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Immer den Menschen im Blick

Von Susanne Schreiber, Handelsblatt
Die Kunstsammlerin Ingvild Goetz hat ein eigenes Museum, die größte private Video-Sammlung und ein sicheres Händchen für zeitgenössische Kunst. Doch ihre Karriere in der Kunst begann mit einem Rausschmiss.
MÜNCHEN. Ihre Karriere in der Kunst begann mit einem Rausschmiss. Denn brav war sie nie, Ingvild Goetz. Die gelernte Werbekauffrau und erfahrene Graphikverlegerin eröffnete 1969 ihre erste Galerie in Zürich. Doch als sie ein politisch engagiertes Kunst-Happening mit Wolf Vostell veranstaltete, platzte den braven Eidgenossen der Kragen. Die aufrührerische Deutsche verlor ihre Aufenthaltserlaubnis.Zurück in Deutschland führte sie von 1971 bis 1984 ihre eigene Galerie in München. Ein sicheres Händchen für Qualität und das Entwicklungspotenzial von Künstlern bewies Goetz schon damals: Aus ?ihren? Künstlern sind Weltstars geworden: Christo, Andy Warhol, Cy Twombly, Jannis Kounellis und Bruce Nauman.

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Dieses unbestechliche Gespür für zeitgenössische Kunst vermittelt sich dem Besucher auch im Privatmuseum Sammlung Goetz, das nach Anmeldung öffnet. Finanziert hat sie den so spektakulären wie einfachen Bau mit dem Verkauf eines Gemäldes von Cy Twombly. Es war aus der Galeriezeit übrig geblieben.Der rosa schimmernde Holz- und Glas-Kubus an der Oberföhringer Straße in München zieht Architektur- und Kunstfreunde an. Die einen studieren begeistert den frühen Museumsbau, der heute zur Weltspitze zählenden Schweizer Architekten Herzog & de Meuron. Die anderen nähern sich in exemplarischen Ausstellungen der aktuellen Avantgarde.Selbst Bekanntem gewinnt die Sammlerin neue Aspekt ab. In ihrer derzeit laufenden Überblicksschau über Richard Prince stellt Ingvild Goetz eben nicht nur die bekannten Fotos von Cowboys aus, in denen sich der Amerikaner die Motive der Zigarettenreklame aneignet. Der Besucher entdeckt die ganze Bandbreite des Künstlers, der unter anderem populäre Barwitze aufgreift und in Textbildern zum Besten gibt.Auf Eröffnungen und gesellschaftlichen Großereignissen sieht man die schlanke, unauffällig gekleidete Kunstexpertin selten. Lieber geht sie vorher mit dem Künstler durch die Ausstellung. Auf Messen bliebe sie gern unerkannt ? was kaum gelingt. Ist sie nicht auf Reisen, arbeitet die Frau mit den schwarz konturierten Augen zwölf Stunden am Tag für das Museum. Pro Jahr richtet sie zusammen mit ihrem Direktor Rainald Schumacher und Stephan Urbaschek, Kurator für Film und Video, zwei Ausstellungen ein ? ausschließlich aus eigenem Bestand. Das geht gut, denn ihr Mann, Stephan Goetz, ist gleichfalls beruflich stark engagiert.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sammeln mit Geduld ?Ich bin gern allein?, bekennt sie und spielt umgehend auf die Macht der Sammler an: ?Das Spekulative an Kunst liegt mir fern. Gute Kunst setzt sich von allein durch. Puschen ist nicht meine Sache. Man muss auch warten können.? Künstler zu entdecken, aufzubauen und alsbald mit Gewinn zu verkaufen im Stil des Londoner Großsammlers Charles Saatchi ? interessiert sie nicht. Und sie wehrt sich entschieden, wenn ?mein Name wiederholt spekulativ und unzutreffend für einen weitgehend unbekannten Maler ins Spiel gebracht wird, wie gerade in München geschehen?. Das Haus der Kunst versuchte, den Newcomer Florian Süssmayr mit dem Hinweis auf die Sammlung Goetz zu adeln.Goetz agiert da viel zurückhaltender: Als private Sammlerin und Förderin von Künstlern lässt sie die Öffentlichkeit an ihrer Seherfahrung und ihrem Erkenntniszuwachs teilhaben ? mit klugen Ausstellungen und sorgfältigen Katalogen. Sie will mit guter Kunst Augen öffnen. Im politischen wie im ästhetischen Sinn. Ernst und Kompetenz verbinden sich bei Goetz mit Bescheidenheit ? was selten ist im eitlen Kunstbetrieb. Wer den Auftritt einer machtbewussten Direktorin erwartet, irrt. Die Frau mit den kleinen Goldohrringen und dem blond gesträhnten Schopf verschwindet bewusst hinter der Sammlung.Ob in der Videokunst von Doug Aitken oder Janet Cardiff ? Goetz besitzt die größte private Videosammlung ? , in den hintergründig humorvollen Foto- und Filmarbeiten von Peter Fischli und David Weiss ? immer geht es um den Menschen und die Gesellschaft. Stets sind die künstlerischen Mittel neu.Als sich Ingvild Goetz ab 1984 nur noch dem Sammeln und nicht mehr dem Galeriebetrieb widmete, trug sie zunächst eine viel beachtete Gruppe von Werken der Arte Povera zusammen. Künstler dieser Bewegung verabschiedeten sich zu Beginn der sechziger Jahre vom althergebrachten Tafelbild ? damals ein revolutionärer Akt. Jannis Kounellis und Giulio Paolini brachen beispielsweise Normen, indem sie wertlose Materialien für ihre Kunst verwendeten oder Naturelemente integrierten. Künstler stellten nicht mehr im Museum aus, sondern in leeren Fabrikhallen oder mitten auf der Straße. Die Gesellschaft war im Umbruch, die Kunst und ihre Formen auch.Eine Arte-Povera-Retrospektive durch verschiedene Museen startete 1997 im Neuen Museum Weserburg in Bremen. ?Aus der Kooperation ist eine Freundschaft der Kunstsüchtigen geworden?, erzählt Thomas Deecke, Direktor im Weserburg-Museum. Zahlreiche Einzelpräsentationen aus dem über 2 500 Werke umfassenden Bestand der Sammlung Goetz beweisen eine ?Public-Private-Partnership at its best?, urteilt Deecke.Lesen Sie weiter auf Seite 3:"Kunst, die nach vorne geht" So eigenwillig wie ihr Kunstgeschmack ist auch ihr Verhältnis zur Mode. Ingvild Goetz zieht die Galeriequartiere in Berlin, London, Madrid und New York eindeutig den Modemeilen vor. Diese Bescheidenheit war in der Familie Erziehungsziel. Ihr Vater, ein Unternehmer, hielt seine Kinder kurz, als sie klein waren. Die Flucht aus Westpreußen und die Ausgrenzung in ihrer neuen Heimat (?Polacken?) sind prägende Kindheitserfahrungen. Das sensibilisierte die Wahlmünchnerin möglicherweise für Kunst, die sich mit der Gesellschaft auseinander setzt.Die finanziellen Mittel für ihre stete Jagd nach ?Kunst, die nach vorne geht?, und den Museumsbetrieb stammen aus dem Galeriefundus und der Familie. Vom Vater hat sie die Liebe zur Insel Ibiza übernommen. ?Als er vor 45 Jahren im Landesinneren baute, setzte das Schiff nur einmal die Woche über.? Dorthin zieht sie sich zurück, wenn der Kunstbetrieb zu hektisch wird.In Balance hält sie sich durch regelmäßige Meditation. Die hat sie auf ihren Reisen nach Asien kennen gelernt. Ob in Indien, Kambodscha oder Oman, wohin sie mit ihrem Mann aufbricht, überall unterstützen sie soziale Projekte. Denn es geht ihr um die Menschen. Im Leben wie in der Kunst.Ingvild GoetzGeboren wird sie in Kulm/Westpreußen. Ihr Geburtsdatum verrät sie nicht.1969 gründet sie die Galerie ?art in progress? in Zürich. Von 1971 bis 1984 hat sie eine Galerie in München.1984 beginnt sie, intensiv Kunst zu sammeln: Arte Povera; New Yorker Künstler der 80er-Jahre, Mike Kelly, Jeff Wall, Matthew Barney, Cindy Sherman, Robert Gober; Fotografie; Video.1993 eröffnet sie ihr Privatmuseum, gebaut von Herzog & de Meuron. Sie veranstaltet zwei Themen-Ausstellungen pro Jahr sowie Ausstellungen in öffentlichen Museen weltweit.2003 wird sie Mitglied der Ankaufskommission für zeitgenössische Kunst der Bundesregierung.Aktuell: Die Ausstellungen ?Richard Prince? und ?Doug Aitken? (Video) laufen noch bis 21.5. (Prince-Katalog: 30 Euro, fast forward: Media Art: 65 Euro). Besuch nur nach Voranmeldung Tel.: 089/959 39 69 0 Weitere Infos: www.sammlung-goetz.de
Dieser Artikel ist erschienen am 05.04.2005