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Im zweiten Anlauf

Von Markus Fasse
Fast zwei Meter Körpergröße ermöglichen Menschen eine eigene Sicht der Dinge ? in der Regel eine großzügige Gelassenheit, auch wenn sie selber bedrängt werden. Peter-Alexander Wacker ist mit dieser Gabe gesegnet. Seit Monaten bereitet er emsig den Börsengang seines Familienunternehmens vor.
HB BURGHAUSEN. Denn der Bauherr hat in diesem Jahr noch viel vor. Die neue Anlage für polykristallines Silizium muss fertig werden, so schnell wie möglich. Das Tempo in der Baugrube ist Botschaft für alle: Dieses Jahr ist zu wichtig, um wertvolle Zeit wegen ein bisschen Frost zu verlieren.Peter-Alexander Wacker, Miteigentümer und Vorstandsvorsitzender des Konzerns Wacker Chemie, drückt an diesem unwirtlichen Januartag viele kalte Hände. Doch die Gäste sind gerne gekommen: Politiker, weil sie ihm für eine 200 Millionen teure Investition in der Provinz danken. Geschäftspartner, die so verzweifelt auf neues Silizium für Sonnenkollektoren warten, dass sie Wacker einen Teil der Investitionssumme vorschießen.

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Und potenzielle Aktionäre, die allzu gerne wissen wollen, ob und wann der bayerische Chemiekonzern an die Börse gehen wird. Doch gerade bei diesem Thema wird der freundliche Mann mit den schneeweißen Haaren eher verschlossen.Fast zwei Meter Körpergröße ermöglichen Menschen eine eigene Sicht der Dinge ? in der Regel eine großzügige Gelassenheit, auch wenn sie selber bedrängt werden. Peter-Alexander Wacker ist mit dieser Gabe gesegnet. ?Es ist eine Option, wir prüfen auch andere Optionen?, umschreibt er blumig die laufenden Planspiele des Börsengangs. ?Wir stehen nicht unter Druck?, fügt er hinzu, um das Thema mit einem charmanten Lächeln zu beenden.Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass Wacker seit Monaten den Börsengang emsig vorbereitet. Und Wacker ist kein Leichtgewicht: 15 000 Mitarbeiter setzen pro Jahr 2,5 Milliarden Euro um. Der Konzern, zweitgrößter Siliziumhersteller weltweit, schreibt nach hohen Verlusten seit zwei Jahren wieder schwarze Zahlen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein Unikum in der bayerischen IndustrielandschaftSilikone und Polymere sind als kleine chemische Helfer im Konjunkturaufschwung sehr gefragt. Wacker liefert mit polykristallinem Silizium auch den Grundstoff für die Produktion von Solarzellen. Nur ein massiver Ausbau der Kapazitäten kann die Nachfrage in den nächsten Jahren bedienen. Sonnige Aussichten.Wacker ist ein Unikum in der bayerischen Industrielandschaft. Mitten im Ersten Weltkrieg verlegt Peter Wacker die Produktion von Essigsäuren in das idyllische Burghausen ? das kleine Flüsschen Alz liefert über ein Wasserkraftwerk die Energie. In den zwanziger Jahren steigen die Frankfurter Hoechst-Werke ein und bestimmen über 80 Jahre in Absprache mit der Familie die Geschicke des Unternehmens. Früh erkennen die Geschäftspartner das Potenzial der Siliziumveredlung. Bereits in den fünfziger Jahren stellt Wacker den Rohstoff für die Halbleiterindustrie her.Heute arbeiten in dem Chemiekomplex an der österreichischen Grenze fast 9 000 Menschen ? bei gerade einmal 19 000 Einwohnern. Der Fußballclub kickt im Namen der Firma in Liga zwei. Seit Jahren wartet Burghausen auf eine Autobahnanbindung nach München. Auf der Landstraße in die bayerische Hauptstadt passieren so viele Unfälle, dass die Autofahrer aufgefordert werden, immer mit Licht zu fahren.Urenkel Peter-Alexander Wacker macht zunächst einen Bogen um diese Welt ? ihn interessieren Autos mehr als Polymere. In Genf, Wien und München studiert er Betriebswirtschaft. Schließlich steigt er 1978 bei BMW ein. Der Autokonzern führt ihn weiter weg vom Familienbetrieb. Wacker geht nach Amerika und Japan. Bald leitet er die strategische Konzern- und Produktplanung.Doch dann macht er sich 1992 als Unternehmensberater in München selbstständig, zieht aber in den Aufsichtsrat des Familienunternehmens ein. Der damalige Hoechst-Chef Jürgen Dormann nimmt ihn beiseite: Führen sei besser als beraten, rät der mächtige Chemiemanager; Wacker solle doch die Chance nutzen und ins eigene Unternehmen eintreten. Dort bietet sich Anfang 2001 die Gelegenheit, die Familie wieder zum Alleineigentümer zu machen: Der jahrzehntelange Großaktionär Hoechst muss nach dem Willen der Kartellbehörden nach seiner Fusion mit Rhône-Poulenc bei Wacker aussteigen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Mit Verhandlungsgeschick und AusdauerJetzt zeigt Peter-Alexander Wacker Verhandlungsgeschick und Ausdauer. Jahrelang pokert er um Klauseln und Kaufpreis, am Ende übernimmt die Familie die ausstehenden 44 Prozent für weniger als 500 Millionen Euro ? ein Schnäppchenpreis.Die Summe, die außerhalb des Konzerns aufgebracht wird, muss die Familie finanzieren, aber ohne Druck, wie Wacker betont. Doch kaum hat die Familie das alleinige Sagen, da verlässt Peter-Alexander Wacker die Fortune. Die Konjunktur bricht ein, die Halbleitersparte Siltronic macht horrende Verluste.Wacker muss Arbeitsplätze im Werk Wasserburg streichen. Die Familie steht jetzt alleine in der Pflicht, der anonyme Großkonzern ist fort. Die Belegschaft wehrt sich mit Protesten. Das Klima zwischen dem Firmenchef in der Münchener Zentrale und den Belegschaften in den niederbayerischen Werken wird frostiger.Wacker versucht, die verlustreiche Siltronic an die Börse zu bringen ? ein wackeliges Unterfangen, das die Terroranschläge von Madrid auf den letzten Metern stoppen. ?Man hat ihm angemerkt, wie er unter der Last der Verantwortung gelitten hat?, sagt ein Kenner des Unternehmens.Die Rosskur zahlt sich aus, mittlerweile soll die Siltronic auf dem Weg in die schwarzen Zahlen sein. Regelrecht aufgetaut sei die Stimmung seitdem, bemerkt ein anderer Betrachter der Szene. Das ist die Chance, nun im zweiten Anlauf den Börsengang zu schaffen. Und nun soll Wacker mit der Siltronic an die Börse. ?Wenn wir uns dazu entscheiden, dann wird es sehr schnell gehen?, sagt Wacker. Dieses Mal ist das Fundament solider gegossen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Ein interessanter LebenslaufPeter-Alexander Wacker1951 Er wird am Tegernsee bei München geboren.1978 Nach Studium und Promotion in Betriebswirtschaft startet er bei BMW. Für den Münchener Autokonzern geht Wacker nach Südafrika, in die USA und nach Japan.1984 Wacker übernimmt die Verantwortung für den BMW-Vertrieb in Deutschland und wird Leiter der Konzern- und Produktplanung.1992 Er verlässt BMW, gründet die Beratungsgesellschaft TMG in München und wird deren Geschäftsführer.1993 Er wird Mitglied im Aufsichtsrat der Wacker Chemie GmbH.1996 Er wechselt in die Geschäftsführung und steigt 2001 zum Sprecher der Geschäftsführung auf.2005 Im November wird er Vorstandsvorsitzender der in eine Aktiengesellschaft umgewandelten Wacker Chemie.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.01.2006