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International bewerben

Johannes Honsell (Foto: Pixelio.de)
In Stockholm war es für die Betriebswirtin Nicole Höfer gewöhnungsbedürftig, beim Job-Interview geduzt zu werden. In Madrid musste sich die Kulturwirtin Viktoria Fuchs von den Personalern fragen lassen, ob sie vor Ort einen Freund habe. In Boston meisterte Philipp Hahn-Woernle ganz andere Schwierigkeiten.
In Stockholm war es für die Betriebswirtin Nicole Höfer gewöhnungsbedürftig, beim Job-Interview geduzt zu werden. In Madrid musste sich die Kulturwirtin Viktoria Fuchs von den Personalern fragen lassen, ob sie vor Ort einen Freund habe. In Boston meisterte Philipp Hahn-Woernle ganz andere Schwierigkeiten: Drei Vorstellungsrunden, sieben Stunden Gespräch mit sieben verschiedenen Personen ? der Bewerbungsprozess hatte es ordentlich in sich. Und in Moskau musste Mischa Dedio lange Klinken putzen, bevor er über persönliche Kontakte an seinen jetzigen Job kam

Wer sich im Ausland bewirbt, der kann was erleben ? und zwar in fast jedem Land etwas anderes, wie diese vier Beispiele zeigen. Auch wenn die Welt zusammenwächst: Die Bewerbungsprozeduren sind noch lange nicht weltweit gleich. Das macht die Jobsuche so kompliziert für Auswanderungswillige.

Die besten Jobs von allen


Und davon gibt es in Deutschland eine ganze Menge: Das Raphaels-Werk, das Auswanderungswillige berät, erreichten 2006 laut Jahresbericht 18.171 Anfragen, ?so viele wie noch nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg?. Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit (ZAV) vermittelte im vergangenen Jahr 14.470 Arbeitnehmer ins Ausland, das sind rund 14 Prozent mehr als 2005. Lieblingsländer der Auswanderer waren drei Nachbarstaaten: die Schweiz, Österreich und die Niederlande.

Wann kann ich bei Ihnen anfangen?

Doch auch bei den Nachbarn können ganz andere Regeln gelten als hierzulande: So sollten Bewerber in Österreich beim Vorstellungsgespräch das ?Herr Magister? oder ?Frau Magistra? tunlichst nicht vergessen. In Russland verschwinden E-Mail-Blindbewerbungen aller Voraussicht nach im elektronischen Nirwana. Und ein amerikanischer Lebenslauf mit Foto wird oft gar nicht erst gelesen, wegen des Diskriminierungsschutzes.

Lässliche Details? Keineswegs. ?Eine erfolgreiche Bewerbung besteht aus vielen kleinen positiven Einzeleindrücken. Man kann gar nicht genug richtig machen?, sagt die Wiener Job-Trainerin Elfriede V. Gerdenits. Wer sich an örtliche Gepflogenheiten anpasst, zeigt, dass er sich mit dem Land beschäftigt hat. Eine arrogante ?Ich-weiß-nichts-über-Ihr-Land-wann-kann-ich-anfangen?-Haltung dagegen kommt gar nicht gut

Falsch machen kann man vieles: Zwar gehören Anschreiben und Lebenslauf in jede internationale Bewerbung. Doch schon Arbeitszeugnisse sind nicht in jedem Land erwünscht, dafür oft Referenzpersonen, bei denen potenzielle Arbeitgeber auch tatsächlich anrufen. Ein französischer Lebenslauf sieht anders aus als ein amerikanischer, ein freundschaftliches Du wie in Schweden sorgt in der Schweiz für indignierte Blicke.

Bevor es aber an Anschreiben, Lebenslauf und Vorstellungsgespräch geht, sollten Bewerber sich vor allem über eines informieren: Wo werde ich gebraucht? Für Europa sind Eures, das Online-Jobportal der EU, und die deutschen Handelskammern vor Ort gute erste Anlaufstellen. ?Ich muss herausfinden, welche Unternehmen expandieren und ähnliches?, sagt Krischan Ostenrath, Experte für Auslandsbewerbungen beim Wissenschaftsladen Bonn. ?Dafür muss ich örtliche Zeitungen studieren, mich durch Job-Sites im Internet klicken. Das kostet Mühe und Zeit, aber die sollte man sowieso mitbringen.?

US-Sitten prägen den Lebenslauf

Die bürokratischen Hürden nicht zu vergessen: Vor der Bewerbung sollten Jobsucher unbedingt Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen in Nicht-EU-Ländern und die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen klären

Ein paar allgemeine Regeln gibt es aber doch: Nirgendwo auf der Welt sind standardisierte Serienbriefe beliebt. Jedes Anschreiben und jeder Lebenslauf von Frankreich bis Russland sollte erklären, warum es gerade dieses Unternehmen und dieses Land sein soll. Auch setzt sich länderübergreifend die US-Sitte immer mehr durch, im Lebenslauf den Erfolg der Tätigkeit zu beschreiben. Wer von 2004 bis 2006 Key Account Manager bei der Firma X war, sollte auch in einem Satz dazuschreiben, was er dort erreicht hat

Doch Patentlösungen gibt es nirgendwo. Auch innerhalb eines Landes handhaben Unternehmen Bewerbungen unterschiedlich ? und manches kann man einfach nicht lernen. Etwa, wie man unverkrampft bleibt, wenn in Schweden der Boss zum Telefoninterview bittet. Und warum ein Plausch bei Wurst und Cola in Russland erfolgversprechender ist als eine Initiativbewerbung. Gut, wenn man von solchen Praktiken schon mal gehört hat.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.09.2007