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Im Hintertreffen

Von Chris Löwer
Manager sollten sich an Politikern ein Beispiel nehmen: Bei öffentlichen Auftritten machen diese oft die bessere Figur.
Manager machen bei öffentlichen Auftritten meist eine schlechtere Figur als Politiker. Foto: HB
Manager sind steif, konfliktscheu, treten wie Zahlenhuber auf und legen Vorstandsgehabe an den Tag. Jedenfalls gegenüber der Öffentlichkeit. Geht es um die Medientauglichkeit und insbesondere um Auseinandersetzungen zwischen Managern und Politikern, haben letztere stets die besseren Karten. Lothar Rolke, Professor für Unternehmenskommunikation in Mainz, urteilt: ?Politiker gelten dagegen als unterhaltsam und sympathisch. Sie sind bürgernäher.? Die Folge: ?In Talkshows gelingt Politikern durch ein emotional intelligentes Argument der Knock-out oft schon in der ersten Runde?, beobachtet Rolke.Ein typischer Fehler: Auf eine persönliche, herzergreifende Geschichte mit politischer Botschaft reagiert der Wirtschaftslenker mit Fakten- und Aktenwissen. ?Wer so dagegen hält, hat schon verloren?, urteilt Rolke. Wenn etwa Gerhard Schröder keinen Hehl aus seinem Scheitern bei seiner ersten Kanzlerkandidatur, seinen verschiedenen Ehen und seiner Herkunft aus eher einfachen Verhältnissen mache, dann sei das geschickter, als etwaige Schwächen zu dementieren oder nichts über sich preiszugeben.

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?Dabei hat ein Vorstandsvorsitzender Leuchtturmfunktion. Mitarbeiter und die Öffentlichkeit blicken auf ihn?, sagt Rolke. Es ist nicht verkehrt, auch Erfahrungen des Scheiterns, und wie es gemeistert wurde, zum Thema zu machen. Das Glatte interessiert die Öffentlichkeit wenig. Rolkes Rat: Unternehmenslenker sollten nicht die eigene Persönlichkeit hinter der Rolle des Entscheiders und Machers verstecken, denn arrogantes und rationales Verhalten verschreckt.?Rationalität ist im Fernsehen nicht kriegsentscheidend. Eine gute Kommunikation hat beide Hirnhälften im Visier, was Politiker nur zu gut wissen?, sagt Ulrich Ott, Pressesprecher der DiBa in Frankfurt. Er nennt als Beispiel für klassische Fehlkommunikation das Auftreten des MLP-Chefs Bernhard Termühlen, des Finanzdienstleisters aus Heidelberg. Er scheidet jetzt aus der Unternehmensspitze aus. ?Pressekonferenzen bestritt Termühlen mit Wirtschaftsprüfern an seiner Seite, um die Vorwürfe wegen Unregelmäßigkeiten bei der Rechnungslegung zu entkräften. Nur wollen Journalisten keine Testate, sondern Glaubwürdigkeit und klare Botschaften.? Kein Wunder, dass er in den Medien als ?öffentlichkeitsscheuer Analytiker und Zahlenmensch? beschrieben wird, über den man im Grunde nichts weiß.So wie Termühlen scheuen viele Manager den Umgang mit den Medien. ?Die mit Unlust gepaarte Angst sieht man vielen direkt an?, meint Rolke. Er bemängelt: ?Was Managern im Gegensatz zu Politikern fehlt, ist die Kompetenz Talkshow-fähig zu reden und in Schlagzeilen zu denken.? Einer, der das kann, ist Heinrich von Pierer, Siemens-Chef und Stammgast bei Sabine Christiansen. Presseprofi Ott urteilt: Er zählt zu den ?Glanzpunkten im Meer von Mittelmaß?, in puncto Medienwirksamkeit.Das böse Erwachen folgt für Manager meist bei einem Schlagabtausch im Fernsehen. ?Unternehmenschefs sind es gewohnt, dass ihr Wort befolgt wird. Politiker müssen Mehrheiten hinter sich bringen, beherrschen also Überzeugungsarbeit und wissen mit Konflikten umzugehen. Manager hingegen rechnen nicht mit Widerworten. Darauf sind sie nicht gefasst?, analysiert Ott.Das entgeht selbst den Kommunikationschefs großer deutscher Konzerne nicht: Von knapp 200 PR-Managern urteilten 62 Prozent in einer Umfrage der Fachhochschule Mainz: ?Die führenden 20 Politiker können mit den Medien besser umgehen als die Vorstandvorsitzenden der 20 größten Unternehmen?. Ein schlechtes Zeugnis für die Chefs, ausgestellt von ihren eigenen Profis.?Führungskräfte müssten wie ein Gregor Gysi Lust an der Aufgabe entwickeln, in Medien aufzutreten?, wünscht sich Rolke. Und das geht nur mit konsequentem Medientraining. Etwa vor laufender Kamera 18- Sekunden-Statements formulieren, Kernbotschaften entwickeln und diese in eingängige Bilder übersetzen. Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp etwa vermittelt in seinen TV-Auftritten wesentliche Grundbotschaften beharrlich, statt sich zu verzetteln. ?Wichtig ist die mentale Vorbereitung auf so einen Auftritt. Wie ein Abfahrtsläufer muss man im Kopf haben, was die Strecke ist und was das Ziel?, rät Rolke.Das Ziel war Rolf Breuer offensichtlich arg vernebelt, als er sich als Deutsche-Bank-Chef in einem Interview über die Kreditwürdigkeit seines Kunden, des Kirch-Konzerns äußerte. Nun muss er sich vor Gericht verteidigen. ?Wenn Herr Breuer dann vor Gericht zu Protokoll gibt, dass er sich als Privatmann geäußert hat, ist das ein Desaster. Das zeigt, dass er sich über die Dimension seiner Aussage nicht im Klaren war?, analysiert Otte.Deshalb raten Trainer zu mehr Achtsamkeit und Theaterengagement. Dabei wenigstens ein bisschen von der Politik zu lernen, kann nicht schaden. Otte: ?Die SPD-Wahlkampfzentrale Kampa ist ein gutes Instrument, um nicht in Einzelaktionen zu verfallen, sondern eine langfristige Strategie zu entwickeln und umzusetzen. Das müsste auch in der Wirtschaft stärker passieren.?Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hat das begriffen. Seit zehn Jahren ist er Vorstandschef des Sportwagenbauers ? und seit zehn Jahren ist er im Zusammenhang mit dem Unternehmen im Gespräch. Egal, ob in Talk-Runden, bei Wirtschaftsevents oder gar bei der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst. Ein machtbewusster Mann mit Volksnähe. Einer, der um kein kerniges Zitat verlegen ist: Sei es, dass der Standort Deutschland in Rede ist oder dass er die Quartalszahlen verweigert. Ulrich Viehöver, Verfasser der nicht autorisierten Biografie ?Der Porsche Chef. Wendelin Wiedeking ? mit Ecken und Kanten an die Spitze?, kann sich den Manager gar als Wirtschaftsminister vorstellen.Auch Peter Radunski, Wahlkämpfer und Ex-Bundesgeschäftsführer der CDU schreibt den Wirtschaftslenkern ins Stammbuch, sie müssten dringend von der Politik lernen, um Aufmerksamkeit zu kämpfen und Fernsehzuschauern ?Emotainment? zu bieten.Wird die Wirtschaft in einem öffentlichen Disput mit der Politik mal wieder übertönt, liegen die Auswirkungen auf der Hand. Dominiert die Politik das Geschehen, dann wird die Wirtschaftspolitik auch so aussehen, sprich: mehr Steuern, Abgaben, hemmende Regelungen. ?Wenn Politiker die Diskussionen beherrschen, setzt sich auch eine politische Denklogik in der Öffentlichkeit durch, obwohl es sich um wirtschaftspolitische Themen handelt?, warnt Rolke. Denn: ?Nur wenn die Wirtschaft und ihre obersten Repräsentanten in den Medien präsent sind, können auch wirtschaftspolitisch sinnvolle Lösungen mehrheitsfähig werden.? Statt sich in den Schmollwinkel zurückzuziehen, ist es wichtiger, Politik aktiv mitzugestalten.Manchem Manager wird das auch tatsächlich so sehr zugetraut, dass man diesen gleich in einer politischen Funktion sehen möchte. Als Siemens-Chef Heinrich von Pierer kürzlich als potenzieller Bundespräsident gehandelt wurde, konnten sich das seine Mitarbeiter durchaus vorstellen.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.03.2004