Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Im Namen des Vaters

Von Andreas Hoffbauer, Handelsblatt
Seit James Murdoch die Mediengruppe BSkyB führt, sprechen Kritiker von Vetternwirtschaft - gegen den Willen der Investoren setzte Rupert Murdoch seinen Sohn als Chef bei BSkyB durch. Jetzt will James das Gegenteil belegen.
LONDON. Der große Saal ist noch abgedunkelt, die Bühne dämmert in gespenstischem Neonblau. Plötzlich taucht ein Schatten auf, wandelt langsam durch den Raum: James Murdoch. Nachdenklich streicht sich der neue Chef von BSkyB dabei über das spitze Kinn, wandert in Gedanken versunken durch die Stuhlreihen. Ob er sie spürt, die Ruhe vor dem Sturm?Der erste Orkan, den James in London auslöste, hat sich wieder gelegt. Doch die Schäden sind keineswegs behoben. Im November wurde der erst 31-jährige Chef des größten Bezahlfernsehsenders in Europa. Gegen den Willen vieler Investoren setzte ihn Vater Rupert Murdoch durch. Denn der Medienunternehmer kontrolliert als Großaktionär den britischen Sender und ist mächtiger Chairman. Es folgte ein Streit um die ?Vetternwirtschaft?, der Wunden in der City hinterlassen hat.

Die besten Jobs von allen

Wie tief sie sind, zeigt sich an diesem Tag Anfang August, an dem James Murdoch seine erste Jahresbilanz vorlegt. Sie glänzt mit guten Zahlen, doch die Reaktion der Börse ist verheerend. Der Aktienkurs stürzt um fast 20 Prozent ab. Die Strategie von Murdoch junior habe einfach nicht überzeugt, heißt es zur Begründung.Dabei hat der junge Mann vorher wie ein Löwe gekämpft. Rastlos wetzt er 90 Minuten am Stück auf der Bühne auf und ab, präsentiert ohne Punkt und Komma seine Vision. Ganz allein. Kein Chairman, der schützend eingreifen kann. Kein Finanzvorstand, der bei heiklen Bilanzfragen aushilft. James Murdoch will es allen zeigen: Ich bin nicht ?daddy?s boy?. Das ist meine Schau, das ist jetzt mein Unternehmen, und das ist meine Strategie.Er verspricht mehr Dividende, mehr Abonnenten und neue Programme. ?Das Geschäft mit Pay-TV steht erst am Anfang?, lautet die Botschaft. Nur, es glaubt ihm keiner. James Murdoch bleibt wie sein gesamter Auftritt ? isoliert. Dabei hat er seine Aufgaben gemacht. Analysten und Journalisten bombardiert er mit 100 Schaubildern. Sie zeigen, dass es nach einer zweijährigen Durststrecke erst richtig losgehen wird. ?Wir können das jetzt gern 90 Minuten diskutieren?, lädt er mit seiner leichten Arroganz ein. ?Oh no?, stöhnt ein Journalist auf.James Murdoch hat kein leichtes Erbe übernommen. Auf der einen Seite sind die Erwartungen an den britischen Sender durch den Erfolg der vergangenen Jahre hoch. Der Kanal strebt auf die Marke von acht Millionen Abonnenten zu. Zum Vergleich: Premiere hat in Deutschland nicht einmal halb so viele. Murdoch will bis 2010 sogar zehn Millionen schaffen. Andererseits sehen die letzten Kundenzuwächse nicht mehr so gut aus, sorgt neue Konkurrenz für Skepsis: etwa der digitale und kostenlose Anbieter Freeview, der starke Resonanz findet. James will im Oktober ein Konkurrenzprodukt starten. Die Experten im Saal ziehen skeptisch die Augenbrauen nach oben. Wieder liegt die Latte ein bisschen höher.Wenn es Vorgänger Tony Ball gesagt hätte, vielleicht. Aber Murdoch? Der Familienname steht für Misstrauen. Was Rupert Murdoch wirklich mit BSkyB plane, wisse doch niemand, nörgeln Investoren. Für James sei es schwieriger, ?den Alten? bei Laune zu halten als die Börse, zeigt man in London sogar fast schon Mitleid für den Sohn.So geht es für James Murdoch nicht nur um BSkyB. Er muss beweisen, dass er nicht die Marionette des Vaters ist. Eine unlösbare Aufgabe? In der Familie hat sich James immerhin früh abgenabelt. Der Spross provozierte mal mit einem wilden Bart, mal mit blond gefärbten Haaren oder schockte mit Tattoo und Piercing. Er verkracht sich mit seinen Lehrern in Harvard, verlässt die Uni ohne einen Abschluss und gründet ein Hip-Hop-Label. Vater Rupert tobt. ?Er scheut sich nicht, seine Meinung zu sagen, und wiederholt nicht nur die des Vaters?, so auch der Eindruck eines Sky-Managers. 1996 wird es Rupert Murdoch mit dem damals 24-jährigen allerdings zu bunt. Er kauft das Plattenlabel und gibt James einen ersten Job in seinem Medienkonzern News Corp. Der junge Mann wird für die Internetaktivitäten verantwortlich. Hier verbrennt er im Namen des Vaters zunächst viel Geld: So kauft News Corp. unter James für 450 Millionen Dollar die Internetfirma Pointcast, die später für ganze sieben Millionen Dollar wieder weggeht.Mit 27 wechselt James nach Hongkong, wo News Corp. mit Star TV zunehmend Geld verliert. Was folgt, sehen viele als sein Meisterstück: Er holt Star TV aus den roten Zahlen. Nicht mit Papas Hilfe, sondern mit eigenen Ideen. Dieser Erfolg hat ihm Beachtung verschafft und zum neuen Job verholfen, der ihm nun 1,5 Millionen Euro im Jahr bringt.Die wilden Jahre des James Murdoch scheinen vorbei. Auf der Bühne, im eleganten schwarzen Anzug, erinnert nur noch die wilde Gelfrisur an seine turbulente Jugend. James ist ein stiller Kunstliebhaber geworden, gilt als sehr häuslich und hält sich sportlich mit Karate fit. Für Fußball etwa ? Umsatzbringer Nummer eins für Sky ? hat er wenig übrig. Er ist eigentlich wie der Alte ?besessen vom Geschäft, aber nicht vom Ruhm?, sagt ein Weggefährte.Die Annäherung der beiden Murdochs sehen viele als beste Voraussetzung für die Nachfolge an der Spitze des Medienkonzerns. Erst einmal aber muss James der Erfolg bei Sky gelingen. Das scheint nach seinem ersten Auftritt schwieriger. Er sei schon enttäuscht über die Reaktion der Börse, sagt er später.Das Licht im Saal ist wieder aus. Und BskyB ist an der Börse zwei Milliarden Pfund weniger wert.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.08.2004