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Investmentbanker mit MBA

Interview: Christoph Mohr. Foto: Euroforum-C.Meyer
Investmentbanker mit MBA. Karl Dannenbaum, Chef von Lehman Brothers Deutschland ist eine wichtige Größe in der Frankfurter Bankenwelt. Seinen MBA an der Harvard Business School hat er sich fast erkämpfen müssen. Im Interview zieht er Bilanz.
Sie haben zu einer Zeit Ihren MBA an der Harvard Business School gemacht, als Dinge wie MBA, Consulting und Investmentbanking in Deutschland nicht einmal Fremdwörter waren. Ja, 1966 gab es in Harvard gerade mal drei deutsche Studenten, mich eingeschlossen. Das war die Zeit, als man noch mit dem Schiff über den Atlantik fuhr und Briefe schrieb, weil das Telefonieren zu teuer war.

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Wie darf man sich das vorstellen? Der 24-jährige Karl-Herrmann Dannenbaum steht mit stolz geschwollener Brust an der Reling, fährt, vorbei an der Freiheitsstatue, in den Hafen von New York ein, und sagt: Amerika, Land der Freiheit, ich komme?So pathetisch würde ich es nicht formulieren, aber es war ein in vieler Hinsicht emotionales Erlebnis. Die Überfahrt auf der "Hanseatic" von Hamburg nach New York war eine der schlimmsten Passagen in der Geschichte dieses Schiffes und unmittelbar nach der Ankunft in New York brannte die "Hanseatic" im Hafen aus. Das habe ich damals als Symbol empfunden - die Brücken hinter mir waren abgebrochen. Ich war auf mich allein gestellt und musste in Amerika Erfolg haben.Eigentlich hatte Sie aber gar nichts für diese Auswanderung nach Amerika prädestiniert?Das stimmt. Ich hatte in Deutschland ein relativ privilegiertes Leben: Mein Vater hatte sich 1942 mit einer Holzbaufabrik im münsterländischen Haltern selbstständig gemacht. Die Fabrik wuchs und prosperierte und war bald mit 200 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber am Ort. Eine typisch mittelständische Erfolgesgeschichte der Nachkriegszeit. Dieses Unternehmen sollte ich weiterführen.Sollten Sie oder wollten Sie? Ich sollte und wollte. Deshalb war ich 1962 zum BWL-Studium nach Berlin gegangen.Das war ja kurz nach dem Mauerbau! Gab es keine andere Uni als ausgerechnet Berlin?Zunächst zog es mich weg aus der Enge einer Kleinstadt im Münsterland. Ich wollte die Welt kennenlernen. Berlin war so weit weg, wie es in Deutschland gerade ging. Allerdings fühlte ich mich nach Abschluss des Grundstudiums unterfordert. Was ich lernen musste, um ein Unternehmen zu leiten, wurde an der FU Berlin nicht gelehrt. Mein Vater hätte mir trotz des Studiums das ABC der Unternehmensführung beibringen müssen. Ein vollwertiger Partner wäre ich ihm mit diesem Abschluss nicht gewesen.Und wie kamen Sie dann auf Harvard?An der FU gab es eine Sektion der Studentenvereinigung AIESEC, die ja auch heute noch existiert. Hier erfuhr ich von amerikanischen Austauschstudenten wie ein Business-School-Studium funktioniert, mit Case Studies, Teamwork und intellektuellem Schlagabtausch.Aber einen MBA kann man doch nur mit einem abgeschlossenen Erststudium machen! Das sagte Harvard mir auch, aber ich habe gekämpft. Jeden mir bekannten Professor in Berlin bat ich um Empfehlungsschreiben. Ich schrieb selbst nach Harvard und erklärte, warum sie mich unbedingt nehmen müssten. Gleichzeitig habe ich Tag und Nacht gebüffelt, um den Standardaufnahmetest, den heutigen GMAT, zu schaffen.So dass Sie Harvard dann tatsächlich genommen hat!Ja, ich erhielt eine Zusage von Harvard und von Wharton sowie eine Absage von Stanford. Viel später hat einer meiner Bekannten die Gelegenheit gehabt, Einblick in meine Harvard-Bewerbungsunterlagen zu nehmen. "Special admission" stand dort.Wie hat Ihr Vater auf dieses Ansinnen, nach Harvard zu gehen, reagiert?Es war dagegen, er war schon gegenüber BWL in Berlin skeptisch gewesen. Schließlich war er als Unternehmer erfolgreich ohne höheren Schulabschluss, ohne Studium. Für ihn ging ein Studium im Ausland deutlich über die Grenzen hinaus, die er mir gesetzt hatte. Es kam zwar nicht zu einem richtigen Zerwürfnis, finanziert hat das Studium jedoch meine Mutter, die Vermögen hatte. 25 000 Dollar Studiengebühren waren damals sehr viel Geld.Haben sich Ihre Harvard-Erwartungen erfüllt?Ja, es war fantastisch. Eine kulturelle und intellektuelle Revolution, ungeheuer inspirierend und hart zugleich. Wir arbeiteten an echten Fällen, diskutierten die Ergebnisse, mussten drei Mal am Tag Position beziehen und Entscheidungen fällen. Und wir haben wirklich geschuftet. Im ersten Jahr gab es nie ausreichend Schlaf. Jeden Tag waren Unmengen von Dokumenten durchzuarbeiten und für den kommenden Morgen vorzubereiten. Jeden Samstag mussten wir eine "Written Analysis of Case" abliefern. Entscheiden zu können, was man gründlich lesen musste und worauf man verzichten konnte, war Teil des Lehrsystems. Sich auf das Wesentliche konzentrieren, den Kern einer Sache erfassen, das ging einem in Fleisch und Blut über. Ein solches Studium hatte ich in Deutschland nicht kennen gelernt. Harvard hat mir das Selbstvertrauen gegeben zu sagen: Ich kann ein Unternehmen führen.So dass Sie dann gar nicht mehr ins väterliche Unternehmen wollten, sondern in Amerika ins Consulting gegangen sind. Ich fühlte mich gut gerüstet, um das Unternehmen gemeinsam mit meinem Vater zu führen, als Junior-Chef. Mir schwebte eine Rolle als Partner vor.Und?Mit meinen Ideen von Partnerschaft und gemeinsamer Leitung konnte mein Vater nichts anfangen. Als Selfmade-Unternehmer, der sich allein hoch gearbeitet hatte, war das für ihn eine fremde Welt. Schließlich entschied ich mich, mein Glück in Amerika zu machen.Und Sie standen ohne Job da. Als Harvard-Absolvent bleiben Sie nicht lange ohne Job. Ich bin nach kurzer Zeit bei dem Beratungsunternehmen Arthur D. Little in Cambridge eingestiegen.Nach fünf Jahren bei ADL haben Sie dann etwas noch viel Unglaublicheres gemacht: Sie haben alles aufgegeben, sind nach Rom gegangen und haben dort Gesang studiert!Nach fünf Jahren bei ADL wurde meine Lernkurve immer flacher. Ich hatte für alle möglichen Unternehmen gearbeitet, in vielen unterschiedlichen Industrien, war in jeder großen Stadt in den Vereinigten Staaten. Bei ADL gab es die Möglichkeit, einen Leave of Absence zu nehmen, einen Ausstieg auf Zeit. Also reiste ich mit meiner Frau, die ich in den USA kennen gelernt und geheiratet hatte, ein halbes Jahr kreuz und quer durch Europa, von Schottland im Norden bis Jerez de la Frontera im Süden. In Rom schließlich erfüllte ich mir einen lang gehegten Wunsch: eine Ausbildung in klassischem Gesang.Ein grandioser Fehlschlag: Nach zwei Jahren mussten Sie erkennen, dass es für eine Karriere à la Fischer-Diskau nicht reichte.Es war kein Fehlschlag! Ich habe die Ausbildung als sehr befriedigend empfunden, weil ich meinen Jugendtraum wenigstens teilweise umgesetzt hatte. Dass meine Stärken eher im Management lagen, darauf hatte ich zumindest die Probe gemacht.Weitere Stationen waren die Boston Consulting Group und Goldman Sachs. Danach haben Sie die Firma Strategic Planning Associates gegründet. 2001 wurden Sie Deutschland-Chef von Lehman Brothers. Wie wichtig war das Netzwerk von Harvard?An einigen Alumni-Treffen habe ich teilgenommen, aber das Netzwerk hat für meine Karriere keine nennenswerte Rolle gespielt.Aber emotional sind Sie der Harvard Business School doch verbunden geblieben?Ja unbedingt. Ich bin bis heute dankbar für die hervorragende Ausbildung.Eine Dankbarkeit, die sich auch finanziell ausdrückt?Ja, denn so funktionieren die amerikanischen Business Schools. Sie wählen die besten Studenten aus, die dann mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch die besten Karrieren machen und Geld verdienen, wovon sie etwas an Ihre Universtität zurückgeben.Warum engagieren Sie sich für die Frankfurt School of Management and Finance und nicht für die Goethe-Universität?Das ist keine Enscheidung gegen die Frankfurter Goethe-Univestität. Dort gibt es mit dem House of Finance und dem Institute for Law and Finance einen interessanten, interdisziplinären Ansatz, die Lehre weiter zu modernisieren. Die Frankfurt School kam allerdings auf mich zu und bat mich, Mitglied des Beirats zu werden. Die Zusage fiel mir leicht, denn die Frankfurt School und ihr Präsident Professor Steffens sind mir sehr sympathisch. Sie denken wie Unternehmer und sind frech - so wie wir bei Lehman Brothers.Wenn man den Bogen zurück zu Ihrer Erfahrung an der Harvard Business School schlägt: Was können deutsche Hochschulen von amerikanischen Business Schools lernen? Die deutschen Hochschulen brauchen eigenes Geld, also einen Kapitalstock. Und sie brauchen viel mehr Geld. Erst diese finanzielle Unabhängigkeit, auch von Studiengebühren, macht es möglich, wirklich die besten Studenten anzuziehen und Ihnen, wenn nötig, das Studium über Stipendien zu finanzieren.Klingt ziemlich elitär.Wir brauchen Eliten! Aber es geht darum, wirklich die Besten, unabhängig von ihrer sozialen oder sonstigen Herkunft, anzuziehen. Das trifft für die Harvard Business School zu, das gilt für Lehman Brothers: Wir sind elitäre Egalitaristen.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.10.2007