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Image-Bedrohung aus dem Internet

Von Constantin Gillies
Nikon hat Ärger mit grauen Schafen im Internet ? und das, obwohl der Kamerahersteller gar nicht online verkauft. Doch das Netz schafft sich sein eigenes Angebot: Dort bieten unautorisierte Händler die Fotoapparate zu Dumpingpreisen an, zum Teil ohne Bedienungsanleitung und Software.
HB DÜSSELDORF. ?Das Internet macht es den Graumarkthändlern einfacher?, gibt Albert Allbauer, General Manager beim Kamerahersteller zu. Im April letzten Jahres entschied sich Nikon deshalb, durch eine Internet-Überwachung gegenzusteuern: Die Online-Detektive der Münchner Firma P4M spüren graue Ware in Webshops und bei Internet- Auktionen auf, kaufen testweise ein und melden Grauimporteure an die Nikon-Rechtsabteilung. Mehrere illegale Händler spürt P4M so pro Woche auf.Produktpiraterie, Markenmissbrauch, öffentliche Diffamierung ? der Cyberspace ist selbst für die vermeintliche Old Economy längst ein Minenfeld geworden. ?90 Prozent unser Kunden kommen aus klassischen Branchen: Chemie, Pharma, Automobil?, berichtet Sten Franke, Geschäftsführer bei Media Time Consulting, Hamburg. Der Dienstleister hat ein Programm namens Gridpatrol entwickelt, das den gesamten Netz ständig nach Unternehmens- und Produktnamen abgrast ? von offiziellen Seiten bis zu obskuren Newsboards und Diskussionsforen. ?Wir sagen Ihnen, ob sich online etwas zusammenbraut?, wirbt Franke.

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Krisenherde im NetzDas ist gar nicht so selten: So etwa der Vorwurf einer Nicht-Regierungsorganisation an einen Sportartikelhersteller, in der Dritten Welt mit Kinderarbeit zu produzieren. Oder die Beschwerde von Konsumenten über einen fehlerhaften Handyakku.Programme wie Gridpatrol entdecken selbst unscheinbare Strömungen und geben Alarm. Pharmafirmen etwa lassen bis zu 150 möglicher Krisenherde im Netz beobachten, und ihre PR-Abteilungen gegebenenfalls gegensteuern. Gridpatrol- Erfinder Franke gibt sich selbstbewusst: ?Wäre Brent Spar heute, hätten wir Shell lange vorwarnen können.?Wie schnell Netz-Gerüchte in die reale Welt herüberschwappen, zeigt das Beispiel eines Kosmetikherstellers. Über eines seiner Parfums kursierte online das Gerücht, es sei mit Moschus gestreckt. Die Falschmeldung schaukelte sich hoch, bis einige Fondsgesellschaften sogar die Aktie des Herstellers aus ihrem Portfolio nahmen. ?Es ist leicht, mit ,Enthüllungen? im Internet auf sich aufmerksam zu machen?, warnt Wolfgang Greipl, Geschäftsführer bei P4M und Spezialist für die Markenüberwachung.Doch das Netz kann auch positive Anstöße liefern. So fand P4M im Auftrag einen Elektronikherstellers heraus, dass sich viele Kunden in Online-Foren über ein defektes Batteriefach bei einem der Produkte beschwerten. Daraufhin wurde die Konstruktion geändert.Alternative MarktforschungInternet-Überwachung als alternative Marktforschung ? damit wirbt auch die Firma Verisign: ?Nirgendwo sonst bekommen Sie so unverfälschte Meinungen?, meint Tobias Wann, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung des US-Unternehmens.Billig ist die tägliche Überwachung der Online-Gerüchteküche jedoch nicht: Für 1 500 Euro pro Monat starten die Internetdetektive ihre Suchprogramme, gewichten die Ergebnisse und fassen für den Kunden die wichtigsten Strömungen auf einer Webseite zusammen.Doch es ist auch eine Warnung angezeigt: Der Einsatz der Netzüberwacher ist umstritten. Unternehmen wie P4M oder Media Time werden von der Netzgemeinde als Schnüffler beschimpft. Allein ihr Einsatz birgt die Gefahr eines neuen Imageschadens.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.02.2004