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Investitionsobjekt Student

Britta Mersch
Bildungsfonds setzen auf das Humankapital von Studenten. Für angehende Akademiker kann sich diese Form der Studienfinanzierung lohnen: Die Rückzahlung ist flexibler und je nach späterem Einkommen sogar günstiger als ein Studienkredit.
Als Lars Stein sich an der Uni St. Gallen einschrieb, hatte der Saarländer die Kosten für ein Studium in der Schweiz schlicht unterschätzt: Studiengelder von umgerechnet rund 800 Euro pro Semester warteten auf den BWL-Studenten, dazu 400 Euro Miete pro Monat und noch mal etwa 300 Euro für die Lebenshaltung - Studienunterlagen, Versicherungen und Kosten für Bus und Bahn nicht eingerechnet. Rund 1500 Euro monatlich musste er stemmen.

Seine Ersparnisse reichten gut sieben Monate, danach wurde das Geld knapp. Stein überlegte - und entwickelte eine innovative Geschäftsidee. Er verkaufte sich einfach selbst. Oder besser gesagt: das Gehalt, das er nach seinem Studium verdienen würde. Geschätzte 36000 Euro pro Jahr stückelte er in 600 Aktien à 60 Euro. Investoren fand er schnell im Freundes- und Verwandtenkreis. "Die Idee machte die Runde", sagt Stein, "sodass nach und nach noch mehr Interessenten dazukamen." Mit dem Kauf einer Lars-Stein-Aktie erhielten sie das Recht, nach Ende des Studiums pro Aktie einmalig 1/600 seines Bruttolohns zu kassieren.

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Sieben Jahre ist das jetzt her: 20000 Euro hat Lars Stein damals mit seiner Idee eingenommen und die Idee auch auf die Startphase seiner Promotion übertragen. Jetzt hat er den Verein studienaktie.org gegründet, der in der Schweiz Studenten und Förderer zusammenbringen soll. In der Pilotphase, die ein Jahr lang dauerte, wurde zunächst ein Student von vier Investoren mit knapp 10000 Euro gefördert. Der Verein hofft, bis zum Ende des Jahres 50 Investoren zu gewinnen, die fünf Studenten finanzieren. "Uns geht es nicht um die Rendite, sondern darum, neue Bildungsperspektiven zu eröffnen." Lars Stein möchte Mentoren für die Studenten finden, die sie bei ihren Projekten unterstützen - etwa dann, wenn sie nach dem Studium den Weg in die Selbstständigkeit wagen wollen. Das Team um Lars Stein überlegt, die Idee nach Deutschland zu übertragen. "Doch dafür müssen erst die rechtlichen Rahmenbedingungen geklärt werden."

Doch hierzulande sind andere Anbieter schon weiter: Marktführer ist die Firma CareerConcept, die von Absolventen der privaten European Business School in Oestrich-Winkel gegründet wurde. Die Idee ist angelehnt an ein Konzept, das viele Privathochschulen schon lange praktizieren: Unternehmen, Privatpersonen und Stiftungen zahlen Geld ein, das an Studenten verteilt wird. Mit den jeweiligen Beträgen können diese die Kosten für den Lebensunterhalt und die Studiengebühren decken. Bis zu 30000 Euro kann ein Einzelner während seines gesamten Studiums aus dem Fonds bekommen. Die Firma verfügt mittlerweile über ein Kapital von 25 Millionen Euro, das sie für die Studienförderung bereitstellen kann.

Der Fonds berücksichtigt die persönlichen Bedürfnisse der Studenten. "Wir stimmen mit jedem Studenten ab, wie hoch die monatlichen Zahlungen sein werden und wie lange sie laufen", sagt Rolf Zipf, einer der Gründer von CareerConcept. Wie bei Christian Mareth: Der 32-Jährige studiert im zweiten Semester den Masterstudiengang Software-Engineering an der Oxford University. Für jedes der insgesamt zehn Module, die er bis zum Abschluss belegen muss, zahlt er Studiengebühren von umgerechnet rund 2000 Euro. Allgemeine Beiträge von rund 1500 Euro kommen noch dazu. "Ein Fonds ist für mich die günstigste Alternative, die 30000 Euro aufzubringen", sagt Mareth.

Ein Vorteil der Bildungsfonds: Die Rückzahlung ist flexibler als bei einem Studienkredit. Sie hängt vom späteren Einkommen ab, ist aber auf einen Maximalbetrag begrenzt. Bei Arbeitslosigkeit, Mutterschutz oder einer Promotion wird die Rückzahlung eingefroren. "Wir wollten bewusst eine Alternative zum Studienkredit anbieten", erklärt Rolf Zipf. Ein beispielhaftes Modell sieht etwa so aus: Ein BWL-Student erhält 36 Monate lang 500 Euro monatlich, insgesamt also 18000 Euro. Im Gegenzug verpflichtet er sich, in den ersten 60 Monaten seines Berufslebens 9,45 Prozent seines Bruttoeinkommens an den Bildungsfonds zurückzuzahlen. Verdient der Student 30000 Euro pro Jahr, käme er in fünf Jahren auf 14175 Euro - was sogar unter dem Förderungsbetrag liegen würde. Bei einem Bruttoeinkommen von 50000 Euro pro Jahr zahlt er 23625 Euro zurück, also mehr als das, was er bekommen hat.

Zum Vergleich: Das Studentendarlehen der KfW-Bankengruppe - von der Stiftung Warentest als einer der günstigsten Anbieter für Studienkredite empfohlen - wird derzeit mit einem Zinssatz von 6,29 Prozent ausgegeben. Studenten, die drei Jahre lang 500 Euro bekommen, müssten bei einer Tilgungsphase von 60 Monaten 355 Euro pro Monat aufbringen, um die 18000 Euro zuzüglich der Zinsen, die während der Auszahlungsphase entstanden sind, zurückzuzahlen. Je nach Karenzzeit zwischen Abschluss und Berufseinstieg, die zwischen sechs und 23 Monaten liegt, beläuft sich die Rückzahlungssumme auf einen Betrag zwischen 23500 und 25000 Euro. Steigt der Zinssatz, wird es noch teurer.

Wenn der Student in unserem Beispielfall also auf ein Einkommen von deutlich über 50000 Euro pro Jahr hofft und nach dem Studium schnell einen Job findet, fährt er mit dem KfW-Kredit besser. Der Nachteil: Ist sein Einkommen niedriger, muss er trotzdem den höheren Betrag zahlen. Die Entscheidung für oder gegen einen Bildungsfonds hängt also auch von dem erwarteten Einkommen ab. Es lohnt sich auf jeden Fall, konkrete Angebote von Bildungsfonds-Anbietern und Kreditgebern gründlich zu vergleichen.

Bei der Berechnung der Rückzahlung werden unter anderem die Dauer und Höhe der Studienfinanzierung, die Studienrichtung und Prognosen über das zukünftige Gehalt berücksichtigt. Die genauen Konditionen hängen von unterschiedlichen Faktoren ab - etwa zu welchem Zeitpunkt des Studiums sich die Kandidaten für die Studienförderung entscheiden oder ob sie im Ausland studieren.

Mit einem ähnlichen Konzept wie CareerConcept arbeitet die Deutsche Bildung GmbH: Zwischen 100 und 1000 Euro pro Monat können die Studenten bekommen - und auch hier wird die Rückzahlung an der eigenen ökonomischen Leistungsfähigkeit gemessen. Neben der finanziellen Förderung legt die Deutsche Bildung einen weiteren Fokus auf das so genannte "Guidance Programm" - die inhaltliche Förderung der Studenten. "Wir liefern unseren Studenten alle Informationen zu Studium und Berufsvorbereitung", verspricht Anja Hofmann, Geschäftsführerin bei der Deutschen Bildung. Daneben haben sie die Möglichkeit, an Workshops, Rhetorik-Seminaren oder Bewerbungschecks teilzunehmen. Davon hat auch Adrian Meyer, Wirtschaftsstudent an der Humboldt-Uni Berlin, schon profitiert: "Ich habe das Gefühl, beim Studium und bei der Jobsuche gut unterstützt zu werden."

Theoretisch können sich alle Studenten, die in einem Finanzengpass sind, für einen Bildungsfonds bewerben. Sie müssen dann ein mehrstufiges Auswahlverfahren durchlaufen, in dem Noten, Persönlichkeit und Interessen eine Rolle spielen. CareerConcept fördert zurzeit hauptsächlich angehende Juristen, Ingenieure und Sozialwissenschaftler - aber auch einige Kunsthistoriker und Archäologen sind dabei.

Durchgesetzt hat sich die Förderung bei den Studenten aber noch nicht. Nur wenige nehmen einen Bildungsfonds in Anspruch. CareerConcept fördert zurzeit 2000 Studenten, die Deutsche Bildung plant, bis zum kommenden Jahr Gelder an 450 bis 500 Studenten zu vergeben. Das entspricht 0,1 Prozent aller Studenten in Deutschland.

Allerdings ist auf dem Markt gerade viel in Bewegung. Zurzeit laufen die Bewerbungsrunden für den ersten firmeneigenen Bildungsfonds des Unternehmens Festo aus Esslingen. Fünf Millionen Euro will das Unternehmen künftig in die Förderung von Nachwuchsingenieuren stecken. Bis zu 40000 Euro sollen sie während der Ausbildung aus dem Fonds erhalten, die Rückzahlung hängt auch hier vom Einkommen ab. "Wir möchten etwas schaffen, mit dem wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden", sagt Peter Speck, der früher Personalleiter des Unternehmens war und jetzt für den Festo-Bildungsfonds verantwortlich ist. Neben der finanziellen Unterstützung bekommen die Studenten die Möglichkeit, ihren späteren Berufsalltag kennenzulernen. In Seminaren, Vorträgen und Kolloquien können sie schon während der Ausbildung erste Kontakte zu Managern knüpfen.

Auch einige Hochschulen entwickeln seit der Einführung von Studiengebühren in verschiedenen Bundesländern eigene Modelle zur finanziellen Unterstützung der Studenten. Vorreiter ist hier der Studienfonds OWL - ein Zusammenschluss von fünf staatlichen Hochschulen aus der Region Ostwestfalen-Lippe, zu dem unter anderen die Universität Bielefeld, die Universität Paderborn und die Hochschule für Musik in Detmold gehören. Die Studenten, die bislang in den Genuss der Unterstützung der Hochschulen kommen, haben Glück: Das Geld, das von Unternehmen aus der Region stammt, müssen sie nach Ende ihres Studiums nicht zurückzahlen. Genau genommen handelt es sich also nicht um einen Fonds, sondern um ein Stipendium.

Der Studienfonds OWL verfügt über ein Vermögen von 350000 Euro. Wie bei Stiftungen üblich, kann mit den Erträgen dieser Summe gewirtschaftet werden. Etwas mehr als 100 Stipendiaten der fünf Hochschulen bekommen bereits die Förderung. Einer von ihnen ist Florian Gauer, der im dritten Semester Wirtschaftsmathematik an der Universität Bielefeld studiert. Gleich zu Beginn des Studiums hat er sich für den Fonds beworben. Für zunächst ein Jahr bekommt er je 500 Euro pro Semester, mit denen er die Studiengebühren decken kann. "Für eine weitere Förderung müsste ich mich erneut bewerben", sagt der 21-Jährige. Mithilfe des Fonds hat Florian Gauer zudem die Möglichkeit bekommen, erste Erfahrungen in seinem späteren Beruf zu machen: Während eines Praktikums bei der CommerzbankFiliale in Bielefeld konnte er sich ansehen, wie der Berufsalltag eines Wirtschaftsmathematikers aussehen kann.

Zwischen 90 und 95 Prozent der Gelder fließen an besonders begabte Studenten der Hochschulen. "Zu unserem Konzept gehört es aber auch, speziell förderungsbedürftige Studenten aufzunehmen", sagt Katja Urhahne, Geschäftsführerin des Studienfonds OWL. Im Moment liegt ihr Anteil allerdings nur zwischen fünf und zehn Prozent.

Ein Modell, das Vorbildcharakter hat: Die Universität Siegen etwa möchte Anfang des kommenden Jahres ebenfalls einen eigenen Fonds nach dem Vorbild aus Ostwestfalen-Lippe gründen. Und auch Unternehmer wie Peter Speck von Festo hoffen, dass das Beispiel des firmeneigenen Fonds Schule macht. "Es wäre schon schön, wenn unser Fonds Modellcharakter hätte und noch mehr Firmen in die Ausbildung des Nachwuchses investieren würden."

Mehr Infos gibt's unter:
www.studienaktie.org
www.career-concept.de
www.deutsche-bildung.de
www.festo-bildungsfonds.de
www.studienfonds-owl.de
Dieser Artikel ist erschienen am 29.11.2007