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Immer voll Stoff geben

Von Martin-W. Buchenau und Tanja Kewes
Bruno Sälzer fixiert, täuscht an, und dann zieht er durch. Der Ex-Karatesportler hat beim Modekonzern Hugo Boss aufgeräumt. Bruno Sälzer ist nicht der Typ, der etwas dem Zufall überlässt. Der Ex-Karatesportler ? schwarzer Gürtel ? hat die Fähigkeit zur absoluten Konzentration. Er hat gelernt, mit bloßen Händen harte Schläge im Bruchteil einer Sekunde abzubrechen, um den Gegner den Regeln entsprechend nicht zu verletzen.
METZINGEN. Einer von vier Knöpfen am Ärmel von Bruno Sälzers silbergrauem Jackett ist nicht zu sehen. Denn wäre das Knopfloch offen, würde dem kundigen Beobachter entgehen, dass Sälzers Jackett durchgenähte Knopflöcher hat und somit der ?Boss Selection? angehört, dem feinsten Stöffle des Hauses Hugo Boss. Eigentlich selbstverständlich, aber wäre der Knopf zu, würde es ja keiner merken.Der 48-Jährige ist seit vier Jahren Vorstandschef des mit einem Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Euro größten deutschen Modekonzerns. Vier volle Jahre ? so lange hat sich an der Spitze des börsennotierten Konzerns keiner mehr seit den Holy-Brüdern, den Gründern, gehalten.

Die besten Jobs von allen

Bruno Sälzer trägt Boss, er lebt Boss, er ist der Boss von Hugo Boss. Unter den Augen des italienischen Mehrheitseigners Marzotto hat Sälzer die Zeit genutzt, voll Stoff gegeben und aus dem Herrenschneider der Schwäbischen Alb einen internationalen Modekonzern mit Herren- und Damenkollektionen und Accessoires gemacht. Demnächst dürfte Marzotto mit ihm über die Verlängerung seines Vertrags verhandeln.Seine Gesprächspartner taxiert Sälzer. Mal sucht er den Blick, mal weicht er aus und kritzelt ein paar Striche aufs Papier. ?In den vergangenen vier Jahren ist bei Hugo Boss strukturell mehr passiert als in den 20 Jahren zuvor?, sagt Sälzer. Für die Leistung von Vorgängern wie Peter Littmann und Werner Baldessarini findet er wenig lobende Worte. Er fühlt sich eher Uwe und Jochen Holy verpflichtet, mit denen er sich ?in einer Reihe? sieht: ?Die Holys waren genial.?In dem lichtdurchfluteten Eckbüro der Gründer residiert jetzt er. An der Einrichtung hat Sälzer praktisch nichts verändert ? es ist ein Schrein im Angedenken an jene Zeit, in der Unmögliches noch möglich war: eine neue, edle Modemarke aus Deutschland zu erschaffen.Noch unter seinem Vorgänger Werner Baldessarini hatte Hugo Boss im Jahr 2000 die erste Damenkollektion präsentiert ? und war seitdem über den Laufsteg geschlittert. Die Verluste häuften sich, die Konkurrenz rieb sich Anfang des Jahrzehnts schon die Hände. ?Wir hingen am Fliegenfänger, wir hatten nur noch eine Saison?, blickt Sälzer heute zurück.Der Ex-Karatesportler ? schwarzer Gürtel ? hat die Fähigkeit zur absoluten Konzentration. Er hat gelernt, mit bloßen Händen harte Schläge im Bruchteil einer Sekunde abzubrechen, um den Gegner den Regeln entsprechend nicht zu verletzen. Einen guten Kämpfer zeichnet Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Gelassenheit aus. Eigenschaften, die Sälzer im Job braucht. ?In der schnelllebigen Modebranche müssen Sie schnell reagieren ? und das kann ich, das können wir.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Abgeschiedenheit tut gut.Als eine seiner ersten Amtshandlungen holt Sälzer 2002 das Designteam der Damenkollektion aus Mailand nach Metzingen. Nach Metzingen! In die schwäbische Heimat, wo fernab der glamourösen Modenschauen mitten im Industriegebiet hart gearbeitet wird. ?In Metzingen kommt keiner auf den Gedanken, er sei der Nabel der Welt?, sagt Sälzer. Niemand, der je in Metzingen war, wird dem widersprechen. Die Leute seien zur Offenheit gegenüber allem, was in der Welt passiert, gezwungen ? und zum Reisen.Die Abgeschiedenheit tut gut. Seit 2004 schreibt die Damenmode schwarze Zahlen und ist der Wachstumsbringer des Konzerns.Aber Sälzer kann auch abwarten. Auf den richtigen Augenblick. Dann sitzt der Schlag: trocken, hart und ungebremst. Lothar Reiff hat das zu spüren bekommen. Den ehemaligen Kreativ-Chef im Vorstand hat Sälzer an die Luft gesetzt, ohne mit der Wimper zu zucken. Den Vertrag des Finanzchefs Jörg-Viggo Müller ließ er ebenso kühl auslaufen.Und ?Baldessarini?, die nach seinem Vorgänger benannte Luxus-Linie, gibt er nächstes Jahr auf: ?Es kann nicht sein, dass wir unter dem Namen Hugo Boss versuchen, die besten Anzüge zu machen, aber dann die besten Kunden mit einer anderen Marke bedienen.? Mit einem Umsatz von 17 Millionen Euro sei sie zu klein.Zu den Führungswechseln sagt er auf der Hauptversammlung im Mai knapp: ?Bayern München spielt nach einem Titelgewinn in der nächsten Saison auch nicht mehr mit der gleichen Besetzung weiter.?Gegner, die ihm schon mal den Charme einer Wurzelrechnung bescheinigen, halten es für sein größtes Manko, dass er selbst kein Kreativer ist. ?Der könnte genauso Schrauben oder Waschmaschinen verkaufen?, lästert die Branche über den Betriebswirt.?Könnte ich schon ? aber warum sollte ich?? blockt er die Kritik ab wie einen Karateschlag.Sälzer ist sich seiner eigentlichen Leistung sehr bewusst: Er hat Boss stabile Strukturen gegeben ? von der IT über die Produktion und die Logistik bis hin zum Aufbau des eigenen Ladennetzes. ?Bruno Sälzer ist ein Segen für Hugo Boss. Er hat die Voraussetzungen für den Aufstieg zum vertikal integrierten Luxuskonzern geschaffen?, sagt Alfred Haar von der Unternehmensberatung Hachmeister & Partner.Und das vermeintliche Defizit, kein schillernder Modeschöpfer zu sein? Das gleicht Sälzer mit Mobilität aus. 80 bis 100 Tage ist er pro Jahr auf Achse. ?Management by Walking? nennt er das. Nur zehn Prozent der Reisezeit geht für Meetings drauf, 90 Prozent für ?sehen, riechen, fühlen?, was die eigene Marke macht und ? fast noch wichtiger ? was die Konkurrenz anstellt. Wie präsentieren sich Ermenegildo Zegna und Giorgio Armani? Das interessiert Sälzer bis ins Detail: ?Ich bin ein Augentier.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ganz nebenbei lehrt er die Konkurrenz das FürchtenVor allem den wichtigsten Absatzmarkt liebt er: Asien. Schon durch den Karatesport setzte sich Sälzer früh mit fernöstlichen Denkweisen auseinander. Konzentration und Kontrolle spiegeln denn auch seinen Führungsstil wider.Unter seine Kontrolle brachte Sälzer 2004 wieder die Lizenzen für Lederprodukte. Taschen, Schuhe und Gürtel werden seitdem in Italien und Polen selbst entwickelt und produziert. Mit Accessoires wird in der Branche das meiste Geld verdient ? das macht Sälzer gerne selbst.Und ganz nebenbei lehrt er die Konkurrenz das Fürchten. ?Die Mannschaft stimmt, und die Marke ist omnipräsent?, zollt Michael Kamm, Vorstandschef des Münchener Luxuslederunternehmens Etienne Aigner, dem Konkurrenten Respekt.Herren, Damen, Kinder, Accessoires ? und Sälzer taxiert und zieht weiter durch: ?Hugo Boss hat das Zeug zum Mehrmarkenkonzern.? Das Recht zum Rückkauf eigener Aktien hat er sich auf der Hauptversammlung Anfang Mai von den Aktionären genehmigen lassen ? und sich damit die Währung für Zukäufe verschafft.Und dem ?Boss? ist einiges zuzutrauen. Denn erst wenn es ihm künftig gelingen wird, mehrere größere Marken gleichzeitig zu führen, gehört der Konzern Hugo Boss in die First Class der europäischen Luxushersteller.Diese Phantasie braucht es auch für eine weitere Amtszeit als Vorstandschef. Doch Fragen danach, ob und zu welchen Konditionen er weitermacht, weicht Bruno Sälzer aus: ?Ich schwäche doch nicht meine eigene Verhandlungsposition?, sagt der Ex-Karatesportler.
Bruno Sälzer1957 Er wird in Bad Rappenau-Bonfeld bei Heilbronn geboren.1986 Nach dem Studium der Betriebswirtschaft und der Promotion in Mannheim startet Sälzer im Bereich Marketing und Vertrieb bei Beiersdorf in Hamburg.1995 Er wechselt als Vorstand für Vertrieb und Marketing zu Hugo Boss in die schwäbische Provinz. Vorstandschef ist bis 1997 noch Peter Littmann. Ihm folgen noch Joachim Vogt und Werner Baldessarini.2002 Sälzer übernimmt den Vorstandsvorsitz von Hugo Boss.2004 Die Damenkollektion schreibt erstmals schwarze Zahlen. Hugo Boss baut für das margenträchtige Geschäft mit Accessoires eigene Werke in Italien und Polen.2006 Sälzer steht vor seiner Vertragsverlängerung. Er ist verheiratet, wohnt in Sichtweite des Firmensitzes in Metzingen und hat vier Söhne.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.05.2006