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Von Joachim Hofer, Handelsblatt
Kevin Rollins bildet mit Vorstandschef Michael Dell ein außergewöhnliches Tandem beim US-Computerbauer Dell.
Michael Dell
ROUND ROCK. Ein Blick und Kevin Rollins kann seinem Vorgesetzten direkt in die Augen schauen. Nicht mehr als zehn Meter voneinander entfernt stehen die Schreibtische von Michael Dell, dem Gründer und Vorstandschef des größten Computerbauers der Welt, und Kevin Rollins, seinem zweiten Mann.Die Nähe ist außergewöhnlich groß, denn wenn die beiden Manager von ihren Unterlagen aufschauen, treffen sich ihre Blicke fast zwangsläufig. Ihre bescheidenen Büros in einem gesichtslosen Verwaltungsgebäude am Rande der texanischen Kleinstadt Round Rock trennt lediglich eine Glaswand mit einer Tür in der Mitte. ?Eigentlich hätten wir die Wand gleich ganz weglassen können?, feixt Rollins, ?denn die Tür war noch nie geschlossen.?

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Was er damit sagen will: Die beiden Männer an den Schalthebeln des mächtigen Computerproduzenten haben grenzenloses Vertrauen zueinander und keine Geheimnisse. Dabei spricht das Organigramm eine klare Sprache: Ganz oben steht Michael Dell, der trotz seiner 38 Jahre jugendlich wirkende Milliardär und Vorstandschef der von ihm vor 20 Jahren gegründeten Firma. Gleich darunter Kevin Rollins, 50, ein erfahrener Unternehmensberater und als Chief Operating Officer eigentlich nur für das Tagesgeschäft zuständig.Doch Hierarchien zählen in der Konzernspitze wenig. ?Wir führen die Firma zusammen?, betont Michael Dell bei jeder sich bietenden Gelegenheit und unterstreicht, dass er die strategische Linie mit Rollins gemeinsam bestimmt. ?One Company, two CEOs?, titelte jüngst das US-Fachblatt Chief Executive, übersetzt ?Eine Firma, zwei Chefs?.In den USA gilt der Computerproduzent längst als Musterbeispiel dafür, dass eine Doppelspitze dauerhaft funktionieren kann. Was bei Daimler-Chrysler oder Fujitsu Siemens Computers nach kurzer Zeit scheiterte, hält bei den Texanern seit mehr als zwei Jahren ? und soll laut Rollins bestehen bleiben.Allein die Zahlen sprechen für sich: Dell lässt derzeit sämtliche Wettbewerber in der Computerbranche hinter sich. Niemand verkauft so viele PCs wie die Amerikaner, kaum ein Wettbewerber wächst so schnell und kann trotz Wirtschaftskrise so hohe Gewinne verbuchen. Das Duo will den Umsatz in den nächsten zwei Jahren sogar von derzeit 40 Milliarden auf 60 Milliarden Dollar steigern.Michael Dell ist sich seit Jahren bewusst, dass er mit der Aufgabe alleine überfordert wäre. Also holte er immer wieder von außen gestandene Manager an Bord. Rollins wechselte 1996 zu Dell, nachdem er als Partner von Bain & Co. das Unternehmen beraten hatte. ?Ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass ich von außen mehr für Dell tun kann?, begründet er sein Zögern, bevor er doch den Vertrag unterschrieb.Viele Analysten halten Rollins inzwischen neben Michael Dell für die treibende Kraft hinter dem Erfolg des US-Konzerns: Seit er in dem Unternehmen arbeitet, sind die Einnahmen um das Achtfache geklettert. Rollins selbst ist nicht nur auf die Zahlen stolz. Genauso freut den Hobby-Geiger und Literaturliebhaber, dass er Dell aus einer tiefen Sinnkrise befreit hat.?Soul of Dell? nannte er das Programm, das nach dem Ende der Internetblase die knapp 44 000 Mitarbeiter zu neuen Höchstleistungen anspornen sollte. Der bekennende Mormone musste in einer Zeit fallender Aktienkurse und angesichts der Tatsache, dass Tausende Beschäftigte längst Millionäre geworden waren, neue Wege finden, um seine Leute zu motivieren.Seither müssen sich alle daran messen lassen, ob sie sich genügend um die Qualität ihrer Computer und um ihre Kunden kümmern, oder wie sehr sie sich für die Gleichstellung einsetzen, über Nationalitäten-, Sprach- und Geschlechtergrenzen hinweg. Beschäftigte berichten, dass sich die Stimmung trotz des Stellenabbaus vor zwei Jahren deutlich gebessert habe.Rollins verheimlicht nicht, dass sich vor allem das Management haarklein an die Vorgaben der Konzernspitze halten muss. Wer sich etwas zu Schulden kommen lässt, muss im Ernstfall gehen. Dazu zählen Regeln wie die, dass es unter den Beschäftigten einer Abteilung keine Liebesbeziehungen geben darf.Dass sich die Chefs gerne selbst ein Bild davon machen, wie es in den Büros und Werken läuft, hat bei Dell Tradition. ?Bei Kevin laufen die Fäden des täglichen Geschäfts zusammen?, betont einer seiner Mitarbeiter und ergänzt: ?Kevin ist immer auf dem neuesten Stand, wo es in der Produktion einen Engpass gibt.?Als einer, der rund um die Uhr arbeitet, sieht sich Rollins dennoch nicht. ?Weil ich mir die Führung mit Michael Dell teile, habe ich mehr Zeit als andere Manager, mich außerhalb der Firma zu engagieren?, findet er. Seine Aufmerksamkeit gilt aber nicht nur der Familie. Er setzt sich unter anderem tatkräftig für die Kultur in der texanischen Hauptstadt Austin ein ? der Firmensitz von Dell liegt vor den Toren der Stadt. Und seit dem vergangenen Frühjahr gehört er zum Beraterstab von US-Präsident George W. Bush in Handelsfragen.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.01.2004