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Im Visier der Staatsanwälte

Von Jürgen Flauger
Utz Claassen hat zwar bei EnBW den Turn-around geschafft ? jetzt aber werden ihm Bilanztricksereien vorgeworfen.
DÜSSELDORF. Der Vorstandschef kann an diesem Freitag, Mitte März, Freude und Stolz nicht verhehlen. In der Karlsruher Firmenzentrale präsentiert er gelöst die Bilanz des Energiekonzerns. Der Honorarprofessor am Lehrstuhl für Controlling der Uni Hannover ist in seinem Element und erfreut sich auch an Details des Zahlenwerks.Die Botschaft, die Claassen vermitteln will, ist eindeutig: Die Sanierung von EnBW ist abgeschlossen. Knapp zwei Jahre nach seinem Amtsantritt, in denen er den Konzern vom Kopf auf die Füße gestellt hat, will er einen Schlussstrich ziehen.

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Gut einen Monat später ist klar, dass das so einfach nicht ist. Wie gestern bekannt wurde, hat die Staatsanwaltschaft in Mannheim ein formelles Ermittlungsverfahren gegen den 41-Jährigen eingeleitet. Der Vorwurf ist hart: Claassen habe möglicherweise die Bilanz des Jahres 2003 ?unrichtig dargestellt?, sagen die Juristen. Es gebe Hinweise für das Vorliegen einer Straftat. Im Klartext heißt das: Claassen soll getrickst haben.Vordergründig geht es um die Art und Weise, wie der Sanierer bei der EnBW aufgeräumt hat. Hinter den Kulissen geht es um den Streit zwischen einem Ex-Chef und seinem Nachfolger ? zwischen Gerhard Goll und Utz Claassen.Zu den Fakten: Als Claassen im Mai 2003 den Chefposten übernimmt, macht er eine schonungslose Bestandsaufnahme und verordnet einen Sanierungskurs. EnBW habe viel zu hohe Kosten und halte zu unrentable und zu teuer eingekaufte Beteiligungen, stellt er fest. Claassen nimmt hohe Abschreibungen vor und wertet Töchter radikal ab. Für 2003 weist er über eine Milliarde Euro Verlust aus. Für den Bilanzexperten Karlheinz Küting ist Claassen nicht der erste Manager, der zum Amtsantritt ?kräftig aufräumt?. Jetzt werde der Streit wohl darum gehen, ob der EnBW-Chef überzogen hat.Claassens damaliger Kassensturz ist eine Abrechnung mit seinem Vorgänger. Er spricht damals von ?positiver Bilanzpolitik? und ?konstruktiver Ergebnisgestaltung?. Und auch die Strategie des Unternehmens findet in den Augen des blitzhellen Analytikers, der ohne Manuskript druckreif spricht, keine Gnade. Die Abteilung Mergers & Akquisitions ?sei ein sehr ungewöhnliches Erlebnis gewesen, die seinen begrenzten Erfahrungsschatz angereichert? habe. Unter Golls Führung war die EnBW zwar zu Deutschlands drittgrößtem Energiekonzern aufgestiegen, aber zu einem hohen Preis. Stadtwerke standen zu überhöhten Preisen in den Büchern. Im Portfolio waren exotische Beteiligungen wie der Schuhkonzern Salamander.Seinen Vorgänger Goll greift Claassen zwar nicht direkt an. Das übernehmen Kommunalpolitiker, die eine Anzeige gegen den ehemaligen Chef wegen Bilanztricksereien stellen. Im November 2003 leitet die Staatsanwaltschaft Mannheim ein Ermittlungsverfahren gegen Goll und weitere Ex-Vorstände ein. Bislang ohne Ergebnis. Anfang 2005 geht bei der Staatsanwaltschaft dann eine Anzeige gegen Claassen selbst ein. ?Das ist eine Retourkutsche des Ex-Vorstands?, sagt ein Kenner des Unternehmens.Die Ermittlungen gegen Goll und Claassen beruhen auf Paragraf 331 des Handelsgesetzbuches. Danach können Vorstände bestraft werden, wenn sie die wirtschaftlichen Verhältnisse in Bilanzen falsch wiedergeben oder verschleiern. Es droht dann eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe. Solche Verfahren seien langwierig und kompliziert, sagt Henning Störmer, Experte für Wirtschaftsstrafrecht aus der Kanzlei Wannemacher und Partner. ?Über das, was zulässig ist, kann man trefflich streiten.?Claassen selbst wollte sich gestern zu den Vorwürfen nicht äußern. Die Reaktion seines Unternehmens fällt umso schärfer aus: Die Vorwürfe seien ?in jeglicher Hinsicht haltlos und unbegründet?. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft basierten ?schon im Ansatz auf völlig falschen Annahmen?. ?Dies ist eindeutig und zweifelsfrei urkundlich beweisbar?, heißt es in einer Stellungnahme des Konzerns. Die beiden Großaktionäre, der Kommunale Zweckverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW) und Electricité de France (EdF), hielten sich gestern bedeckt.Am nächsten Freitag trifft sich in Karlsruhe die Hauptversammlung. Kleinaktionäre haben Kritik angekündigt. Es geht auch um Claassens hohes Gehalt, eine Belohnung für den Turn-around. Mit 4,17 Millionen Euro gehört er zu den Topverdienern der Energiebranche.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.04.2005