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Interessen durchsetzen

Cornelia Topf
Wer immer Ja sagt, muss die undankbarsten Aufgaben übernehmen, geht als Letzter aus dem Büro, vergisst seine eigenen Ziele. Die Kunst des Ablehnens lässt sich lernen - zum eigenen Vorteil.
?Ach, komm, sei nicht so. Die 30 Minuten Power-Point-Präsentation kannst Du vorbereiten. Dafür halte ich dann das Impulsreferat auf der Vorstandstagung." Einen solchen Kuhhandel hat Ihnen ein ?lieber Kollege“ bestimmt schon mal vorgeschlagen: Sie machen die Arbeit und er glänzt vor dem Top-Management.

Natürlich durchschauen Sie das Angebot sofort. Aber was antworten Sie, wenn Ihnen Kollegen, Vorgesetzte, Mitarbeiter, Freunde oder Familienmitglieder Arbeit aufbürden wollen, die nicht die ihre ist? Ganz einfach: Sagen Sie zunächst weder Ja noch Nein. Sie folgen der Bitte nicht, Sie prüfen sie. Die Prüfung erfolgt in vier Schritten:

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  • Fragen Sie sich, warum der Bittsteller ausgerechnet zu Ihnen kommt. Sind Sie der Einzige, der helfen kann? Oder das am wenigsten wehrhafte Opfer?
  • Überlegen Sie: Wenn ich helfe, was kann der andere für mich tun? Bieten Sie ein Tauschgeschäft an.
  • Wenn der Bittsteller wenig zu bieten hat: Was können Sie bei der Aufgabe für sich selbst herausholen? Ist der mögliche Gewinn für Sie wichtig?
  • Welchen Preis zahlen Sie für die geopferte Zeit? Und: Möchten Sie diesen Preis bezahlen?
Gefallen Ihnen die Antworten auf diese Fragen nicht, müssen Sie das Anliegen zurückweisen. Denn Ihr Engagement würde Ihnen mehr schaden als nützen. Dieses Nein können Sie guten Gewissens aussprechen, weil Sie sich die Sache vorher gut überlegt haben. Ein schlechtes Gewissen hat nur, wer übereilt ablehnt oder akzeptiert. Ihnen fällt es trotzdem schwer, Nein zu sagen? Dann müssen Sie es erst noch lernen: Beginnen Sie klein, und steigern Sie sich langsam. Sagen Sie nicht gleich zu Ihrem Vorstandsvorsitzenden Nein. Beginnen Sie mit kleinen Bitten ?kleiner Leute".

Ziehen Sie Bilanz: Was sind Ihre Berufs- und Lebensziele? Wer zu oft Ja sagt, ist sich möglicherweise nicht seiner Ziele bewusst. Wer aber eigene, attraktive Ziele hat, sagt Nein, wenn er Nein sagen möchte.

Beobachten Sie die Wirkung auf Ihr Nein und seien Sie überrascht: Sie verlieren nicht an Achtung, wenn Sie Nein sagen. Im Gegenteil: Obwohl dem Bittsteller Ihr Nein nicht schmeckt, ernten Sie Respekt. Logisch, denn Sie zählen jetzt nicht mehr zur Dispositionsmasse. Jeder sieht, dass man Sie nicht überfahren kann.

Wie sagt man Nein? Regel Nummer eins: Geben Sie kein quengeliges Nein. ?Immer ich, ich habe doch noch so viel anderes zu tun, ich schaffe das einfach nicht, ich ... " Dieses Nein eines Fünfjährigen nimmt keiner ernst - weshalb Sie sich prompt wieder überreden lassen. Wenn Sie Nein sagen, dann so, dass es akzeptiert wird, also freundlich, aber bestimmt und selbstbewusst.

Wie lehnen Sie ab, ohne dass es unfreundlich wirkt? Indem Sie die Bitte, wie oben gesehen, ernsthaft prüfen. Dies signalisiert dem Bittsteller, dass Sie nicht leichtfertig, sondern nach reiflicher Überlegung Nein sagen. Dazu geben Sie noch eine Erklärung ab, weshalb Sie ablehnen, die einleuchtend, einfach und für den Bittsteller nachvollziehbar ist. Mit etwas Einfühlungsvermögen wissen Sie, was er nachvollziehen kann und was nicht.

Machen wir die Probe aufs Exempel. Ein Kollege fragt: ?Du, ich habe meinen Schreibtisch voll, kannst Du diesen Kundenbesuch morgen für mich übernehmen?" Sie lassen sich zu keiner voreiligen Antwort hinreißen, sondern bitten um Bedenkzeit. Dann fühlen Sie sich in den Kollegen ein: ?Ich kann mir vorstellen, dass du gerade mächtig was um die Ohren hast. Ist ziemlich stressig, nicht?" Danach lehnen Sie ab. Und wenn er insistiert, werden Sie noch freundlicher und bleiben hart. Was aber, wenn der Chef fünf Minuten vor Feierabend mit einer Wunschliste kommt, die ?unbedingt noch heute" erledigt werden muss? Da gelten nur Hochzeit und Beerdigung - jeweils die eigene - als akzeptable Gründe für ein kategorisches Nein.

Ebenso selbstverständlich ist, dass Sie nicht kategorisch Ja sagen. Ihr Chef ist offensichtlich wenig organisiert. Das sollten Sie nicht noch belohnen, denn ein Chef behält bei, was Sie belohnen. Sagen Sie also eingeschränkt Ja, indem Sie ihn auf Prioritäten festlegen: ?Ich erledige das sofort. Welche Punkte müssen heute auf jeden Fall unbedingt noch raus? Und welche könnte ich, wenn es zum Äußersten kommt, noch morgen in aller Frühe erledigen?"

Das Schöne daran ist, dass Sie ihm den Schwarzen Peter für ein partielles Nein zuschieben. Und schlagen Sie immer, ausnahmslos und auf jeden Fall, eine Gegenleistung vor: ?Kann ich dafür morgen früher gehen?" Mit hoher Wahrscheinlichkeit genehmigt er die Bitte.

Sind Sie selber Führungskraft, denken Sie vielleicht, dass das ganze Thema Sie nicht betrifft. Träumen Sie ruhig weiter. Gerade junge Führungskräfte stecken unglaublich viel Zeit in Dinge, die ihre Untergebenen eiskalt an sie zurückdelegieren. Motto: ?Das fällt eher in Kollege Müllers Zuständigkeit." Oder: ?Ich komme damit nicht zurecht, könnten nicht Sie mal ... ?"

Aus Prinzip dürfen Sie nicht auf diese Masche reinfallen. Wenn Sie denken: ?Das erledige ich viel schneller selber", dann schießen Sie sich selbst ins Knie, und der Rückdelegierer hat genau das erreicht, was er wollte, nämlich in Ruhe gelassen zu werden.

Gehen Sie in solchen Fällen lösungsorientiert vor, das heißt, Ihr Mitarbeiter soll selbst die Lösung finden: ?Was hält Sie davon ab, die Aufgabe zu erledigen? Welche Möglichkeiten haben Sie? Welche wählen Sie? Wann sprechen wir uns wieder?" Machen Sie dem Rückdelegierer bloß keine Vorschläge, wie er vorgehen soll: Er wird Ihnen beweisen, dass Sie sich geirrt haben!

Welche Ansinnen dürfen Sie rundheraus ablehnen? Keines, selbst wenn Sie als Trainee Kaffee kochen sollen und vor Wut über diese Hiwi-Aufgabe selber kochen. Was Sie dagegen ablehnen dürfen, sind kriminelle und unethische Ansinnen - langfristig sollten Sie sich dann aber einen neuen Job suchen.

Jede erfahrene Führungskraft wird Ihnen bestätigen, dass Jasager nicht weit im Leben kommen. Wer seine Ziele erreichen will, muss zielorientiert Nein sagen und sich freundlich durchsetzen können. Sonst sind Sie Mädchen für alles. Oder weniger nett formuliert: Depp vom Dienst.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.04.2002