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Immer hart am Abgrund

Von K. Slodczyk
Patricia Russo, Chefin des Netzausrüsters Alcatel-Lucent, hat schon einige Bewährungsproben gemeistert. Jetzt steht die nächste an, denn am morgigen Freitag legt sie die Konzernbilanz vor. Für sie heißt das: Beschwörungsformeln üben und Besserung geloben. Ruhig und langsam erläutert sie ihre Strategie. Die Unterarme auf den Tisch gestützt, die Augen fest auf den Gesprächspartner gerichtet.
Ein fester Händedruck, ein Nicken. Dann setzt sie sich hin, an einen kleinen Tisch mitten in einem provisorischen Büro auf der Technologiemesse Cebit in Hannover. Lärm dringt durch die dünnen Wände.Doch Patricia (?Pat?) Russo lässt sich davon nicht stören. Ruhig und langsam erläutert sie ihre Strategie. Die Unterarme auf den Tisch gestützt, die Augen fest auf den Gesprächspartner gerichtet. ?Wir haben gezeigt, was wir können. Wir haben gezeigt, dass wir anpassungsfähig sind?, sagt sie. Und weiter: ?Wir werden den Umsatzverfall und den Abwärtstrend stoppen. Wir wollen vor allem im Servicegeschäft Marktanteile gewinnen.?

Die besten Jobs von allen

Beschwörungsformeln, hundertfach wiederholt vor Kunden und Analysten, vor Kreditgebern und Journalisten. Russo betet diese Sätze seit Monaten herunter, so auch auf der Cebit vor knapp vier Jahren. Die Amerikanerin stand damals dem von der High-Tech-Krise gebeutelten Netzausrüster Lucent vor, den sie nach einer Brachialkur Ende 2003 wieder in die Gewinnzone führte.Heute leitet sie Alcatel-Lucent. Beide Unternehmen schlossen sich im vergangenen Jahr zusammen. Und wieder muss Russo gegen sinkende Umsätze und Gewinne ankämpfen, möglicherweise mehr Stellen streichen als ursprünglich geplant und harte Einschnitte vornehmen. Vor allem aber wird sie sich erneut in Beschwörungsformeln üben und Besserung geloben, wenn sie am morgigen Freitag die Bilanz für das vergangene Jahr vorstellt.19 Jahre lang hat sie sich hochgearbeitetRusso hat mal wieder eine der schwersten Aufgaben, welche die Telekommunikationsbranche derzeit zu vergeben hat ? so ähnlich wie im Januar 2002, als sie den Job an der Spitze von Lucent antrat. Damals war die Situation jedoch noch bedrohlicher, denn dem Konzern drohte die Insolvenz.Dennoch sagte Russo einst über ihre neue Stelle: ?Es war der Job, auf den ich mein ganzes Leben gewartet hatte.? Genauer gesagt: 19 Jahre lang hat sie sich bei Lucent hochgearbeitet. Es ist der zweite Arbeitgeber ihres Lebens. Zuvor hat sie acht Jahre bei IBM zugebracht.Bei Lucent steigt sie 1981 ein, als der Netzausrüster noch zum Traditionskonzern AT&T gehört. Wettbewerb war damals ein Fremdwort in der Branche, ein Job bei AT&T ähnelte einer Stelle in der öffentlichen Verwaltung.Ende der 90er-Jahre kommt für Russo die erste Bewährungsprobe: Sie wird Chefin der Großkundensparte, die weltweit Technik an Telefonunternehmen verkauft, aber Verluste machte. Mit einer Mischung aus Strenge und Liebe habe sie diesen Bereich geführt, erzählen frühere Kollegen. Schon damals habe sie gezeigt, dass sie Leute motivieren und hinter sich bringen kann.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Meine behinderten Zwillingsbrüder haben mich gelehrt, die Dinge in der richtigen Perspektive zu sehen.?Sie begründet das mit ihrem familiären Hintergrund: ?Wer wie ich in einer Familie mit sieben Kindern aufgewachsen ist, lernt schnell, wie wichtig Teamwork ist.? Dabei hat die Amerikanerin, deren Vorfahren aus Sizilien stammen, auch noch andere Erfahrungen gemacht, die sie später im Berufsleben einsetzt: ?Meine behinderten Zwillingsbrüder haben mich gelehrt, die Dinge in der richtigen Perspektive zu sehen.?1996 wird der Netztechnikbereich von AT&T abgestoßen. Lucent entsteht. Russo bleibt dem neuen Unternehmen zunächst treu, wechselt aber fünf Jahre später zu Kodak ? wegen fehlender Aufstiegsmöglichkeiten, heißt es damals in der Branche. Die kommen mitten in der Krise des einstigen Vorzeigeunternehmens, in dessen Bell Labs der Transistor, die Solarzelle und der Laserstrahl erfunden wurden. Ende 2001 holt Lucent-Interimschef Harry Schacht die Konzernveteranin zurück.Lucent ist schwer angeschlagen durch den Zusammenbruch der Telekombranche und fährt Milliardenverluste ein. Den Einstieg in neue Märkte hat das Unternehmen verschlafen, und die alten Kunden brechen unter enormen Schulden zusammen. Schacht hat bereits einen Sanierungsplan in der Schublade. Um den zu realisieren, braucht er eine Managerin, für die ?Versagen keine Option? (Russo über Russo) ist. Ihren Kampf um die Zukunft von Lucent beschreibt sie später so: ?Das ist, als würde man einen Jumbo-Jet durch einen Orkan steuern und gleichzeitig die Motoren auswechseln.?Pat hat keine Wahl, heißt es bei LucentDies ist der schlanken Frau gelungen, die unter Entspannung Joggen auf dem Laufband versteht und dabei TV-Nachrichten gucken. Sie entlässt damals im großen Stile Leute, verkauft Fabriken, lagert Teile der Produktion aus ? Grausamkeiten, die ihre Beliebtheit im Konzern aber nicht schmälern. Pat hat keine Wahl, heißt es bei Lucent. Von knapp 120 000 auf 30 000 sinkt die Mitarbeiterzahl. Der Umsatz geht von mehr als 30 Milliarden Dollar auf gut ein Viertel zurück. Dies bringt ihr in der Branche schnell den Spitznamen ?Verwalterin des Mangels? ein.Ihre Kunden loben ihr Vorgehen: ?Lucent ist unter Russo sehr flexibel geworden?, sagt damals ein Manager des US-Telekomkonzerns Verizon, ?das Unternehmen ist stets in der Lage zu besorgen, was wir brauchen, auch wenn es nicht im Lager ist.?Auch Analysten würdigen den Turn-around, vermissen aber lange Zeit eine überzeugende Vision. Wohin steuert der Konzern auf längere Sicht? Wird Lucent einfach nur ein mittelmäßiger Netzausrüster, oder schafft das Unternehmen noch einmal den Anschluss an alte Glanzzeiten?Im vergangenen Jahr präsentierte Russo eine Antwort, als sie gemeinsam mit Alcatel-Chef Serge Tchuruk die Fusion beider Konzerne verkündete. Einmal ist dieses Vorhaben schon gescheitert, jetzt soll es klappen. Zunächst sind auch Branchenkenner recht zuversichtlich ? bis das fusionierte Unternehmen Ende Januar dieses Jahres mit einer Umsatz- und Gewinnwarnung überrascht. Ein Fehlstart für Alcatel-Lucent.Bislang hat sie noch jedes Mal die Kurve bekommen und sich aus ausweglosen Situationen befreit. Ob sie es dieses Mal wieder schafft?
Dieser Artikel ist erschienen am 08.02.2007