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Intrigen im Betrieb

Von Lars Reppesgaard und Miriam Rössig
Vielen Belegschaften fehlt die Zivilcourage: Aus Angst vor Mobbing prangern Mitarbeiter Missstände gar nicht erst an.
HB DÜSSELDORF. Das gute Einvernehmen unter Kollegen scheint einigen Mitarbeitern der Testfahrerabteilung von Daimler-Chrysler wirklich wichtig zu sein. So wichtig, dass die Karlsruher Amtsrichterin Brigitte Hecking zunächst auf eine Mauer des Schweigens stieß, als sie Kollegen von ?Raser-Rolf? befragte. Dieser war angeklagt, durch rücksichtsloses Auffahren den Tod von zwei Menschen verursacht zu haben.Noch in keinem Verfahren habe sie es erlebt, kritisierte die Richterin in ihrer Urteilsbegründung, ?dass so eine große Zahl von Zeugen mit so großem Widerwillen auch nur ein Prozent ihres Wissens preiszugeben bereit ist?. Keiner habe ein ?Nestbeschmutzer? sein wollen.

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?Zivilcourage ist in vielen Unternehmen noch nie sehr ausgeprägt gewesen?, bestätigt Norbert Copray, Geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung in Frankfurt. Diese unterstützt Führungskräfte bei internen Krisen, etwa beim Verdacht von Mobbing unter Mitarbeitern. Zivilcourage im Unternehmen ist für die Stiftung ein Thema, seitdem sie ihr Informationsangebot vor dreieinhalb Jahren ins Internet stellte. Über 6 000 Führungskräfte hat die Stiftung bisher beraten ? fast immer aus denselben Gründen: 40 Prozent ihrer Kunden klagten über Rufmord gegen ihre Person, 30 Prozent über Intrigen und Schikanen. Und etliche der Ratsuchenden waren ins Visier der Kollegen geraten, weil sie sich gegen herrschende Zustände auflehnten.?Menschen, die couragiert Missstände aufzeigen, werden gemobbt, diskreditiert, manche bekommen sogar Morddrohungen?, sagt Kenan Tur, Vorstand der Business Keeper AG in Potsdam. Er scheint nicht zu übertreiben. Jeder Zweite, der bei der Fairness-Stiftung um Hilfe bittet, gilt als gesundheitlich angeschlagen. Bis hin zu körperlicher Gewalt gehen manche Übergriffe gegen Mitarbeiter in Unternehmen.Das musste auch ein Verwaltungsmitarbeiter aus Nordrhein-Westfalen erfahren, der einen Korruptionsfall in seiner Abteilung aufdecken wollte. Mit guten Worten hätten Vorgesetzte versucht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, berichtet der Angestellte. Weil er darauf nicht eingehen wollte, habe ihm der Verwaltungsarzt Beruhigungsmittel verschrieben. Erst als der Mann ernsthaft erkrankte und den Arzt wechselte, sei der ?verordnete Medikamentenmissbrauch? aufgeflogen.Oft sind die Grenzen zwischen autoritärem Machtgehabe und Psychoterror fließend, berichten die Mitarbeiter der Fairness-Stiftung. Sie erzählen von der Mitarbeiterin eines norddeutschen Reiseverkaufsprogramms. Diese hatte die Sendeleitung auf Unstimmigkeiten in der Produktion eines neuen Sendeformates aufmerksam gemacht. Doch ihre Kritik wurde nicht ernst genommen. Im Gegenteil: Als die Sendung scheiterte, sollte die Mitarbeiterin die volle Verantwortung tragen und erhielt eine Abmahnung. Erst nachdem sie mit dem Betriebsrat gedroht hatte, nahm die Sendeleitung die Abmahnung zurück. Das Verhältnis zu den Vorgesetzten blieb bis zu ihrer freiwilligen Kündigung gespannt.Angst vor RepressalienAus Angst vor derartigen Repressalien verzichten offenbar viele Mitarbeiter darauf, den Mund aufzumachen. Das wissen auch die Staatsanwälte in Karlsruhe, die sich lange vergeblich bemühten, den Daimler-Chrysler-Mitarbeitern belastende Angaben über den angeklagten Raser zu entlocken. Wider besseres Wissen behielten die Zeugen wichtige Informationen für sich. ?Im Vernehmungszimmer vor zwei Beamten sagt es sich natürlich leichter, dass jemand wie eine gesengte Sau fährt, als wenn man demjenigen Auge in Auge gegenübersitzt und dazu noch die Kollegen mitbekommen, was man aussagt?, erklärt ein Justizsprecher.Für die Unternehmen selbst könnte der weit verbreitete Mangel an Rückgrat unter Mitarbeitern fatale Folgen haben. Nach Angaben der Fairness-Stiftung unterschätzen viele Firmenchefs die Bedeutung von Zivilcourage im Unternehmensalltag und investierten kaum in entsprechende Weiterbildung. Wenn aber Führungskräfte nur den Input von Schönrednern und Duckmäusern bekämen oder aus politischen und unternehmensstrategischen Interessen nicht auf die Basis hören wollten, leide der Geschäftserfolg. ?Ich brauche realistische Informationen, wenn ich ein gutes Spiel machen will?, sagt Stiftungsdirektor Copray.Beispiel Maut-Desaster: Schon im Sommer 2003 erzählten etliche Mitarbeiter der Telekom-Tochter T-Systems auf Messen und Kongressen Journalisten und Branchenkollegen ungefragt von technischen Problemen bei dem Großprojekt. Möglicherweise fanden sie im eigenen Haus keinen, der ihre Warnungen hören wollte.Ein Klima, in dem Zivilcourage geächtet wird, verursacht nicht nur hohe Kosten, sondern fördert häufig auch Wirtschaftskriminalität. Kosten in Höhe von sechs Milliarden Euro hätten die kriminellen Handlungen von Mitarbeitern und Managern nach Angaben der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International im vergangenen Jahr in Deutschland verursacht. Andere Fachleute beziffern die Verluste deutscher Unternehmen durch Wirtschaftskriminalität sogar auf bis zu 150 Milliarden Euro jährlich.Anonyme MeldeplattformAus diesen Gründen arbeiten Experten an Methoden und Systemen, mit denen Unternehmensmitarbeiter auf Missstände hinweisen können, ohne interne Repressalien befürchten zu müssen. ?Man kann die Leute nicht in die Don-QuichotteRolle locken und darf nicht jedem Menschen in jeder Situation zur Courage raten?, sagt Stiftungsdirektor Copray. Damit Informanten in Zukunft geschützt Missstände aufdecken können, hat die Firma Business Keeper für die Wirtschaft ein internetgestütztes Frühwarnsystem entwickelt ? das Business Keeper Monitoring System.?Die Hemmschwelle muss für Hinweisgeber so niedrig wie möglich gehalten werden?, erklärt Business Keeper-Vorstand Tur. Eine sichere Meldeplattform biete die Möglichkeit, anonym mit Beratern und bei Bedarf auch mit Strafverfolgern in Kontakt zu treten. Das solle das so genannte Whistleblowing, das Alarmschlagen, für diejenigen erleichtern, die sich aus gutem Grund um ihr Wohlergehen sorgten und trotzdem auf Missstände im Unternehmen hinweisen wollten.Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen setzt das innovative Meldesystem bereits seit November erfolgreich zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität ein. Rund 8 000 Zugriffe auf das Internetangebot zählte das LKA bisher. 183 anonyme Hinweise gingen bei den Ermittlern ein. Davon werteten die Kriminalbeamten 124 als strafrechtlich relevant. Nicht selten erreichten sie auch Meldungen aus anderen Bundesländern. Korruption und Betrug zählen ihren Angaben zufolge zu den häufigsten Delikten.Eine leitende Assistentin meldete zum Beispiel, sie habe jeden Freitag den Wagen ihres Vorgesetzten auf Firmenkosten voll tanken müssen, Reservekanister inklusive. Das Benzin habe dann der Sohn des Abteilungsleiters in seiner Freizeit verfahren. Über vier Jahre lang ging dieses Spiel, dann erst wagte es die Assistentin, den Fall anonym zu melden.Bevor es das Monitoring-System gab, wurden dem LKA in einem ganzen Jahr gerade mal zwei derartige Fälle gemeldet. ?Die Resonanz auf das neue System ist mehr als wir und das Sonderdezernat je erwartet hatten?, sagt Business Keeper-Vorstand Tur. ?Diese Erfolge geben uns Recht, dass wir Hinweisgeber so gut es geht schützen müssen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 14.04.2004