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In der Höhle der Löwinnen

Britta Domke
Wie bringt man einen Bus voller randalierender Frauen zur Raison? Polizei-Verhandlungsführer Martin Jakubeit wird immer dann gerufen, wenn die Lage kritisch zu werden droht. Für karriere berichtet er von einer seiner kuriosesten Verhandlungen. "Egal, ob bei der Polizei oder in der Wirtschaft: Wer in eine Verhandlung geht, muss zuerst das wahre Motiv seines Gegenübers herausfinden", betont er.
Weltwirtschaftsgipfel 1999 in Köln. 12.000 Polizisten sind in der Stadt, um Clinton, Jelzin, Schröder & Co. zu schützen. Die Atmosphäre rund um den Dom ist angespannt. Gerade hat das SEK Köln eine Gruppe von Exil-Iranern von der Domplatte abgeführt, die ohne Genehmigung gegen das iranische Regime demonstrierten. Männer und Frauen werden getrennt in Polizeibusse verfrachtet. Plötzlich ein Tumult in einem der Frauen-Busse. Aufruhr, Schreie, Randale. Die Situation droht außer Kontrolle zu geraten. Martin Jakubeit atmet einmal tief durch und lässt die Bustür öffnen. Hinein in die Höhle der Löwinnen. Der Polizeipsychologe aus Lahr im Schwarzwald hat schon bei vielen Demonstrationen die Verhandlungen übernommen, hat brisante Situationen entschärft, Selbstmorde verhindert und Banküberfälle glücklich zu Ende gebracht. Er weiß: Demonstrationen, die "umkippen", können genau so gefährlich werden wie eine Geiselnahme. "Mir war klar: Körpersprache ist eine eindeutige Sprache, die ihre Wirkung nicht verfehlt - in Face-to-Face-Situationen ein wichtiges Verhandlungselement. Also war es geboten, entsprechend entspannt zu wirken, wenn ich den Bus betrete. Es durfte nicht das Bild einer Bedrohung beim Gegenüber entstehen", sagt Jakubeit im Rückblick. Deeskalation heißt das Zauberwort. Der Polizeipsychologe steigt ein, nimmt sein Barett ab, öffnet die Polizeijacke. Zeigt den Frauen ohne Worte: Seht her, ich trage keine Waffe, bin offen für euer Anliegen

"Ich würde gerne verstehen, was hier passiert"

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Worum geht es hier wirklich? Das ist die Frage, die Martin Jakubeit in jeder Verhandlung umtreibt. Klar, die Frauen mögen nicht mit Handfesseln in einen Polizeibus gezwängt werden. Aber das kann nicht der wirkliche Grund für den Aufruhr sein. In den anderen Bussen ist es ja auch ruhig. "Egal, ob bei der Polizei oder in der Wirtschaft: Wer in eine Verhandlung geht, muss zuerst das wahre Motiv seines Gegenübers herausfinden", betont Jakubeit. "Bei Gewaltdelikten kann das verletzte Eitelkeit sein, Eifersucht, oder die Angst vor dem Gesichtsverlust." Es verlangt viel Einfühlungsvermögen und Geduld, dies aus nervösen oder aggressiven Menschen herauszukitzeln.
"Spricht hier jemand deutsch?" fragt Jakubeit in die Runde der wütenden Iranerinnen. Eine Frau meldet sich, übersetzt, als er mit ruhiger Stimme sagt: "Ich würde gerne verstehen, was hier passiert." Damit schafft er ein Ventil, mindert den Druck bei den Frauen, die bald zu Verhandlungspartnerinnen werden soll. Die Lage ist schnell geklärt: Als die Polizei die Frauen abdrängte, trennte sie unbeabsichtigt eine Mutter von ihrem Kind. Jetzt weiß niemand, wo das Mädchen ist. Es leidet unter Asthma; die Mutter befürchtet einen akuten Schub. Mit einem Aerosolspray könnte ihm geholfen werden. Doch das hat die Mutter bei sich - im Polizeibus. Jakubeit hört zu, nickt, signalisiert: Ich verstehe Eure Empörung. Wenn es um ein Kind geht, werden Frauen zu Furien. Die Perserinnen haben ihn mittlerweile als Verhandlungspartner akzeptiert. Jetzt stellen sie Forderungen. Nicht nur nach dem Kind. Sondern auch nach Wasser, Essen, einem Toilettengang, Lockerung der Handfesseln

"Das kann ich nicht sofort entscheiden"

Druck machen, nachgeben, hinhalten - das sind die Mittel, die Polizei-Verhandlungsführer immer wieder fein dosiert ins Gespräch mischen. In dieser Situation entscheidet sich Jakubeit fürs Hinhalten. Er muss Zeit gewinnen, muss Prioritäten setzen: Welches Ziel ist für die Frauen am wichtigsten, worauf könnten sie noch eine Weile verzichten? Der Gruppe sagt er: "Das darf ich nicht allein entscheiden, ich muss erst mit meiner Einsatzleitung Rücksprache halten, was wir für Sie möglich machen können." Sobald Verhandlungen kompliziert werden, schickt die Polizei ihre Spezialisten ins Rennen. Darunter studierte Psychologen wie Martin Jakubeit, aber auch Polizisten mit Zusatzausbildung. Sie alle haben doppelten und dreifachen Rückhalt von ihren Kollegen, denn Verhandlungen bei der Polizei werden immer im Team geführt.
An vorderster Front steht der "Verhandler", der als einziger mit dem Täter oder den aufgebrachten Menschen spricht. Ihn unterstützt der "Beobachter", der das Geschehen aus einigem Abstand verfolgt und daraus Empfehlungen für den Verhandler ableitet. Die beiden bekommen Rückhalt vom "Entscheider", etwa einem Einsatzleiter oder dem Polizeipräsidenten. Er bestimmt die Verhandlungsziele - zum Beispiel die unversehrte Auslieferung der Geiseln -, hat in allen Zweifelsfragen das letzte Wort, muss bei Fehlern aber auch den Kopf hinhalten.
Während Jakubeit den Bus verlässt, um sich mit seinem Einsatzleiter abzustimmen, fahnden die Kollegen mit Hochdruck nach dem Mädchen. Es ist schnell gefunden: Ein Kölner Krankenhaus hat es behandelt; mittlerweile geht es der Kleinen wieder gut. Damit hat Jakubeit auf einmal einen wichtigen Trumpf in der Hand: Er kann den Frauen ihre Forderung Nummer eins erfüllen - allerdings erst mit einiger Verzögerung. Denn der Einsatzleiter besteht darauf, dass die Iranerinnen zur Aufnahme ihrer Personalien in die Gefangenensammelstelle nach Brühl gebracht werden. Erst dort darf die Mutter ihr Kind wiedersehen. "Ich musste unbedingt die Situation runterfahren, für Ruhe sorgen", erklärt Martin Jakubeit. "Also brauchte ich Verhandlungsmasse. Wenn ich eine Sache verwehre, muss ich etwas anderes dafür anbieten." Um den Frauen ihren zweitgrößten Wunsch - den nach Wasser - zu erfüllen, erträgt er gerne das Murren seiner Kollegen. Die müssen nämlich alle ihre Wasserflaschen abgeben. Improvisation ist alles, auch beim Verhandeln.

"Wir wollen nicht von euch befreit werden"

Jakubeits Strategie steht. Er steigt wieder in den Bus, geht in die Hocke auf Augenhöhe und unterbreitet den Frauen sein Angebot: "Ich kann Ihnen hier vor Ort ausreichend Getränke anbieten. Ein Toilettengang ist allerdings nicht möglich. Wäre es für Sie in Ordnung, wenn wir nach Brühl zur Gefangenensammelstelle fahren, wo Ihnen das Kind zugeführt wird und Sie die Toiletten aufsuchen können?" Die Diskussion geht noch ein paar Mal hin und her, bis die Frauen einwilligen. Ohne Abstriche.
Als sich später vor der Gefangenensammelstelle weitere Demonstranten für die Freilassung der Iranerinnen einsetzen, winken diese ab: "Wir wollen von euch nicht befreit werden. Wir haben eine Abmachung mit der Polizei, und die halten wir ein." Jakubeits Plan ist aufgegangen. Weil er sich absolut zuverlässig gezeigt und nur das angeboten hat, was er auch einlösen kann. "Vertrauen und Verlässlichkeit von Anfang an - das ist das A und O für jeden Polizei-Verhandlungsführer", betont der Psychologe.
Am Ende fragen ihn die Frauen sogar, was sie noch für ihn tun können. Halb im Scherz antwortet er: "Am liebsten wäre es mir, wenn Sie jetzt unter dem Absingen fröhlicher Lieder vom Hof fahren." Er ahnt nicht, dass die Iranerinnen auch diesen Wunsch wörtlich nehmen. Als der Bus vom Hof rollt, beginnen sie zu singen.

Martin Jakubeit, 46, arbeitet als Polizeipsychologe bei der 4. Bereitschaftspolizeiabteilung Baden-Württemberg in Lahr. Der gelernte Schreiner, Krankenpfleger, Rettungssanitäter und studierte Diplom-Psychologe leitet als Notfallpsychologe das Kriseninterventionsteam in Lahr. Er hat unter anderem die Verhandlungsgruppe des LKA Sachsen beim Aufbau unterstützt. Als Verhandlungsführer war er bei vielen Großeinsätzen dabei - von der Suizid-Androhung bis zur Geiselnahme.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.09.2006