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Im Gleichschritt mit dem Vorstand

Von Lars Reppesgaard, Handelsblatt
Deutsche Aufsichtsräte werden noch sehr unterschiedlich bezahlt ? Experten raten, den Aufsehern Aktien zuzuteilen.
Immer professioneller sollen sie arbeiten, und genauer als bisher zum Wohle der Anleger über die Unternehmensaktivitäten wachen: Es ist eine neue, gestärkte Rolle, die die Verfasser der Deutschen Corporate Governance Kodex den Aufsichtsräten zugedacht haben.Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer effektiveren Unternehmenskontrolle soll die Art und Weise sein, wie die Aufsichtsräte entlohnt werden. Ein Zusammenspiel von fixen und variablen Vergütungskomponenten könnte Anreize schaffen, die Kontrollfunktion im Sinne einer langfristigen Steigerung des Unternehmenserfolgs wahrzunehmen. Doch gerade hier herrscht großer Nachholbedarf, ermittelten die Unternehmensberater von Towers Perrin in Frankfurt in ihrer Studie ?Aufsichtsratsvergütung 2003?.

Die besten Jobs von allen

Dazu haben die Berater die Aufsichtsratsvergütungen von 110 in Deutschland börsennotierten Unternehmen unter die Lupe genommen, durchforsteten Satzungen und Hauptverhandlungseinladungen, um die Bezüge der Aufsichtsräte der Dax-, M-Dax- und TecDax-Unternehmen zu ermitteln. Das Ergebnis: Vergütungsstrukturen entsprechen nicht den Anforderungen.Zum einen wird die selbe Kontrollarbeit in den Unternehmen höchst unterschiedlich entlohnt. ?Selbst innerhalb des Dax ist eine große Spannbreite bei der Entlohnung,? berichtet Michael Kramarsch, Vergütungsexperte bei Towers Perrin. Satte 390 000 Euro verdienen die bestbezahlten Aufsichtsräte bei Schering im Jahr. Bei Altana sind es rund 30 000 Euro weniger. Am unteren Ende der Skala steht ein Commerzbank-Aufsichtsrat mit gerade mal einem Zehntel. ?Bei gleichem Aufwand und Verantwortung?, kritisiert Kramarsch. ?Die historisch gewachsenen Vergütungsregeln sind nicht mehr sinnvoll.?Zum anderen stützen die derzeit praktizierten Vergütungsmodelle kurzfristige, riskante Unternehmensstrategien, statt die Orientierung auf den langfristigen Steigern des Unternehmenswertes zu ermöglichen. ?Aufsichtsräte müssen überwachen, sind aber zugleich in Strategiefragen Sparringspartner im Sinne der Aktionäre?, erklärt Unternehmensberater Roland Bickmann aus Hamburg. ?Der Kodex fordert eine balancierte Vergütung, die Kontrolltätigkeit und die strategische Arbeit abbildet.? Viele Berater favorisieren ein Vergütungsmodell, das je zur Hälfte aus festen und variablen Teilen besteht.Deutschlands Dax-Unternehmen sind von einer derartigen Entlohnung nach Augenmaß allerdings noch weit entfernt: Ein Schering-Aufsichtsrat erhält zu 98 Prozent variable, erfolgsabhängige Bezüge, das Fixum macht nur zwei Prozent seines Salärs aus. Die Gefahr bei so einem Modell ist, dass die Aufsichtsratsmitglieder das Treiben der Vorstände nicht kritisch begleiten, sondern in der Hoffnung auf rasch steigende Umsätze riskante Ideen einfach abnicken. ?Kontrolle darf aber nicht bedeuten, immer im Gleichschritt mit dem Vorstand zu marschieren?, warnt Kramarsch.Für problematisch hält er zudem, dass die meisten Unternehmen für die Ermittlung der Aufsichtsratstantieme ausgeschüttete Dividende heran zieht. ?Die Höhe der Dividende schlägt der Aufsichtsrat selbst vor, es ist keine objektive Erfolgskennzahl?, warnt er.Langfristige Vergütungselemente sind trotz der Anregungen des Corporate Governance Kodexes für Aufsichtsräte nur in sechs Dax- und je zwei MDax- und TecDax-Unternehmen Teil der Vergütung. Die Berater plädieren, den Anteil dieser so genannten Long-Term Incentives an der Vergütung auszubauen, etwa mit Wandelschuldverschreibungen. Kramarschs einfachste Lösung: ?Wie kann der Aktionär sicher stellen, dass der Aufsichtsrat wie ein Aktionär denkt? Man macht ihn zum Aktionär, gibt ihm Aktien, die er halten muss, solange er Aufsichtsrat ist.?
Dieser Artikel ist erschienen am 10.02.2004