Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

In britischen Unternehmen sind oft Ausländer die Chefs

Von Andreas Hoffbauer, Handelsblatt
Es ist wie beim Fußball. In der Topliga der britischen Konzerne stehen immer häufiger Ausländer im Rampenlicht. Während aber viele britische Unternehmen auf internationale Chefs setzen, ist dies in Deutschland immer noch die Ausnahme.
HB LONDON. British Airways wird von dem Australier Rod Eddington gelenkt, den Telekom-Giganten Vodafone leitet Arun Sarin, ein Amerikaner mit indischen Wurzeln. Chef des Pharmariesen Glaxo Smithkline ist Jean-Pierre Garnier, die Führung beim Stahlkonzern Corus hat Philippe Varin - beide sind Franzosen.Während hier zu Lande Vorzeigefirmen wie VW, BMW, Siemens oder Thyssen von deutschen Vorstandsvorsitzenden geführt werden, ist dies in England schon lange anders. Echte Briten wie Lord Browne (BP) muss man schon fast suchen. Denn selbst bei englischen Traditionsnamen wie dem Modehaus Burberry geben Ausländer den Ton an. Erst die Amerikanerin Rose Marie Bravo hat die Luxusmarke aus der Krise geholt. Auch die Londoner Bürowelt in Canary Wharf wird seit Jahren von dem Rumänen George Iacobescu gesteuert, und der englische Online-Reiseverkäufer Ebookers wurde unter dem in Indien aufgewachsenen Dinesh Dhamija zum Erfolg.

Die besten Jobs von allen

Das sind nur einige Beispiele von vielen. Fast ein Fünftel der 100 Topfirmen an der Londoner Börse hat einen Ausländer als Chief Executive Officer (CEO).Anders in Deutschland. Unter den führenden 30 Dax-Unternehmen an der Frankfurter Börse gibt es momentan nur wenige Vorstandsvorsitzende, die nicht in Deutschland geboren sind: der Schweizer Josef Ackermann (Deutsche Bank), der Österreicher Wolfgang Mayrhuber (Lufthansa) und RWE-Chef Harry Roels, ein Niederländer. Deshalb hat der jüngste Aufstieg des Schweden Hakan Samuelsson an die Spitze des MAN-Konzerns für Aufmerksamkeit gesorgt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Andere Kulturen bringen frischen Wind in die VorstandsetagenGeorg Spies, Managing Director der internationalen Personalvermittlung Russell Reynolds, sieht ein langsames Umdenken in deutschen Chefetagen. ?In 15 Jahren werden viele deutsche Vorstände internationaler besetzt sein?, ist er überzeugt. Harry Roels bei RWE sei ein gutes Beispiel dafür, ?wie andere Kulturen durchaus frischen Wind in deutsche Vorstandsetagen bringen können?.Wilhelm Friedrich Boyens, Vorsitzender der Geschäftsführung in Deutschland von Egon Zehnder International, bestätigt diesen Trend: ?Wir werden immer häufiger aufgefordert, international nach Top-Managern zu suchen.? Das liegt aus seiner Sicht aber keineswegs daran, dass es in der deutschen Industrie an Kandidaten mangelt.Nicht so auf der britischen Insel. ?In England fehlt es oft an guten Leuten?, meint Robert Bischof, Chairman der Beratungsgesellschaft Droege & Comp in Großbritannien. Auch bei Norman Broadbent, einer auf Führungskräfte spezialisierten Personalvermittlung, sieht man Probleme ?in einigen Bereichen, etwa dem Handel?. Da setze man gerne auf das Unbekannte aus der Ferne.Aber das muss nicht immer die beste Lösung sein: Der Argentinier Carlos Criado-Perez wurde für die Supermarktkette Safeway eher zum Totengräber als zum Sanierer. Und der als Retter gefeierte Belgier Luc Vandevelde konnte das Traditionshaus Marks & Spencer ebenfalls nicht aus der Krise holen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Länderspezifische HürdenEin Grund, warum es mehr ausländische Manager nach London als nach Frankfurt oder Paris zieht, ist zudem die Sprache. Die Zahl der Ausländer, die so gut Französisch beherrschen, um etwa Chef von France Télécom werden zu können, sei doch ?mikroskopisch gering?, so eine Agentur in London. Auch bei deutschen Konzernen werde kaum Englisch in der Chefetage gesprochen, berichten deutsche Personalberater.Hinzu kommen länderspezifische Hürden. So werden manche ausländische Top-Kräfte vor einem Wechsel nach Deutschland wegen der Mitbestimmung zurückschrecken, meint der Zehnder-Chef Boyens. Selbst Weltkonzerne wie Daimler-Chrysler seien deshalb ?sehr lange Zeit sehr schwäbisch? geblieben.Die Engländer dagegen haben überhaupt kein Problem, wer den Laden führt, meint Droege-Mann Bischof. Durch die einstige Rolle im Commenwealth hat England schon immer tiefere wirtschaftliche Verbindungen rund um den Globus gehabt. Die meisten ausländischen Chefs, die heute eine britische Firma führen, haben darum schon früher einmal in England studiert. BA-Chef Eddington etwa war am College in Oxford. ?Für mich als Australier ist Großbritannien stets das Vorbild gewesen?, sagt Eddington zu seinem Wechsel.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Es ist wie beim FußballWie viele andere dürfte ihn allerdings nicht nur die Bildung, sondern auch das Geld gelockt haben ? ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen deutschen und britischen Chefetagen. Während ein Lufthansa-Vorstand zum Beispiel im vergangenen Jahr im Schnitt eine halbe Million Euro verdiente, bekam Eddington fast das Doppelte ? und gilt selbst damit als eher schlecht bezahlt.?Letztlich geht es in Großbritannien viel mehr um den Erfolg und nicht um nationale Gefühle?, fasst Berater Bischof zusammen, warum britische Konzerne gerne Auslandsmanager an ihre Spitze holen.Es ist eben wie beim Fußball: Das Ergebnis zählt. Darum hat die Insel schon seit Jahren einen Schweden als Trainer der englischen Nationalmannschaft. Aber davon ist Deutschland weit entfernt. ?Bevor ein Ausländer das deutsche Team trainiert, wird eher BMW von einem Japaner geführt?, meint ein Berater lachend.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.06.2004