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Im System Zetsche dreht sich alles um den Chef selbst

Von Martin-W. Buchenau
Dieter Zetsche sitzt bei Daimler-Chrysler ganz allein am Steuer, ein zweiter starker Mann ist nicht in Sicht. Das liegt nicht zuletzt an Zetsche selbst, denn der Manager schickt potenzielle Nachfolger mit verkürzten Verträgen in eine Warteschleife.
STUTTGART. Es gibt kleine Dinge, die bezeichnend sind für den Zustand eines großen Unternehmens. Die acht Vorstandsmitglieder des Daimler-Chrysler-Konzerns sind im letzten Geschäftsbericht auf Hochglanz einzeln abgelichtet. Alle lächeln fröhlich in einer Limousine, aber nur einer sitzt am Steuer ? und weiß, wohin die Reise geht: Vorstandschef Dieter Zetsche. Alle anderen nehmen brav auf dem Rücksitz Platz. Da entsteht leicht der Eindruck, dass Zetsche so schnell keinen anderen vorne sitzen lässt. Nicht einmal auf dem Beifahrersitz.Das Bild entspricht der Wirklichkeit: Bei Daimler-Chrysler ist weit und breit kein zweiter Mann in Sicht. Würde bei VW Bernd Pischetsrieder stolpern, wäre Wolfgang Bernhard wohl sofort zur Stelle. Und beim Konkurrenten BMW gäbe es mit Finanzchef Stefan Krause eine schnelle ?Backstein-Lösung?, falls der erst seit kurzem amtierende Vorstandschef Norbert Reithofer ausfallen würde. Bei Daimler-Chrysler gibt es aber keinen starken zweiten Mann.

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Das mag darin begründet sein, dass Zetsches größter Rivale im Rennen um den Chefposten, Eckhard Cordes, nach seiner Niederlage vor gut einem Jahr schmollend das Unternehmen verließ. Aber es liegt auch an Zetsche selbst, der sich noch vor seinem Amtsantritt als Konzernchef den durch Cordes? Abgang frei gewordenen Mercedes-Chefposten unter den Nagel riss. Damit gab er keinem anderen die Chance, sich auf dem zweitwichtigsten Posten im Konzern zu profilieren.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Selten hat ein Manager mehr Macht gebündelt als Zetsche.Zetsche gilt als eloquenter Teamplayer, der selbst Gegner in seine Ziele einbinden kann. Im Gegensatz zu dieser öffentlichen Wahrnehmung steht seine bisherige Personalpolitik. Selten hat ein Manager mehr Macht gebündelt als Zetsche, wie auch Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm oft moniert hat. Zum System Zetsche passt auch die Vertragsverlängerung von Strategievorstand Rüdiger Grube und Nutzfahrzeug-Chef Andreas Renschler. Beide mussten die bittere Pille schlucken, nur drei statt der bislang üblichen fünf Jahre Verlängerung ihrer Verträge zu erhalten. Zetsche schickt mit dieser Entscheidung mögliche Nachwuchsstars in eine Warteschleife. Denn beide kommen für höhere Weihen kaum mehr in Frage. Renschler kann auf seinem Posten wenig falsch machen, sich aber auch nur wenige Lorbeeren verdienen. Denn dass das LKW-Geschäft gut läuft, wird einfach vorausgesetzt. Zudem hängen Renschler noch die Fehlplanungen als Smart-Chef nach. Grube ist mit der Asien-Strategie beschäftigt und muss sich wohl noch Jahre mit dem verbliebenen Krisenfall EADS beschäftigen. Mit Luftfahrt hat der Automann Zetsche ohnehin nur wenig am Hut.Der fachlich hoch angesehene Forschungschef Thomas Weber kam schon bei der Besetzung des Mercedes-Chefpostens nicht zum Zuge. Ihm fehlt wie auch Finanzchef Bodo Uebber die Aura, die einen kommenden Star auszeichnet. Und Zetsches Nachfolger als Chrysler-Chef, Tom LaSorda, ist mit der Krise der US-Sparte gerade zum Teil des größten Problems im Konzern geworden.Die spannende Frage dürfte also sein, wen Zetsche künftig als starken Mann aufbauen wird. Und ob er es überhaupt tun wird. Zu beachten sind dabei sicher jene Manager, die aus Konzernsicht noch in der zweiten Reihe stehen, aber bei Mercedes wichtige Aufgaben haben. An der Spitze dieser Garde marschiert zweifellos Rainer Schmückle. Auch wenn Zetsche ihm den Chefsessel bei Mercedes nicht gönnte, so zog er doch als Mercedes-Vize das Sanierungsprogramm ?Core? bei der Kernmarke durch. Und jetzt soll der 46-Jährige auch noch Tom LaSorda bei Chrysler über eine Arbeitsgruppe auf die Sprünge helfen. Sollte er dort reüssieren, hätte er sich für größere Aufgaben nachhaltig empfohlen.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.10.2006