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Ingenieure gesucht!

Dominik Schöneberg
Arbeitslosigkeit ist das beherrschende Thema der letzten Jahre ? auch viele Ingenieure sind betroffen. Dennoch tun sich vor allem kleine Unternehmen schwer, geeignete Fachleute für ihre offenen Stellen zu finden. Absolventen der Ingenieurswissenschaften haben daher in den kommenden Jahren sehr gute Berufsaussichten.
Während über vier Millionen Arbeitslose vergeblich einen Job suchen, sucht die Tractebel Gas Engineering GmbH vergeblich Fachkräfte. ?Auch wenn sich seit Beginn des Jahres eine Trendwende abzeichnet und wir ausgezeichnete Projektingenieure allen Alters für unser Unternehmen gewinnen konnten, fehlen uns vor allem Verfahrensingenieure mit Potential für Führungsaufgaben und sehr guten Englischkenntnissen?, sagt Karen Schallert, Personalleiterin bei Tractebel. Das Unternehmen baut Anlagen zur Lagerung und dem Transport von verflüssigtem Gas ? das Geschäft boomt. Um die Auftragsflut bewältigen zu können, muss sich Tractebel Fachkräfte von anderen Unternehmen oder Personalagenturen aus dem In- und Ausland ausleihen. Kurzfristig helfen die Leihingenieure natürlich, aber: ?Wenn diese Kräfte uns wieder verlassen, geht unserem Unternehmen viel Know-How verloren?, sagt Schallert. ?Auf lange Sicht bevorzugen wir deshalb Festeinstellungen.?

VDI-Direktor Fuchs: ?Der Fachkräftemangel wird zum größten Innovationshemmnis in Deutschland?
Viele Unternehmen in Deutschland haben ähnliche Probleme wie Tractebel: Laut einer Studie des VDI (Verein Deutscher Ingenieure) haben trotz der wenig berauschenden Wirtschaftslage 42 Prozent der Unternehmen Probleme freie Stellen mit Ingenieuren zu besetzen. Der VDI schätzt, dass derzeit jedes Jahr 15.000 Ingenieure auf dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen. ?Der Fachkräftemangel wird zum größten Innovationshemmnis in Deutschland?, sagt VDI-Direktor Dr.-Ing. Willi Fuchs

Die besten Jobs von allen


Ingenieure sind doppelt so begehrt wie Betriebswirte

Keine akademische Berufsgruppe ist derzeit so begehrt wie Ingenieure. Deutsche Industrieunternehmen suchten Anfang von April 2003 bis März 2004 mehr als doppelt so häufig Ingenieure wie Betriebswirte. Das ergab eine Auswertung von Stellenanzeigen in 40 Printmedien des Personaldienstleisters Adecco. Die Personaler suchen vor allem Elektrotechniker, Maschinenbauer und Fahrzeugtechniker für die Entwicklungs- und Vertriebsabteilungen. Der Ingenieurmangel schadet nicht nur den betroffenen Betrieben: Laut VDI-Berechnungen entstehen mit jeder Ingenieurstelle auch 2,3 weitere Arbeitsplätze in Industrie und Handel.

Der Grund, warum Unternehmen wie Tractebel die freien Stellen nicht an einen der arbeitlosen Ingenieure vergeben können, ist der sogenannte Mismatch: Die Unternehmen suchen hochspezialisierte Fachleute, die unter den Arbeitslosen nicht zu finden sind. Besonders häufig ohne Job sind Ingenieure über 45: "Älteren Ingenieuren fällt es in der Regel schwerer, nach einer längeren Arbeitslosigkeit den Wissensrückstand aufzuholen", sagt Susanne Krebs vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA)

Auch die gewachsenen Anforderungen der Unternehmen machen den älteren Ingenieuren besonders zu schaffen: ?Neben einer guten technischen Ausbildung, die Priorität hat, verlangen die Unternehmen zunehmend auch Know-How auf anderen Gebieten, zum Beispiel BWL-, Fremdsprachen- und Jurakenntnisse?, sagt Dr. Manfred Seidel vom Ausschuss für Ingenieurausbildung beim Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE). Wer sich vor seiner Entlassung nicht kontinuierlich weitergebildet hat, hat daher im Rennen um freie Stellen oft das Nachsehen.

Gute Chancen für Absolventen in der Elektronikbranche

Für junge Studierende, die in den nächsten Jahren die Hochschulen verlassen, sieht es dagegen gut aus. Beispiel Elektro-Branche: Die derzeit rund 7000 Elektrotechnik-Absolventen pro Jahr decken den steigenden Bedarf der Unternehmen nicht: ?In den nächsten drei bis fünf Jahren sollten Absolventen gute Berufschancen haben?, sagt Seidel. Der Anteil von Ingenieuren an der Gesamt-Beschäftigtenzahl der Unternehmen steige ständig. Auf genaue Zahlen will man sich beim VDE aber nicht festlegen: ?Niemand kann sagen, wie groß der Bedarf in den nächsten Jahren genau sein wird?, so Seidel.

Einige Unwägbarkeiten machen eine seriöse Zukunftsprognose unmöglich: Wie entwickelt sich die Konjunktur? Verlagern die Unternehmen weiterhin Standorte ins Ausland? Außerdem könnten künftig auch ausländische Ingenieure viele offene Stellen besetzen: Wegen der EU-Osterweiterung können die Arbeitgeber nun auch in Ländern wie Ungarn oder Tschechien Fachkräfte rekrutieren, und das neue Zuwanderungsgesetz erleichtert Spitzenkräften aus der ganzen Welt den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt.

"Ingenieure werden auch in Zukunft gebraucht"

Dennoch ? auch in Zukunft werden gut ausgebildete Ingenieure weiter gefragt sein: ?Die Exportnation Deutschland muss innovative Technologien entwickeln, um wettbewerbsfähig zu bleiben?, sagt VDI-Direktor Fuchs. ?Ingenieure werden also auch in Zukunft gebraucht.?

Ohnehin sollten angehende Studierende die Entscheidung für oder gegen ein Studium nicht von der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt abhängig machen. Das legt zumindest ein Blick in die Vergangenheit nahe: Weil ein Ingenieurüberschuss zu Beginn der Neunziger Jahre viele junge Leute abschreckte, sank die Zahl der Studienanfänger in den Ingenieurwissenschaften bis 1997 rapide. Da dementsprechend in den folgenden Jahren immer weniger Absolventen die Hochschulen verließen, fehlt es seit der Boomphase um das Jahr 2000 an Ingenieurnachwuchs.

Weiterführende Links:

Die VDI-Studie "Fachkräftmangel bei Ingenieuren" gibt es als PDF-Datei zum Download:
http://www.vdi-nachrichten.de/studien/beruf/beruf.asp

Ingenieure sind bei Industrieunternehmen deutlich begehrter als Betriebswirte. Das Ergebnis der Stellenzeigenauswertung von Adecco gibt es im Internet:
http://www.adecco.de/Channels/adecco_ge/news/72+819+angebote1.asp

Wieviele Ingenieure haben 1997 die Hochschulen verlassen? Wieviel Studienanfänger gab es im Jahr 2001? Und wie entwicklet sich die Arbeitslosigkeit bei Ingenieuren? Der VDI veröffentlicht im Netz umfangreiche Statistiken rund um den Ingenieurberuf.
http://www.vdi.de/monitoring

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Dieser Artikel ist erschienen am 10.08.2004