehen.

    Und genau hier sollte deutlich werden, warum "leadership education" im MBA Programm so wichtig ist. Die meisten Studenten verlassen ihre bisherige Lebens- und Lernsituation, kommen an die Business School, lernen akademisch doch so einiges und bereiten sich genau darauf vor - nach dem MBA mehr Verantwortung uebernehmen zu koennen als vorher. Man lernt neue Leute kennen, wird Mitglied in neuen Vereinen, und ist oft mit der jeweiligen "Herkunftswelt" nicht mehr so intensiv in Verbindung. Es ist also fuer viele ein regelrechter Neu-Orientierungsprozess. Dem Argument, dass die meisten MBA-Studenten doch sehr rational planende Menschen sind, die genau wissen, warum sie einen MBA machen und was sie danach machen wollen, kann ich nur meine Lieblingszahl entgegenhalten: nach dem ersten Jahr suchen 75% der Studenten noch einen Job - und es wird in verschiedenen Industrien und Geographien gesucht, nach kleinen und nach grossen Firmen...

    Das technische Wissen waechst waehrend des MBAs enorm, die Unsicherheiten (in welcher Industrie werde ich arbeiten? In welcher Firma? In welcher Funktion? Wo?...) sind betraechtlich. Fuer viele ist unklar, wie und wo sie angemessene Verantwortung uebernehmen koennen, die sie gerade nicht ueber-, aber auch nicht unterfordert und ein ihren Vorstellungen angemessenes soziales Leben erlaubt.

    Ich habe persoenlich einiges ueber "leadership" - und vor allem ueber mich selbst gelernt. Die wichtigsten Erkenntnisse habe ich nicht unbedingt aus den Klassenraumdiskussionen gewonnen. Entscheidend waren bisher folgende Einfluesse:

    1. "Gastredner": das steht in Anfuehrungszeichen, weil es nicht eigentlich um einen Gast geht. Jon M. Huntsman ist ein Wharton Alumnus, der nicht nur mehrheitlich das neue Gebaeude gesponsort hat, sondern der einen der groessten US-Manufacturing Betriebe aufgebaut. Als waere das nicht genug, schreibt er Buecher mit Titeln wie "Winners never cheat" und hat seine Geschaeftsbeziehungen nach China eingestellt, weil Ethik- (Korruption) und Umweltvorstellungen nicht den seinen entsprechen. Es ist extem beruhigend zu sehen, dass die Welt zwar komplex sein mag, dass Entscheidungen es aber nicht immer sein muessen - wenn man das entsprechende Werteset hat und sich danach verhalten kann und will.

    2. Learning team: ich habe de facto zwei learning teams. Das eine, in das ich offiziell eingeteilt wurde, und das andere, was sich mehr zufaellig gebildet hat. Aus mir unbekannten Gruenden besteht das zweite zu 100% aus internationalen Studenten und arbeitet komplett verschieden von dem offiziellen Team, das aus 4 Nordamerikanern und mir bestand. Sich zwischen diesen beiden Welten zu bewegen, macht deutlich, wie unterschiedlich Dinge funktionieren, sogar, wenn man eine im globalen Massstab recht homogene Gruppe wie Whartonstudenten betrachtet.

    3. Leadership Program: als einer der wenigen Gluecklichen, die an diesem Program teilnehmen durften, kann ich sagen, dass es der bisher wertvollste Teil meines MBAs ist. Fuer einen Teil des Programms mussten wir ein "non-diclosure-agreement" unterzeichnen, ich darf also nur andeuten, dass dieser Teil aus einer Form von leadership venture bestand, das meiner Schilderung von Selbsterfarhrungstrip mit Gruppe und Professor nicht so ganz entspricht, sondern ein dermassen interessantes Experiment darstellte, dass ich noch meinen Enkeln davon erzaehlen wuerde, wenn ich duerfte. Die anderen Hauptbestandteile, das Coaching und der Alumnus-Mentor, waren fuer mich mindestens genauso wichtig. Ich hatte einen phantastischen Coach, der normaler Weise fuer viel Geld Managern an der Ostkueste hilft, mit der Verantwortung in ihren Jobs klarzukommen. Mein Mentor war 30 Jahre bei einer der grossen Investmentbanken, wo er am Ende fuer das Europageschaeft verantwortlich war, und betreibt heute, nachdem er in den Ruhestand getreten ist, einen sehr anerkannten Hedgefonds. Seit ich in diesem Programm bin, bringen mich diese beiden Personen, vor denen ich tiefen Respekt habe, immer wieder auf die unangenehmen Fragen, vor denen man sich sonst gern drueckt - oder die man als eingebildeter MBA-Student gern zur Seite schiebt. Man ist doch auf einer der besten Business Schools, man hat doch sein technisches Wissen aufgebaut, an einem Netzwerk gebastelt und etwas ueber Leadership und Verantwortung gelernt... ohne ins Detail zu gehen, kann ich sagen, dass dieses Programm fuer mich eine gesamte, neue vierte Dimension zum Lernen von Professoren, von Freunden/Studienkollegen und von Firmen (Internships, Firmenkontakte) darstellt. Es ist ein unbeschreiblicher Gluecksfall, dass ich zwei Personen habe, die weder Lehrer, noch wirkliche Vorgesetzte, noch Freunde sind, die aber an meiner Entwicklung interessiert sind und dementsprechend recht unvoreingenommen Kritik und Lob aeussern und noch dazu in der Lage sind, durch ihre Erfahrungen einen Kontext zu geben.

    Was bleibt zum Thema "leadership education" im MBA aus meiner Perspektive?

    1. Fuer die meisten MBAs ist es hilfreich, nicht nur technische Faehigkeiten zu lernen, sondern waehrend des MBAs ein gutes Gefuehl dafuer zu entwickeln, wie man diese neuen Faehigkeiten verantwortungsvoll einsetzen will. Und gute "leadership education" stellt immer wieder die Frage, welche Verantwortung man wahrnehmen kann und will.

    2. Die 800 MBAs jeder neuen Wharton-Klasse kommen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen in das Programm. Ein breites Angebot an Moeglichkeiten, diese wichtigen Verantwortungsfragen zu stellen, scheint angebracht - je individueller, desto besser.

    3. Die vierte Lerndimension, die z.B. ein Mentor und ein Coach darstellen, erleichtert es den Studenen , akademisches, professionelles und soziales Lernen gesamthaft zu sehen und wie im Ueberblick herauszufinden, wie jeder sein eigenes Leben zusammenpuzzelt.

    Also - fuer die meisten MBAs ist "leadership education" wichtig und notwendig. Das wie ist eine individuelle Frage. Hoffen wir, dass die Wharton-Alumni auch weiterhin kraeftig spenden und sich als Mentoren engagieren, so dass z.B. diese individualisierte vierte Lerndimension erhalten bleibt.

    MBA-Endspurt: Reisen, Beziehungsglueck, Schlabberlook und Dauerwelle
    So. Das letzte Quartal hat angefangen. Spring break haben wir alle ganz unterschiedlich verbracht:
    • Grosse Gruppenreisen zu irgendwelchen Strandressorts (meist diejenigen, die schon im Herbst einen von den ?Mainstreamjobs? angenommen haben)
    • Organisierte Treks, z.B. nach Japan oder in den Mittleren Osten (viele, die zwar nicht an den Strand wollen, aber auch nicht allein die weite Welt erkunden wollen)
    • Individuelle Interviewtouren (meist diejenigen, die noch nach dem individuellen Traumjob suchen, e.g., ?mid-sized private equity company with focus on late stage and operational restructuring in manufacturing and office in Chicago?)
    • Stinknormale Ferien mit Freund/Freundin/Familie (Aussenseiter)


    Und jetzt? Die Stimmung hellt auf ? nur noch ein paar Wochen, dann wird das grosse Kapitel MBA zu Ende gehen, vermutlich in einer umnebelten, emotionalen und ein bisschen kitschigen graduation ceremony. Dann ein langer Sommer fuer die meisten ? wer vor September anfaengt zu arbeiten, erntet mitleidige Blicke.

    Bis dahin gehoert das Jammern zwar dazu, die Chance, das Leben in vollen Zuegen zu geniessen, will man sich nicht nehmen lassen. Und wie macht man das wohl? Die Zeit bis zur graduation will wohl genutzt werden. Es gibt drei grosse Dinge, die die meisten hier noch abhaken wollen, bevor wir wieder in die Welt der Tageloehner hinabsteigen:

    1. ?Cool lifestyle?: Noch einmal echt so richtig ungezwungen rumlaufen: Klar, in jedem von uns steckt wenn nicht ein Pseudo-Hippie, dann doch mindestens eine Surfernatur. Und wer?s braucht, tunt sich noch ein bisschen fuer den Partner-Markt. Mir begegnen in letzter Zeit immer mehr Studenten, die ich erst auf den zweiten Blick erkenne: die Jungs haben ihre aktiv genutzte Garderobe z.T. auf zwei Trainingsanzuege begrenzt, lassen Haare und Bart wachsen (insbesondere diejenigen, die in festen Haenden sind). Die Maedels probieren neue Frisuren aus, haben ihren Fruehjahrseinkauf vorgezogen und sind oefter im Fitness-Studio zu sehen (insbesondere diejenigen, die NICHT in festen Haenden sind).

    2. ?Dating, engagement, wedding?: Die Themen werden in der woechentlichen Wharton-Postille ausfuehrlichsts diskutiert. Besorgt wird festgestellt, dass es kaum Paare gibt, die hier zusammengefunden haben (bzw., die oeffentlich dazu stehen). Und wenn man jetzt niemanden hat ? was soll da erst nach Arbeitsbeginn werden? Jeder sieht die Arbeitswochen mit 100+ Stunden auf sich zukommen? leichte Panik bei den Singles? man hat doch nicht soviel Zeit und Geld in einen MBA investiert, um wieder in einem cubicle zu verschwinden und bis in den fruehen Morgen vor sich hin zu muckeln, nein, wir wollten doch alle lernen, uns im ersten Jahr ein bisschen austoben, durch das Sommerpraktikum den Idealjob klarmachen und im zweiten Jahr den Traumpartner kennenlernen? war das vielleicht doch ein bisschen viel erwartet? Einige druecken ganz schoen auf die Tube ? besser der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach, sagt sich der ein oder andere bei ad hoc-Verlobungen und Heiratsantraegen. Und wer noch nicht so weit ist, der bekundet zumindest sein Interesse? die Parties zum Semesterende haben fuer Second-Year-Studenten eine GANZ andere Bedeutung als fuer First-Years.

    3. ?Last travel opportunity?: einige Leute sind der Meinung, dass die Zeit zwischen graduation und Arbeitsbeginn die letzte grosse Gelegenheit ist, eine laengere Reise zu machen (Investmentbanker aufgepasst: los geht?s im August. Aetsch!). Also Vollgas: in zehn Wochen um die Welt, so zehn bis zwoelf Zwischenstopps. Honeymoon und Abenteuerreise in einem ? zwei Wochen Strandurlaub, dann 6 Wochen per Pferd durch Kazaksthan. Natuerlich gibt es Leute, die den Sommer schon vorziehen: einige Studenten werden von den Professoren schon ausdruecklich als external visitors begruesst. Mit anderen Teammitgliedern ist schwierig Kontakt zu halten ? nicht jede Skihuette hat verlaesslichen Internetzugang. Und auch bei der Safari in Kenia sind nicht alle immer gut zu erreichen. Oder sie haben dummer Weise die Corporate Finance Unterlagen in Philadelphia gelassen. Zum Reisen nur soviel: dass es irgendeine grosse Fussballsache in Deutschland gibt, haben einige gehoert. Zwar glauben einige, dass Beckenbauer Veranstalter, Trainer und Mannschaftskapitaen ist, aber hinfahren werden wohl wenige.

    Was gibt es sonst? Repraesentativ ist meine Umfrage sicher nicht ? aber jeder, den ich bisher gefragt hat, freut sich darauf, bald wieder mehr Kontrolle ueber sein Leben zu haben: es gibt einen Job, mit einem Boss und festen Kollegen, grober Unfug und unangekuendigte Safaris/Skitrips/ausgedehnte Las Vegas-Aufenthalte werden im Job vermutlich nicht hilflos hingenommen. Dafuer gibt es ein Wochenende und manchmal vielleicht ein Abendessen mit Freund/Freundin/Familie. Und man kann anfangen, den Schuldenberg abzubezahlen.

    Wharton und Philadelphia scheinen uns einerseits einen netten Abschied zu verschaffen: das Wetter ist schon laenger unverschaemt gut. Die Professoren sehr verstaendig ? einige lassen sogar mehr Klassen ausfallen als wir! Der Vice Dean hat uns schon laenger nicht mehr als faule Bande beschrieben (also zumindest nicht mehr in der Businessweek). Das ist doch mehr, als man erwarten wuerde.

    Wir schnuppern schon in unsere Alumnirollen rein ? nicht nur, dass die ersten Spendenaufrufe bei uns eintreffen, doch noch etwas Geld in Wharton zu lassen (die Kredite zahlen wir ja erst spaeter ab ? da jetzt sowieso keiner mehr Unterrichtsmaterialien kauft, ist ja noch Geld fuer Spenden und Kneipe da). Einige von uns gehen schon ihrem Arbeitgeber auf Tuchfuehlung ? und sieh da, die Hundlinge haben es wirklich gewagt, Leute von einer notorischen Business School bei Boston einzustellen, die uns schon auf den ersten Come-together-Grillparties nach kuerzester Zeit durch wissenschaftlich unfundiertes, unreflektiertes, aber dafuer sehr gut vorgetragenes Gewaesch und Grosstuerei auf den Wecker fallen. Und dann weiss man, dass Wharton etwas wert ist, traegt die Nase etwas hoeher? und freut sich auf die letzten paar Wochen.

    Genug gejammert, den anderen Jogginganzug angezogen und noch eben auf ein Bier in den Pub? wer weiss, was die gutaussehende Rothaarige mit der schicken neuen Frisur und dem sehr gut sitzenden Oberteil diesen Sommer vorhat? fragen kostet nichts. ?Das Japan-Syndrom? oder ?Zynismus fuer alle?

    Was passiert im letzten Quartal, in den Wochen vor dem Abschluss? Eigentlich dasselbe wie immer: viel und auch wieder nichts. Diejenigen second-year-Studenten, die schon einen Job haben (sehr viele), wissen, wo sie wohnen werden (die meisten), wissen, wie sie ihren Sommer verbringen (einige) usw. ? die sind auf die Klassen halbwegs gut vorbereitet, nehmen das ein oder andere soziale Event mit und sind oefter mal im Gym anzutreffen. Alle anderen sind hin- und hergerissen ? auch wenn es wenige sind, es sind nicht die Schlechtesten: gerade fuer weniger mainstream-verdaechtige Bereiche wie Private Equity/Venture Capital, Hedge Fonds geht das Leben als Jaeger und Sammler meist noch weiter.
    Der Unterschied zu den first-year-Studenten ist auffaellig: hier geht es bald ins Sommerpraktikum, die ersten Huerden sind ueberwunden, alles prima, und wenn das Praktikum nicht so toll wird, dann hat man ja noch ein paar Wochen Ferien und guckt im Herbst, wie es weitergeht.

    Und was hat jetzt das Japan-Syndrom damit zu tun? Das Japan-Syndrom ist laut meinem japanischen Klassenkollegen folgendes: man lernt die Nacht durch und schlaeft im Unterricht. Nicht dass das nicht vorher auch bei dem ein oder anderen der Fall gewesen ist, aber dieses Quartal nimmt es Ueberhand. Also, zumindest das Schlafen. Woran liegt?s?

    - Wir sind Versuchskanninchen: Die Professoren wissen auch, dass das letzte Semester das letzte Semester ist. Auffaellig ist, dass ich dieses Semester einige interessante Kurse habe, die aber noch im Experimentierstadium sind. Sprich, es sind Kurse, die vorher so nicht von Wharton angeboten worden sind. Dementsprechend unausgegoren sind manchmal die Stunden, die Hausaufgaben und die Stoffverteilung. Ein Kurs war die ersten Wochen sterbenslangweilig und hat der Professorin im mid-term-feedback von einigen Leuten die Frage eingebracht, fuer wie beschraenkt sie uns eigentlich haelt. Sowas laesst man natuerlich nicht auf sich sitzen ? seitdem gab es keine einzige Stunde, in der wir durch mehr als zwei Drittel des Materials gekommen waeren. Hausaufgaben dauern gern mal mehr als 10 Stunden (in Worten: zehn). Die Professorin hat inzwischen zugegeben, dass der Stoff nicht ideal ueber die Zeit verteilt wurde und dass es nicht so hilfreich war, das Lehrbuch waehrend des Semester zu schreiben? aber nun, nennen wir es mal eine Herausforderung. Wie man mit der Herausforderung umgeht, ist eine andere Frage? dafuer, dass im Unterricht diesen Donnerstag von etwas mehr als 50 Studenten dann knappe 10 da waren, kann man verschiedene Erklaerungen herbeiziehen.

    - ?This is the last step of your academic career?: Einige Professoren gehen davon aus, dass der MBA von der Mehrheit der Studenten als ?akademische Karriere? gedeutet wurde. Und wie ein Missverstaendnis zum anderen kommt, so sind die Damen und Herren dann nochmal richtig grosszuegig ? wir haben ja alle danach gaaaaaaaaaaaaaaaanz lange frei und machen uns dann ab Herbst einen faulen Lenz als Investmentbanker, Berater oder Firmengruender. Und ausserdem ist das doch ganz nett, dem ein oder anderen MBA-Schnoesel noch einen kleinen Tritt zu geben vor dem Abschluss? Klar, die Jobs sind keine Herausforderungen? und die letzten Wochen des MBA wird doch niemand nutzen, um seinen Umzug zu organisieren, allen moeglichen Formalkram mit der Uni zu erledigen usw. ? oder?

    - Die armen Wuerstchen, die noch keine Vertraege erhalten haben, kombinieren das Kopflose-Huhn-Syndrom mit dem Japan-Syndrom: Sehr viel Jobsuche + ein bisschen was fuer die Uni, um nicht durchzufallen = wenig Schlaf. Nett ist, dass gleichzeitig angefangen wird, von den Studenten Spenden zu verlangen ? keine beruhigende Aussicht fuer Leute, die noch nicht mal einen Job haben, um ihre $130,000 Schulden auch nur anzufangen abzustottern.

    Dazu kommen natuerlich noch andere Sachen ? z.B. sind dieses Wochenende viele Studenten auf dem Campus, die im Herbst vielleicht anfangen ? die wollen sich nochmal umgucken und sollen doch bitte moeglichst schnell den ersten Scheck an die Schule schicken. Klar, dass die Aufgabe, die Neuen zu begeistern, von den Studenten zu erledigen ist. Soweit ging das auch ganz gut, aber dieses Jahr hat es mehr, ähm, Reibungsverluste als ueblich gegeben. Nachdem der Vice Dean letztes Jahr von der Business Week sinngemaess dahingehend zitiert wurde, dass die Wharton MBAs ein unengagierter, desinteressierter, jobgeiler Haufen von Faulpelzen waeren, hat die Administration dieses Jahr noch eins drauf gesetzt: nicht nur hat sie Resolutionen, die von mehr als 95% der Studenten ausdruecklich gebilligt wurden, ohne weitere Benachrichtigung oder Diskussion in den Wind geschlagen. Sie war auch noch so freundlich, den fuer den Herbst zugelassenen Studenten mitzuteilen, dass jetzt auf dem Campus ein etwas rauherer Wind herrschen wuerde und dass man ganz fest daran glaube, jetzt einen ganz tollen, neuen Vier-Punkte-Plan zu haben, mit dem die Schule und die Studenten gluecklich werden wuerden. Diejenigen Studenten, die sich ein paar Naechte um die Ohren geschlagen haben, um ein paar Hundert Neulinge mit verschiedenen Klassenbesuchen, mit Shows, und mit Einfuehrungen in die verschiedenen Studentenclubs zu begeistern, kommen sich wie begossene Pudel vor. Mal sehen, mit wieviel Enthusiasmus die neuen Studenten im Herbst hier eintreffen? aber vielleicht gibt es ja noch andere Schulen, die einen guten MBA anbieten. Wer weiss?

    Aber natuerlich laesst man es dabei nicht bleiben ? allein in der letzten Woche gab es noch zwei phantastische Diskussionen, die nicht nur dadurch zum Japan-Syndrom beitragen, dass die derzeitigen Studenten sich die Koepfe heiss reden und nach Auswegen suchen, sondern auch eine gewisse Auswirkung auf die Zukunft haben koennten:

    - Einerseits werden wir ?ganz freiwillig? gebeten, doch noch schnell zu unterschreiben, dass wir gern etwas fuer die Uni spenden wuerden. Nein, nicht zu einem spezifischen Zweck. Eher so allgemein, man koenne der Administration ja vertrauen? ?ganz freiwillig?, ?ohne Druck? ? das heisst, ab einer gewissen Summe werden die individuellen Spender in Broschueren veroeffentlicht und koennen sich mit einem weiteren Titel schmuecken, Gruppenabendessen mit dem Dean inklusive (bisher haben ihn die meisten nur bei der Eroeffnungsrede zu Gesicht bekommen). Dazu wird natuerlich noch in der Unizeitung veroeffentlicht, welche Cohort (ca. 70 Studenten) wieviel schon gespendet hat. Klar, alles ganz locker. Rein freiwillig. Pro Cohort gibt es drei Leute, die mit dem Klingelbeutel rumgehen, die Administration hat ihnen ganz uneigennuetzig dafuer einen zusaetzlichen Kurs ?fundraising? angedeihen lassen. MBA-Druecker-Kolonnen? wer haette das gedacht. Auf jeden Fall reicht die Diskussion jetzt von ?ich spende 50% meines ersten Jahresgehaltes, wird aber nur freigegeben, sobald der Vice Dean achtkantig rausgeworfen ist? bis zu ?is mir doch egal?. Resultat: wieder weniger Zeit fuer Schlaf oder Lernen, voraussichtlich weniger Neigung, in Zukunft Spenden zu machen.

    - Im Admissions office wird diskutiert, in Zukunft doch lieber mehr juengere Studenten zuzulassen, weil so ein MBA ja doch nichts fuer Leute mit zuviel Berufserfahrung sei. Davon abgesehen, dass es ein bisschen unhoeflich ist, das den Studenten direkt auf die Nase zu binden, die fuer das Admissions office Hunderte von Lebenslaeufen gelesen haben und ganze Wochenenden damit totgeschlagen haben, stromlinienfoermigen Essays a la ?nachdem ich von Harvard abgegangen bin und in den folgenden zwei Jahren eine hoechst erfolgreiche Karriere an Wall Street hingelegt habe, moechte ich nun den MBA dafuer nutzen, um meinem Interesse an der Entwicklungshilfe nachzugehen. Besonders gern wuerde ich in einer non-profit-Organisation arbeiten, bevorzugt in Aids-Waisenhaeusern??? die Motivation ist nach den ganzen Streitereien zwischen Studenten und Administration ganz klar: je juenger die Leute, desto wahrscheinlicher, dass sie mechanisch auswendig lernen, sich weniger um Dinge wie Studentenclubs usw. kuemmern, es gibt ausser Mama und Papa keine Familie, die ablenkt, man macht sich weniger Sorgen um einen Job ? insgesamt ist man ein viel besserer MBA-Student, wenn man sich nicht mit der Administration anlegt und brav bueffelt. Und mit ganz viel Glueck hat Wharton dann irgendwann eindeutig die besten Investmentbanking-Associates.

    Wir arbeiten also hart daran, im Umgang mit dem Japan-Syndrom immer besser zu werden. Die Administration hat die Zeichen der Zeit erkannt ? lange wurde Wharton dafuer kritisiert, dass die MBAs zwar technisch sehr versiert seien, aber nicht wirklich wuessten, wie Dinge im richtigen Leben funktionieren. Und in den letzten Wochen vor unserem Abschluss wird uns das dann eben noch beigebracht: Klappe halten, sich damit abfinden, uebergangen zu werden, ein bisschen Schmiergeld hier und da und alle sind froh. Und wenn die Damen und Herren Studenten damit nicht zufrieden sind, kann man sie jetzt noch schnell medial verunglimpfen. Und sowieso ? die Studenten haben das Vertrauen der Administration verloren, also waehlt sich die Administration neue Studenten. Lebensnah und einfach. Oder habe ich uebersehen, dass Zynismus als Nebenfach verpflichtend ist?
  • Dieser Artikel ist erschienen am 12.11.2004