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Introvertierte, Überredungskunst und Manager-Unglück

Ein Gespräch mit dem IBM-Cheftechnologen Gunter Dueck.
Stimmt das Klischee vom schüchternen Mathematiker?Gunter Dueck: Für mich schon. Ich war früher einmal "prototypischer Mathematiker". Es hat sich erst bei der IBM verwachsen, wohin ich mit 34 Jahren wechselte. Im Wissenschaftszentrum der IBM gab es leuchtende Beispiele von Extrovertierten, an denen ich das volle Leben schätzen lernte. Ich habe mich nicht wirklich in der innersten Seele geändert - zu Hause bin ich immer noch stiller Denker, aber unter Menschen blühe ich jetzt auch auf. Mich regt es zum Beispiel nicht mehr wie früher auf, zu lange in Sitzungen zu diskutieren - das kann Introvertierte fast verrückt machen.

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Sie haben das Anderssein von Mathematikern sogar mal erforscht.Mich hat dieses Thema immer fasziniert. Auf meine Bitte haben etwa 250 Leser meiner Kolumne im Informatik-Spektrum den Test auf www.keirsey.com absolviert und mir das Ergebnis gemailt. Es waren zwanzig Mathematiker dabei, und sie hatten allesamt das Ergebnis "introvertiert". Es gibt übrigens verschiedene Auffassungen von Mathematik: "Rezepte anwenden und Kästchenaufgaben lösen", "Verstehen und erfinden" und "Toolbox". Ich glaube, dass die nach dem Verstehen Dürstenden, die sich in Mathematik versenken, eher introvertiert sind. Das sind oft die späteren Forscher. Menschen, die Mathematik als Toolbox nützlicher Methoden sehen, wirken im Leben ganz anders, mehr wie Pioniere oder Entrepreneure. Die "Aufgabenlöser" werden vielleicht Lehrer.Lässt sich das tatsächlich verallgemeinern?Für mich sind alle Aussagen wie "Mathematiker sind xyz" so gemeint wie "für zwei Drittel mag das gelten". Psychologische Aussagen sind immer so unscharf. Das Problem ist, dass die Kultur einer Gruppe vollkommen von einer Zweidrittelmehrheit dominiert werden kann. Wenn also in der Schule die "Aufgabenlöser" dominieren, enthalten die Lehrbücher am Ende vor allem Kästchenaufgaben und Rezeptüben. Die Didaktiker an der Universität predigen eher kreatives Schaffen und Verstehen, aber das ist die Uni-Kultur, die an der Schule nicht ankommt. In der Industrie sammeln sich eher Mathematiker, die mit Mathematik etwas "machen" wollen, deshalb ist die Kultur der Industriemathematik auf Resultate gerichtet und kümmert sich nicht primär um das Verstehen. Das alles sind Kulturen, die durch dominierende "Denkweisen" geprägt werden.Leiden Mathematiker darunter, ihren Elfenbeinturm verlassen zu müssen, wenn sie in ein Unternehmen gehen?Sie trauern oft ihrer wissenschaftlichen Tiefe nach, wenn sie in den Beruf "müssen". Ich bekomme manchmal Bewerbungen mit einem Satz wie "Ich habe algebraische Geometrie studiert und bitte um eine Anstellung, bei der ich in diesem Gebiet weiterarbeiten kann." So etwas ist dann endgültig wirklichkeitsfremd. Und in diesem Sinne sollten sich Studenten vor allem früh mit ihrem späteren Leben anfreunden. Besonders die Introvertierten scheuen sich davor. Viele hoffen, irgendwie an der Uni bleiben zu können. Was soll das? Man muss sich doch auf das Leben freuen können! Etwas werden! Entfalten! Entwickeln! Und - wie gesagt - ich selbst war ganz schüchtern und bin ja auch an der Uni geblieben und Professor geworden. Ich weiß genau, wie es richtig sein muss - aber erst heute.Viele fordern, Mathematiker müssten besser kommunizieren können. Haben Mathematiker da ein Defizit? Von Informatikern sagt man das ja auch?Die Psychologen wollen uns weismachen, gute Kommunikation sei "Verständigung" von Menschen, die gut miteinander auskommen wollen. Ich stelle einmal eine Behauptung auf: aktive Kommunikation ist vielfach der Versuch, anderen Menschen die eigenen Wertvorstellungen aufzuzwingen: Überzeugen, Erziehen, Lenken, Leiten, Führen, Einigen! Und wenn man es gut macht, fühlen sich die anderen Menschen gut dabei.Mit dieser Form der aggressiven Überredung haben Mathematiker ein Problem?Sie hängen zu sehr an dem Wahrheitsfindungsaspekt der Kommunikation. Deshalb finden Mathematiker Menschen verdächtig, die um ihre Standpunkte kämpfen, dafür werben, andere umwerben, locken, überreden. In der industriellen Wirklichkeit geht es aber tatsächlich um das Ringen der Standpunkte. Mit ihrer restriktiven Vorstellung von Kommunikation ("Wahrheit spricht für sich selbst und braucht weder Goldrahmen noch Lautstärke!") findet sich der "echte" Mathematiker schnell am Rande der Diskussion. Kommunikation ist in gewisser Weise auch Auseinandersetzung - die scheuen die Introvertierten. Ich provoziere Sie jetzt einmal: Welche Werte im Leben wird jemand, der Auseinandersetzungen scheut, vor allem vertreten? Ich sage es Ihnen: Wahrheit, Frieden, Ruhe, Liebe. Dort ist das Herz der Mathematiker. Andere reden von Erfolg, Geldmachen, Macht, Spaß, Karriere, Autorität, Starruhm?das mag der typische Mathematiker nicht. Nur der Nobelpreis oder die Fieldsmedaille, ja, die wären ihm recht, oder bewundernde Worte von einem der großen Meister.Wollen Mathematiker überhaupt ins Management?Mein eigener Vater war Bauer. Er ist nie Oberbauer geworden. Mathematiker sind oft Mathematiker, besonders die Forschertypen unter ihnen. Das Managerdasein ist gar nicht so erstrebenswert, für sehr viele wenigstens. Bei IBM wird vor aller Managerlaufbahn denn auch mit Aspiranten tagelang diskutiert: "Wollen Sie denn Manager werden? Warum? Was haben Sie davon? Wollen Sie es wirklich? Warum?"Ist ihnen der Inhalt wichtiger als der Titel?Wenn Sie bei IBM als Mathematiker Spitze sind, ist bei der Arbeit alles ganz okay und nur 10 Prozent Ihres Lebens besteht aus Projektunglück. Wenn Sie aber Vorgesetzter von dreißig Mitarbeitern werden, werden Sie in alle diese 10-Prozent-Scheiben involviert. Also besteht Ihr Beruf aus 300 Prozent Projektunglück? Da muss sich jeder fragen: Will ich das wirklich? Kann ich unter Stress Freude empfinden? Und wenn einem Mathematiker alles das klar ist und wenn er sich wirklich in Auseinandersetzungen werfen will - ja, dann schafft er es wie jeder andere Kandidat auch, ein guter Manager zu werden. Ich selbst bin damals deshalb Manager geworden (und nur deshalb), weil ich einen Traum verwirklichen wollte, was ich als Einzelner nicht hätte schaffen können. Ohne Traum muss ich nicht Manager sein. Ganz viele Mathematiker sehen es ebenso. Es geht um das Verwirklichen, nicht um das Aufsteigen.Zitat:
Wenn Sie bei IBM als Mathematiker Spitze sind, ist bei der Arbeit alles ganz okay und nur 10 Prozent Ihres Lebens besteht aus Projektunglück. Wenn Sie aber Vorgesetzter von dreißig Mitarbeitern werden, werden Sie in alle diese 10-Prozent-Scheiben involviert.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.03.2004