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Mal kurz den Freunden Hallo sagen, den Frust über den Uni-Prof loswerden oder sich zum Feierabend verabreden: Per E-Mail, SMS? Oder via Twitter, Frazr, Texteln? Da erreicht man immerhin auf einen Schlag, also kostengünstig, unkompliziert und wenig zeitaufwändig, die ganze Community.
Mit großen Hoffnungen: Ob Frazr, Faybl, Wamadu oder Texteln.de ? sie folgen dem US-Vorbild Twitter, das nach neunmonatiger Anlaufphase schlagartig Kult wurde. Analysten dieser neuen New Economy sehen hier bereits einen Kandidaten wie YouTube heranwachsen, den Google sich 2006 immerhin für 1,6 Milliarden Dollar einverleibt hat. Twitter hat in Amerika ?Second Life? als Trendthema Nummer eins bereits überholt. In Deutschland soll das nicht anders werden

Aber: ?Stehe am Ende der B14?, ?A6 Nürnberg Richtung Amberg? oder ?gerade in Köln/Bonn gelandet? ? so lesen sich die Postings derzeit bei Wamadu. Klingt eher nach Verkehrsnachrichten als nach echtem Traffic. Und bei Texteln.de sind die User noch legasthenischer: ?Toll denke!?, ?nasse haare habe? oder ?essen gehe *jamjam*? steht da. Dabei ist es für Gründer Tobias Tadysiak durchaus denkbar, dass sich Prominente und Firmen ?ihrem Publikum öffnen und dieses aus jeder Situation heraus an ihren Geschehnissen beteiligen?.

Die besten Jobs von allen


?Aufmerksamkeits-Terrorismus? nennt Mediensoziologe Andreas Ziemann von der Uni Weimar das Phänomen, derartig zu kommunizieren. Vor allem den 16- bis 29-Jährigen sei es wichtig, im Internet von anderen gesehen zu werden, zu zeigen, wie stark man vernetzt ist und welche scheinbar tollen Leute man kennt

Obwohl Ziemann dies als reines ?Webkapital? bezeichnet, das in der Realität wenig nutze, funktioniert das System. Frazr etwa verbuchte gleich in der ersten Woche 10.000 Nutzer und wächst derzeit mit 300 bis 500 Usern pro Tag. Neben privatem Meinungsaustausch und Verabredungen glaubt Gründer Veit Kühne, dass sich diese Kommunikationsform auch fürs Projektmanagement eigne: ?Jeder teilt kurz seinen Stand per Frazr mit, alle anderen wissen sofort Bescheid.? Seit kurzem lassen sich zudem Videos von YouTube oder MyVideo einfügen, ebenso Flickr-Fotosets

Ständig neue Anreize müssen die Produzenten auch bieten, um die User bei der Stange zu halten, die schließlich jederzeit sanktionsfrei aussteigen können. Von ihrer Anzahl hängt letztlich ab, ob sich das Geschäftsmodell rechnet, sei es über Werbung, B2C, professionelle Content-Anbieter oder Premium-Accounts.

Die Erfolgsaussichten derartiger Internet-Portale sehen große Risikokapitalgesellschaften wie Wellington Partners eher skeptisch. ?Das ist keine große OpenBC-Geschichte mit hohem Nachhaltigkeitsfaktor?, glaubt Partner Frank Böhnke, Experte für digitale Medien. ?Aber wenn es viele nutzen, wird man das Format gut verkaufen können.? Vielleicht sind deshalb die drei Samwer-Brüder schon bei Frazr mit eingestiegen. Die Gründerlegenden erwirtschaften mit ihren New-Economy-Unternehmen (Ebay Deutschland, Jamba!) heute mehr als eine Milliarde Euro. (kog)
Dieser Artikel ist erschienen am 04.06.2007