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Immer mehr unzumutbare Jobs

Für die Aussicht auf einen festen Job akzeptieren inzwischen auch hoch qualifizierte Absolventen Bedingungen, die vor Jahren noch undenkbar waren. Das berichtet karriere in seiner aktuellen Titelgeschichte. Junge Architekten, Anwälte oder Journalisten hangeln sich von einer befristeten Stelle zur nächsten oder arbeiten für Hungerlöhne. Sie sind bereit, nach dem Studium noch Praktika zu machen, jederzeit den Wohnort zu wechseln, an Wochenenden oder auch mal umsonst zu arbeiten. Stets in der Hoffnung, dass die Mühen eines Tages zu einem gesicherten, unbefristeten und fair bezahlten Job führen

Das Phänomen des neuen "Prekariats", der unsicher Beschäftigten, belegen die Statistiken: Laut Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl der befristeten Jobofferten für Hochschulabsolventen im Jahr 2005 auf den höchsten Wert seit der Jahrtausendwende. Inzwischen machen sie gut ein Drittel aller Stellenangebote aus. Jeder siebte Job kam 2005 von Zeitarbeitsfirmen und Personalvermittlern - 48 Prozent mehr als im Jahr davor

Die besten Jobs von allen


Das ganze Ausmaß der Jobmisere enthüllt eine Studie der DGB-Jugend, der FU Berlin und der Hans-Böckler-Stiftung von Anfang Februar 2007. Danach haben gerade mal 39 Prozent der Absolventen drei Jahre nach dem Studium eine unbefristete Anstellung gefunden. Jeder Dritte ist befristet beschäftigt, wofür es im Schnitt 600 Euro weniger Lohn gibt als für Festangestellte. 16 Prozent der Absolventen haben sich selbstständig gemacht. Zudem machten 37 Prozent direkt nach dem Studium noch Praktika, die Hälfte davon unbezahlt

Initiativen wie "Fair Company" verleihen einem Teil dieser Menschen eine Stimme: Inzwischen haben sich über 690 Unternehmen den fünf Regeln gegen die Ausbeutung von Praktikanten verpflichtet. Die Gewerkschaften dagegen werden dieses Protestpotenzials kaum habhaft. Denn diejenigen, die protestieren, fallen meist durch das Raster der gängigen Arbeitsschutzmechanismen. Das räumt auch Frank Werneke ein, stellvertretender Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi: "Die klassische Tarifpolitik stößt hier an ihre Grenzen. Widerstand zu organisieren ist schwierig, wenn Menschen auf ein Sprungbrett in einen besseren Job hoffen.

Dennoch gibt es für den Einzelnen Wege aus der Ausbeutungsfalle, so der Tenor des karriere-Artikels: Auch ein Praktikant ist nicht rechtlos. Gewerkschaften und Jobforen informieren über Lohnniveaus, freie Tage und Arbeitszeiten. Absolventen sollten überdies nur Tätigkeiten annehmen, die zumindest entfernt etwas mit ihrer ursprünglichen Qualifikation zu tun haben - und nicht irgendeine Stelle um des lückenlosen Lebenslaufs willen. Denn ihre Qualifikation ist das Kapital, das sie nicht verspielen sollten. Weiterer karriere-Tipp: Kleine Unternehmen bieten oft mehr Möglichkeiten Netzwerke zu knüpfen und sinnvolle Allianzen zu schmieden als große Arbeitgeber. Statt das vierte Praktikum bei einer renommierten Produktionsfirma zu absolvieren sollte beispielsweise der angehende Filmemacher eher Berufserfahrung als Licht- oder Tontechniker bei einem kleinen Unternehmen sammeln, rät das Magazin

Die März-Ausgabe von karriere erscheint am 23. Februar 2007.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.02.2007