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Im zweiten Anlauf

Von Gregory Lipinski
Felix Ahlers ist Marketingvorstand der Frosta AG. Der Sohn des Firmengründers und Großaktionärs Dirk Ahlers gilt als neuer Hoffnungsträger des zuletzt krisengeschüttelten Unternehmens.
HB HAMBURG. Er lässt die Packungen mit ?Schlemmer-Gratin?, ?Hähnchen-Geschnetzeltem? und der ?Steak-Pfanne? auf dem Tisch wild kreisen. Und immer wieder legt er schnell neue dazu. Währenddessen lobt der Mann mit der halbrunden Hornbrille die Tiefkühlprodukte: ?Wir verwenden nur die besten Zutaten und verzichten auf Geschmacksverstärker, Farb- und Aromastoffe.?Es handelt sich nicht um eine Verkaufsveranstaltung im Einzelhandel. Felix Ahlers versucht, Werbemanager und Einkäufer in der Hamburger Firmenzentrale von der Vielfalt der Produkte zu begeistern. Der 38-Jährige ist Marketingvorstand der Frosta AG. Der Sohn des Firmengründers und Großaktionärs Dirk Ahlers gilt als neuer Hoffnungsträger und dessen möglicher Nachfolger an der Spitze des Unternehmens, das mit 1000 Mitarbeitern in Bremerhaven allerlei Tiefgefrorenes herstellt.

Die besten Jobs von allen

Der Junior ist im vergangenen Jahr angetreten, um das Geschäft wieder in Schwung zu bringen. Da war der Umsatz im zweiten Jahr in Folge gesunken, auf 262 Millionen Euro. Der Grund: Um sich gegen Konkurrenten wie Oetker, Unilever und Nestlé zu wappnen, hatte sich Frosta 2001 einem firmeneigenen Reinheitsgebot unterworfen. Das erlaubt nur Zutaten von hoher Qualität: Mit Schädlingsgiften getränktes Obst und genmanipulierte Tomaten kommen nicht in die Tüte.Aber die Rechnung ging nicht auf: Die discountverwöhnten Konsumenten ließen die deutlich teureren Fertigprodukte in den Regalen stehen. Und das, obwohl ?Frosta das bietet, was Verbraucherschützer und Hausfrauenverbände jahrelang gefordert haben?, wie Udo Vollmer, wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften, sagt. Doch die Crux ist: ?Der Handel kennt ausschließlich den Wettbewerb über den Preis und honoriert nicht die Qualität?, meint Vollmer.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Lehre als Koch kommt Felix Ahlers zugute.Frosta erhielt dafür im zurückliegenden Jahr die Quittung: Der Umsatz brach ein, die Firma kam in die Verlustzone, der Kurs der im Amtlichen Handel notierten Aktie sackte ab. Dirk Ahlers kehrte deshalb aus dem Aufsichtsrat an die Firmenspitze zurück und löste den glücklosen externen Manager Thomas Braumann nach zwei Jahren als Vorstandschef wieder ab.Jetzt soll es Felix Ahlers als Marketingchef richten, der die dafür notwendigen Eigenschaften mitzubringen scheint: Er wirkt im Gespräch offen und kleidet sich salopp. Lieber trägt der begeisterte Windsurfer einen Cordanzug als etwa einen klassischen Nadelstreifenanzug. Geschäftsunterlagen, die er abends zu Hause durcharbeitet, verstaut er nicht im Designer-Aktenkoffer, sondern im schwarzen Rucksack.Der Junior hat Volkswirtschaft studiert und spricht perfekt Italienisch, Französisch und Englisch. Außerdem ist er gelernter Koch. Erfahrungen hat er im französischen Nobelhotel Le Bristol gesammelt. Die Lehre käme ihm zugute, findet Ahlers. So könne er besser einschätzen, ob die Frosta-Produkte den Geschmack der Kunden treffen. Frosta-Betriebsratschef Jürgen Schimmelpfennig gibt dem Junior gute Noten: ?Ich hoffe, dass Felix Ahlers seinen Optimismus und seine Dynamik beibehält. Er hat mit seinen Ideen und seinem Engagement der Marke Frosta einen Schub gegeben.?Dirk Ahlers lässt deshalb seinem Sohn beim Umbau des Markengeschäfts freie Hand. ?Wir haben zwei Fehler begangen?, gesteht Felix Ahlers. Inzwischen hat er sie korrigiert. Den Preis der Tiefkühlkost hat er gesenkt und den Fernsehkoch ?Peter von Frosta?, langjähriges Werbe-Aushängeschild der Firma, wieder zurück auf den Bildschirm geholt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Heute arbeiten beide Generationen ohne Reibereien eng zusammen.Der Senior wirkt gelassen, wenn ihm sein Sohn die Missstände der bisherigen Firmenpolitik direkt ins Gesicht sagt: Ruhig rückt der 67-Jährige dann seine feine, goldgeränderte Brille zurecht, die angesichts seines mausgrauen Anzugs und der dunklen Krawatte wie ein strahlender Farbtupfer hervorsticht. ?Es gibt keine grundsätzlichen Reibereien zwischen uns. Ansonsten würde die Zusammenarbeit nicht funktionieren?, sagt Dirk Ahlers.Der hager wirkende Manager weiß, dass er auf die Kraft und den jugendlichen Elan seines Sohnes angewiesen ist, um das Unternehmen zu erhalten, das mehrheitlich in Familienbesitz ist. Dennoch hat er sich seine Schritte genau überlegt. ?Dirk Ahlers geht keine großen Risiken ein. Er verfügt über ein gutes kaufmännisches Denken?, bescheinigt ihm Betriebsrat Schimmelpfennig.Der in Bielefeld geborene Firmenchef ist schon lange im Geschäft. Sein Vater Adolf, ein Herforder Bekleidungshersteller, hatte ihn im Alter von 23 nach Bremerhaven geschickt, um die auf Fischprodukte spezialisierte Nordstern Lebensmittel AG zu übernehmen. Da aber die deutsche Hochseefischerei aus früheren Fanggebieten gedrängt wurde, baute Ahlers den Konzern um. Er baute in den siebziger Jahren die Marke ?Frosta? auf und verkaufte neben Fisch zunehmend Obst, Gemüse und Fertiggerichte.Heute arbeiten die beiden Generationen eng zusammen. Ihre Büros befinden sich auf dem Gelände der ehemaligen Zigarettenfabrik von British American Tobacco (BAT) im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld ? einem luxuriös umgebauten Gewerbepark, der noch vor einigen Jahren Sitz vieler boomender Internetfirmen war. Felix Ahlers? Büro wirkt schlauchartig und streng: die Wände weiß gekälkt, der Schreibtisch tiefschwarz. Als einzige Farbkleckse heben sich in den Regalen die Verpackungen für neue Tiefkühlware ab.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Es ist nicht ausgeschlossen, dass Felix Ahlers irgendwann die Führung des Unternehmens übernimmt.Wohnlicher geht es eine Etage höher im Büro seines Vaters zu. Modelle großer Fischereischiffe, ein großzügiger hölzerner Konferenztisch und mehrere Gemälde zieren sein geräumiges Vorstandsdomizil. Ahlers hatte sich die Räume gemütlich in der früheren Firmenzentrale in Bremerhaven eingerichtet, um nach dem Wechsel in den Aufsichtsrat Mitte 2001 langsam seinen Ruhestand einzuläuten.Als die Firma aber dann ins Schlingern geriet, verlegte er Vorstandssitz, Marketing und Controlling kurzum nach Hamburg, um abends schneller zu Hause zu sein, im Villenvorort Blankenese. Doch die Fabrik blieb weiter in Bremerhaven.Wann er erneut in den Aufsichtsrat wechselt, ist für den Großaktionär zwar nur eine Frage der Zeit, aber er legt sich nicht fest: ?Es ist nicht ausgeschlossen, dass Felix irgendwann die Führung des Unternehmens übernimmt.? Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen. ?Dies wird noch etwas dauern?, gesteht der Senior.Der Vater will sich künftig anderen Aufgaben widmen. Dazu gehört vor allem seine Arbeit in der Hamburger CDU, der er seit vielen Jahren angehört. Da will er den parteiinternen Reformprozess beschleunigen. ?Es ist wichtig, dass in Hamburg mehr junge Leute in der Partei das Sagen bekommen?, sagt Ahlers. Bei Frosta hat er seine Verjüngungskur schon begonnen.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.10.2004