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In Einsteins Gedanken fließt Zeit kreisförmig

Von BARBARA BIERACH
Im Jahr 1905 sitzt der gerade mal 26 Jahre alte Albert Einstein an seinem biederen Schreibtisch im Berner Patentamt, blickt gelangweilt aus dem Fenster und fängt an zu träumen. Was uns Tagträume über Kreativität lehren...
Seine revolutionäre Abhandlung zur speziellen Relativitätstheorie ist so gut wie beendet, und der ?Technische Experte dritter Klasse? Einstein guckt gelangweilt aus seinem Bürofenster: Der Fluss, Boote, Bäume, eine Marktstraße voller Händler, Kartoffeln und Rüben. Alles vertraut, alles wie immer. Wirklich? Einstein schließt die Augen und träumt: Was ist die Zeit? Stammt sie unwandelbar aus dem All? Oder entsteht sie erst durch unsere Beziehung zu Menschen und Dingen? Gibt es irgendwo eine geheime Uhr in einem gigantischen Tempel, die uns unsere Lebenszeit zumisst? Ist Zeit kreisförmig, linear oder beschreibt sie Wellen? Oder fließt sie eher wie ein Fluss? Was wäre, wenn...?Mit jeder neuen Idee und Wendung seiner Tagträume entsteht eine neue, faszinierende Welt, die unsere bekannte in ein ungewohntes Licht taucht. Aus diesen Träumen hat Alan Lightman ein Buch gemacht. Jedes Kapitel von ?Einstein?s Dreams? gibt uns eine ganz eigene Perspektive von Zeit und Raum und zeigt gleichzeitig, mit welcher Kreativität und Kraft Einstein offenbar bemüht war, seine eigenen Annahmen über das Wesen des Universums immer wieder von Neuem in Frage zu stellen und sich von den Überzeugungen der Forscher und Philosophen vor ihm freizumachen. Ohne die Bereitschaft, auch einmal surreale oder unlogische Ideen zu verfolgen, wäre er wohl auch nicht einer der kreativsten Geister des vergangenen Jahrhunderts geworden.

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Träumen wir also mit ihm und stellen wir uns beispielsweise vor, die Zeit sei ein Kreis. Fließt sie gekrümmt, würde sich die Welt dann nicht selber in den Schwanz beißen ? sich also immer wiederholen? Exakt und endlos? ?Die meisten Leute wissen nicht, dass sie ihr Leben nochmals leben werden. Händler wissen nicht, dass sie dasselbe Geschäft wieder und wieder abschließen werden, Politiker, dass sie vom selben Pult aus im Kreislauf der Zeit die selbe Rede endlos halten werden. Eltern bewahren das Andenken an das erste Lachen ihres Kindes, als würden sie es nie wieder hören. Woher sollen die schüchternen Liebenden auch wissen, dass sich jeder verstohlene Blick, jede Berührung noch und noch wiederholen wird???Wie können die Ladenbesitzer wissen, dass jeder handgestrickte Pullover, jedes bestickte Taschentuch, jede Praline und jede komplizierte Uhr wieder in ihren Laden zurückkehren wird? Wenn der Abend kommt, gehen sie heim zu ihren Familien, oder sie trinken Bier im Gasthaus, begrüßen ihre Freunde in den überwölbten Gassen mit fröhlichen Rufen, liebkosen jeden Augenblick wie einen Smaragd, der ihnen vorübergehend anvertraut wurde. Wie sollen sie wissen, dass nichts vergänglich ist, dass alles erneut geschehen wird??Was wäre, wenn die Zeit ein menschlicher Sinn wäre, ganz wie die Fähigkeit zu sehen oder zu schmecken? Dann wären eine Episode von Ereignissen salzig oder süß, langsam oder schnell, intensiv oder fad, logisch oder unlogisch ? für jeden Menschen ein wenig anders. Für die Frau, die da in Bern auf der Bank am Ufer der Aare sitzt, bewegen sich dann die Boote auf dem Fluss so schnell wie ein Schlittschuhläufer auf Eis, einem Passanten erscheinen sie so, als würden sie sich durch zähen Sirup kämpfen.Und Einstein träumte... Das Buch dazu: Und immer wieder die Zeit. Einstein?s Dreams, Alan Lightman, Heyne, München 1996.-----------------------------------------------------------
FAZIT: BOLKO VON OETINGER
?Die wirtschaftlichen ,Wahrheiten? einer Branche sind oft nichts anderes als tief verankerte Konventionen. Einen Glaubenssatz aufzugeben, gegen die Unkenrufe aller anderen, kann die Welt in ein ganz neues Licht tauchen. Aber wer hat den Mut dazu??
Dieser Artikel ist erschienen am 04.07.2003