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Immer wieder weglächeln

Von H. Schürmann, G. Weishaupt; Berlin
Gerhard Mayer-Vorfelder bleibt Präsident des Deutschen Fußball-Bundes ? noch. Seine Abwahl sei laut DFB nicht geplant.
Es ist kurz vor elf Uhr. Ein älterer Herr, zurückgekämmtes Haar, dunkler Anzug mit weißem Einstecktuch, entsteigt einer Limousine. Er hat es eilig. Er ist auf dem Weg in die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Frankfurt. Der Verband hat zu einer außerordentlichen Sitzung in seine Bibliothek geladen. Offiziell geht es um Konsequenzen der Wett- und Betrugsaffäre im deutschen Fußball. Inoffiziell aber geht es auch um den Kopf seines Präsidenten, um den Kopf von Gerhard Mayer-Vorfelder ? wieder einmal.Und wieder einmal bleibt er im Amt. Das Präsidium des DFB habe nicht über eine Ablösung von Präsident Mayer-Vorfelder debattiert, sagte DFB-Vizepräsident Engelbert Nelle nach der Sitzung. Der Verband will Ende April eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen, um den Wettskandal aufzuarbeiten. Die Abwahl von Mayer-Vorfelder sei nicht geplant.

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So ähnlich klangen sie oft, die Statements, als er noch Minister in Baden-Württemberg war. Gerhard Mayer-Vorfelder ist eben ein Mann, der nicht loslassen kann und die Macht zu brauchen scheint wie ein Fußballspiel einen Ball. ?Sie müssen aus Klebstoff bestehen?, schrieb die ?Bild?-Zeitung vergangene Woche über den Multifunktionär.Dabei will er die Signale anscheinend nicht wahrnehmen, die seinen Abstieg besiegeln. Denn als der DFB im vergangenen Jahr die Doppelspitze installierte, da wähnte sich MV, wie ihn fast alle in der Branche nennen, noch ganz oben und ganz mächtig. Theo Zwanziger bekam neben dem Schiedsrichterwesen die Amateur- und Landesverbände ins Arbeitsprofil geschrieben. Aber MV führte Feder für die Nationalmannschaft und reüssierte als DFB-Chef in den internationalen Gremien des Weltverbandes Fifa.Das Selbstbild des Gerhard Mayer-Vorfelder im Sommer 2004 war vorher schon zu besichtigen bei der Europameisterschaft in Portugal. Da sah man ihn auf einem weißen Plastikstuhl mitten auf dem Trainingsplatz der deutschen Mannschaft sitzen. Die Beine hatte er übereinander geschlagen, das hellblaue Hemd hochgekrempelt. Zufrieden schaute er über den Platz. Allein zwar ? aber ist ein König nicht immer allein?Bereits nach der EM wurden die Rücktrittsforderungen lauter. Rudi Völler hatte seinen Posten als Bundestrainer aufgegeben. Und MV begab sich dilettierend auf die Suche nach einem Nachfolger. Er musste sich heftige Kritik gefallen lassen, weil er die personelle Krise des deutschen Fußballs schlecht managte, er Völler nicht hatte halten können und zu zögerlich war, um den designierten Nachfolger Ottmar Hitzfeld zu etablieren. Doch MV hielt an seinem Präsidentenstuhl fest.Noch im vergangenen September beim Länderspiel gegen Brasilien in Berlin vertraute er seiner alten Taktik. Augen zu und durch, und wenn alle Kritik ausgesprochen ist und die Kritiker müde werden ? dann werden sie weggelächelt.So hat er alle Häme überstanden. Dass er damals in den 80er-Jahren als Kultusminister von Baden-Württemberg die gesamte Lehrerschaft und nahezu alle Schüler mit konservativen Sprüchen und skurrilen Erlassen wie dem, vor Schulbeginn die Nationalhymne singen zu lassen, gegen sich aufbrachte? Weggelächelt. Und da gab es die vielen Affären, in die er als Kultus- und Finanzminister im Ländle verwickelt war. In der Lotto-Affäre musste er als Aufsichtsratsvorsitzender der staatlichen Toto-Lotto GmbH ?schwer wiegende Fehler in der Geschäfsleitung und im Aufsichtsrat? einräumen. Da gab es die Steuersache Steffi Graf, als ein Untersuchungsausschuss den Vorwurf prüfte, Politiker aus dem Finanzministerium hätten mit der Familie des Tennisstars Absprachen getroffen und sie deshalb bei Steuerprüfungen verschont.Gern gibt er die Episode zu Protokoll, als er noch für Bildung zuständig war: ?Zwei Schüler sehen Mayer-Vorfelder, der eine sagt: ,Schau, da ist der Präsident des VfB Stuttgart.? Der andere: ,Nein, das ist doch der Minister.? Woraufhin der erste erwidert: ,Nein, das ist doch der VfB-Präsident, der Minister ist nämlich ein A...loch.??Das war immer schon seine Methode: charmant plaudern, braun gebrannt lächeln, im privaten Gespräch mitunter pointiert und durchaus selbstironisch. Das ließ so manches verzeihen. Zum Beispiel, dass er im Jahr 2000 die Präsidentschaft beim VfB abgeben musste und den Verein mit 40 Millionen Euro Schulden hinterließ.Intern führte er den Verein wie ein Patriarch. ?Zur Amtsführung von Herrn Mayer-Vorfelder will ich nichts sagen. Nur so viel: Er hat schon seinen sehr eigenen Stil, der sehr an alte Zeiten erinnert?, merkte Uli Hoeneß, Manager von Bayern München, einmal an.Doch seit dieser unselige Name zum ersten Mal fiel, Robert Hoyzer, und seit er vor Millionen Zuschauern von ?Sabine Christiansen? behauptete, nie vor Spielmanipulationen gewarnt worden zu sein, seitdem droht er doch noch zu zerplatzen, der große Traum des Gerhard Mayer-Vorfelder: am 9. Juni 2006 in München noch einmal auf der ganz großen Bühne zu stehen, beim Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft. Zum letzten Mal glänzen als oberster Repräsentant des DFB.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.02.2005