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Im Reich der Mitte ticken die Mitarbeiter anders

Von Finn Mayer-Kuckuk, Handelsblatt
Die Personalrekrutierung in China ist für deutsche Unternehmen ein schwieriges Geschäft. Führungskräfte, die zur westlichen Unternehmenskultur passen, sind knapp.
Bis zum 7. Mai 1999 hatte der chinesische Mitarbeiter zuverlässig seinen Bereich geleitet. Nachdem aber eine amerikanische Bombe die chinesische Botschaft in Belgrad zerstört hatte, war der Mann wie ausgewechselt: Er redete über nichts anderes als die vermeintliche US-Aggression gegen China und vernachlässigte seine Arbeit für die Landesbank Baden- Württemberg in Hongkong. Thorsten Amman, damals Leiter der chinesischen Repräsentanzen der Bank, blieb schließlich nichts anderes übrig, als den Angestellten zu entlassen.Kompetentes und zuverlässiges Personal für die China-Tochter zu finden, ist für immerhin 17 Prozent der deutschen Unternehmen das Hauptproblem im Reich der Mitte. Das berichtet Bernd Reitmeiter von der Deutschen Außenhandelskammer in Shanghai. Mit diesem Problem dürften auch die 500 Firmen konfrontiert werden, die in diesem Jahr in China eine Tochtergesellschaft oder eine Repräsentanz gründen wollen.

Die besten Jobs von allen

Die Personalbeschaffung in China ist ein ?sehr unübersichtliches Gebiet?, schreibt auch die Bundesagentur für Außenwirtschaft in einer Analyse: Führungskräfte, die zur westlichen Unternehmenskultur passen, sind knapp. Alle europäischen Unternehmen suchen Mitarbeiter, die pünktlich kommen, gut Englisch sprechen, und selbstständig arbeiten können, die Freiheit aber nicht mit einer Vollmacht verwechseln.Solche Kandidaten finden sich ? am ehesten bei anderen europäischen Unternehmen, die sie oft mit großem Aufwand qualifiziert haben. Von dort lassen sie sich leicht abwerben: Die wenigsten Chinesen sehen einen Grund, ihrem Brötchengeber treu zu bleiben.Sennheiser Electronic hat einen anderen Weg gefunden, an brauchbares Personal zu kommen: Die meisten ihrer Mitarbeiter in Kanton hat sich die Firma von Zulieferern empfehlen lassen. Sennheiser kauft in China Teile für die Endfertigung in Europa und beliefert Kunden mit Kopfhörern und Mikrofonen, darunter das chinesische Fernsehen. Ohne die Kontakte der chinesischen Mitarbeiter sei so etwas nicht möglich, sagt Geschäftsführer Rolf Meyer. ?Aber ohne Überwachung durch europäisches Personal geht es auch nicht.?Manchmal entwickelt sich das chinesische Personal auch allzu gut und nutzt die beim deutschen Arbeitgeber erworbene Qualifikation für private Geschäfte: In Shanghai hat die Feddersen Überseegesellschaft eine Vertriebseinheit für technische Kunststoffe mit 28 chinesischen Mitarbeitern. ?Einer davon kam auf die Idee, sein gutes Verhältnis zu einem deutschen Hersteller zu nutzen, um den Handel zu vermeintlich besseren Konditionen abzuwickeln?, berichtet Geschäftsführer Michael Dolberg. Trotz zwischengeschalteter Familienmitglieder flog das Geschäft auf. Dem untreuen Mitarbeiter droht jetzt eine Gefängnisstrafe.Aber mit den anderen Mitarbeitern ist Feddersen zufrieden. ?Stellen wie die eines Bereichsleiters besetzen wir auch über Headhunter?, berichtet Dolberg. Das sei nicht billig ? und viele Personalberater verlangten Vermittlungsgebühren auch dann, wenn sie niemand Geeigneten finden. Andere versuchen Bewerber zu vermitteln, die nicht ausreichend qualifiziert sind. Mit ortsansässigen Agenturen habe Feddersen Shanghai insgesamt bessere Erfahrungen gemacht als mit internationalen Consultants.Der Stellenmarkt für die niedrigeren Managementebenen laufe heute hauptsächlich über das Internet, sagt Dolberg. Mit Hilfe der Website www.zhaoping.com sei es in letzter Zeit mehrfach gelungen, freie Stellen unkompliziert zu besetzen. Beim Bewerbungsgespräch geben dann häufig einheimische Mitarbeiter den Ausschlag, die der deutsche Geschäftsführer hinzuzieht: ?Die können mehr zwischen den Zeilen lesen.?Viele Bewerber nehmen es nicht so genau mit den Angaben zur Qualifikation, erzählt Thorsten Amman. Als er noch für die Landesbank Baden-Württemberg arbeitete, hatte er einen Mitarbeiter, der behauptete, vorher bei der chinesischen Zentralbank angestellt gewesen zu sein. Dabei hatte er dort nur kurze Zeit als Dolmetscher gearbeitet. Als die Zentralbank davon erfuhr, drohte sie den Deutschen mit einem Entzug der Geschäftslizenz, wenn der Mitarbeiter nicht entlassen und angezeigt würde. Niemand soll ihren Namen missbrauchen. ?Eigentlich waren wir mit seiner Arbeit zufrieden?, sagt Amann. Doch es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als den Mitarbeiter zu entlassen und anzuzeigen.So etwas dürfte Amann, der heute das China Desk der Beratungsfirma KPMG leitet, jetzt nicht mehr passieren. Er empfiehlt, vor der Besetzung von wichtigen Positionen den Hintergrund des Bewerbers von einem Detektiv prüfen zu lassen. Sein Büro vermittelt solche Dienste ? für Kosten bis zu 4  000 Dollar.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.05.2004