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Indiskretion

Indiskret ist der Nachbar, der Sie nach Ihrem Einkommen fragt; der Kollege, der ein beim Mittagessen aufgeschnapptes Gerücht über den Chef weiterverbreitet; der Freund, der nicht für sich behalten kann, was Sie ihm über Ihre erotischen Beziehungen anvertraut haben.
Das bedeutet laut Wörterbuch "Mangel an Verschwiegenheit, an Feinempfinden; Vertrauensbruch" (Reclams Kleines Fremdwörterbuch). Es handelt sich also im Gegensatz zur Diskretion nicht unbedingt um eine Eigenschaft, die von gutem Benehmen zeugt. Deshalb werden Indiskretionen grundsätzlich gerne mit entschuldigenden Nebensätzchen wie "Unter dem Siegel der Verschwiegenheit", "Das erzähl' ich jetzt aber nur Dir" und "Das muss unbedingt unter uns bleiben" dekoriert. Auch wenn das - bei gezielter Indiskretion - gar nicht so gemeint ist, siehe unten.Indiskret ist der Nachbar, der Sie nach Ihrem Einkommen fragt; der Kollege, der ein beim Mittagessen aufgeschnapptes Gerücht über den Chef weiterverbreitet; der Freund, der nicht für sich behalten kann, was Sie ihm über Ihre erotischen Beziehungen anvertraut haben. Indiskretion ist in der Abteilung Klatsch & Tratsch genauso zu Hause wie in der Gerüchteküche, wo sie für ständig frischen Gesprächsstoff sorgt.

Die besten Jobs von allen

Gezielte Indiskretion gehört bei Mobbing und Intrigen zusammen mit boshaften Andeutungen und Gerüchten zum Standardwerkzeug: Um einem anderen zu schaden, plaudert man ganz bewusst Dinge aus, die man besser für sich behalten sollte. Viele kleine Indiskretionen zusammen können für ihr Opfer große Folgen haben:"Der Schulze ist neulich auf der Sitzung mit seinen Vorschlägen ganz schön im Fettnäpfchen gelandet", "Herr Schulze hat den Bericht gar nicht selbst geschrieben, sondern seine Praktikantin", "Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass der Schulze mittags immer eine ordentliche Fahne hat?", "Herr Schulze hat sich an der Börse verspekuliert. Das hat er mir neulich bei der Betriebsfeier selbst gesagt." Noch ein paar mehr "Informationen" dieser Art gezielt in Richtung von Herrn Schulze gestreut, und er bekommt ein Problem. Aber deshalb haben seine "lieben Kollegen" nicht unbedingt einen Grund zur Freude: Genau wie Gerüchte können auch Indiskretionen nicht selten bis an die Quelle zurückverfolgt werden. Und wer da sitzt, kann in seiner Umgebung nicht mit Pluspunkten für Beliebtheit rechnen. Die Rechnung ist einfach: "Einmal indiskret - immer indiskret. Letztes Mal hat es den Schulze getroffen, aber nächstes Mal bin vielleicht ich dran." Eine logische Schlussfolgerung, die nicht gerade freundschaftsfördernd ist.Ungewollte Indiskretion. Es kommt häufig vor, dass jemand indiskret ist, ohne es bewusst zu wollen. Das nennt man dann niedlich "sich verplappern". Es erfolgt zwar nicht in böser Absicht, ist aber fast genauso schlimm. Und zwar nicht zuletzt wegen der Dummheit, die daraus spricht.Wer auf Spontaneität Wert legt oder alle anwesenden Gesprächspartner für absolut vertrauenswürdig hält, der kann sich daher ganz schön in die Nesseln setzen. Er könnte zum Beispiel auf einer privaten Party dem Freund eines Freundes erzählen, was für ein firmenbekannter Aufreißer und Frauenheld sein Abteilungsleiter ist - ohne zu wissen, dass dieser Freund eines Freundes auch der Neffe der Frau seines Abteilungsleiters ist. Oder er könnte im Flugzeug einem Kollegen unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein paar Einzelheiten über die schärfste Neuentwicklung aus der Forschungsabteilung anvertrauen. Wieso auch nicht - der dritte Herr in der Reihe ist ein Fremder. Zufälligerweise arbeitet der Fremde auch in einer Forschungsabteilung. Und zwar in der der Konkurrenz. Dumm gelaufen.Gefährliche Gespräche. Auch wenn Sie ein überaus diskreter Mensch sind, können Sie unbeabsichtigt als indiskret wahrgenommen werden - bei Gesprächspartnern, von denen Sie nicht genug wissen, und bei Zuhörern, von denen Sie nicht wissen, dass Sie sie haben. Beides ist letztlich nie auszuschließen. Angesichts der überall lauernden Gefahren ist Schweigen zwar eine theoretisch gute, aber nicht wirklich praktische Lösung. Einfacher und wunderbar wirkungsvoll ist die Beachtung zweier Faustregeln:
  • Es ist grundsätzlich schlecht, über Abwesende schlecht zu sprechen. Wenn Sie sich das aus irgendeinem Grund nicht verkneifen können, dann lassen Sie wenigstens die Namen weg.


  • "Man kann davon ausgehen, dass im Durchschnitt jeder, der von einer vertraulichen Sache erfährt, diese mindestens einer Person weitererzählt." Diese nüchterne Wahrscheinlichkeitsrechnung wird auch das größte Mitteilungsbedürfnis wieder auf ein vertretbares Ausmaß herunterschrauben.
  • Dieser Artikel ist erschienen am 17.05.2004