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Im Dienste der Wallenbergs

Von Helmut Steuer
In Deutschlands Finanzwelt sind Frauen in Top-Positionen noch selten. In Skandinavien ist das ein bisschen anders. Das beweist unter anderem Annika Falkengren. Die 44-jährige Schwedin thront seit gut einem Jahr an der Spitze der SEB-Bank. In dieser Zeit hat sie schon einiges bewegt.
STOCKHOLM. Wenn Annika Falkengren morgens ihr Büro am traditionsreichen Stammsitz der schwedischen Bank SEB mitten im Zentrum Stockholms betritt, gleicht ihr Gang durch die langen Korridore fast einem Spießrutenlauf: Die Wallenbergs ? André, Knut, Marcus, Jacob, Peter und noch einmal Jacob ? sowie einige andere Herren schauen mit ernsten, musternden Blicken von der Ahnengalerie hinunter zu der zierlichen Frau, die jetzt Schwedens drittgrößte Bank nach Bilanzsumme leitet. Die 44-jährige Falkengren hat es geschafft, was für viele ihrer Geschlechtgenossinnen auch in ihrem Heimatland unerreichbar scheint: Die Mutter einer erst zweijährigen Tochter thront seit gut einem Jahr an der Spitze einer der einflussreichsten Banken in Nordeuropa.Seitdem hat die resolute Bankerin hart durchgegriffen und kräftig an der Kostenschraube gedreht: Die Hausbank der mächtigen schwedischen Industriellendynastie Wallenberg, die gleichzeitig größter einzelner Aktionär des Finanzkonzerns ist, soll wieder auf die Überholspur gebracht werden. Zwar nimmt die SEB viel Geld ein, doch die Kosten, die rund 60 Prozent aller Einnahmen ausmachen, bereiten Sorgen. Dass es anders geht, zeigt Schwedens rentabelste Bank, Handelsbanken, bei der die Kosten für nur 45 Prozent der Einnahmen stehen. Und noch schlechter ist es um Falkengrens Sorgenkind, die deutsche SEB-Tochter, bestellt. Hier hat die neue Bank-Chefin eine Frist gesetzt: Bis August 2008 muss die SEB AG in Frankfurt beweisen, dass es aufwärts geht. Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, hat sie zunächst einmal ein großes Personalkarussell in Deutschland angestoßen.

Die besten Jobs von allen

Die studierte Betriebswirtin hat seit ihrem Amtsantritt im November vergangenen Jahres aber auch in Schweden mächtig gewirbelt, hat bei ihren zumeist männlichen Mitarbeitern für einige Unruhe gesorgt. Da wurden Stühle gerückt und Abteilungen zusammengelegt ? alles, um die Kosten zu senken. Anders als viele ihrer männlichen Kollegen an der Spitze von Finanzdienstleistern liebt Falkengren die Deutlichkeit. ?Ich glaube, die Mitarbeiter wollen wissen, was gilt?, sagt sie immer. Kritik an ihrer resoluten Führung gibt es kaum, zumindest dringt nichts durch die dicken Mauern der Konzernzentrale nach außen. Doch wer die Frau mit den langen blonden Haaren und den stets gestikulierenden Händen einmal bei einer Bilanzpressekonferenz erlebt hat, weiß, dass Gefühlsduselei nicht ihre Sache ist. Der feste Blick und das konsequent analytische Denken hat schon manch einen ihrer männlichen Managerkollegen ganz weich in den Knien werden lassen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Falkengrens Werdegang liest sich wie ein Generalstabsplan.Ihr eigener Werdegang liest sich wie ein Generalstabsplan, bei dem nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen wurde: 1987 ging sie als Trainee zur SEB und hat sich danach konsequent hochgearbeitet. Zunächst wird sie Chefin für den Rentenhandel, danach verantwortet sie die Handelsabteilung. Einen gewaltigen Karrieresprung macht die Bankerin 2000, als sie die Führung der wichtigsten SEB-Sparte, das gesamte Firmenkundengeschäft mit der Investment-Banking-Abteilung, übernimmt. Es mag Kollegen gegeben haben, die sich verwundert die Augen rieben: Immerhin steht diese Sparte für etwa 50 Prozent des SEB-Gewinns. Aber die Managerin macht ihren Job auch als Vize-Chefin der SEB so gut, dass sie schon schnell als mögliche Nachfolgerin von dem damaligen SEB-Chef Lars Thunell gilt. Als sie Ende vergangenen Jahres als erste Frau in der genau 150-jährigen Geschichte der Bank den Thron tatsächlich besteigt, wundert sich niemand mehr.In Interviews hat Falkengren stets bestritten, dass sie ihre Karriere von langer Hand geplant hat. Doch gab sie zu, dass sie als unverheiratete und kinderlose Frau den Vorteil hatte, sich ganz auf den Job zu konzentrieren zu können. Die Verbindung von Beruf und Privatleben ist ihr bislang perfekt gelungen. Kurz vor dem Erklimmen des SEB-Gipfels lernt sie ihren heutigen Mann kennen, wird mit 42 zum ersten Mal Mutter. Familienplanung im Hause Falkengren sieht so aus: Die Tochter wird im Sommer geboren ? zu einer Zeit, in der ihr kurzer Mutterschaftsurlaub nicht ganz so stark ins Gewicht fällt.Heute sagt sie, dass sie als Frau in ihrer Position Familie und Beruf perfekt kombinieren könne. ?Als Chef kann man seinen Arbeitstag leichter steuern?, gab sie in einem Interview zu. Außerdem habe sie einen Mann ? ebenfalls bei der SEB beschäftigt, aber derzeit im Vater-Urlaub ? der sich ganztägig um die kleine Tochter kümmere.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Falkengren wünscht sich mehr Frauen in Top-Positionen.Falkengren wünscht sich mehr Frauen in Top-Positionen. Von einer Quotenregelung hält sie allerdings nichts. Qualifikation und Kompetenz statt Quoten, lautet ihr Motto. Im Übrigen rückt sie auch den Mythos zurecht, Schweden sei ein sehr gleichberechtigtes Land. Tatsächlich sitzt nur ein knappes Drittel Frauen in den Führungspositionen schwedischer Unternehmen. Damit liegt das Land nur leicht vor Deutschland.In der Stockholmer Zentrale in der Kungsträdgårdsgatan 8 ist von den Quotendiskussionen nicht viel zu spüren. Hier geht alles seinen Gang ? so wie in den vergangenen 150 Jahren. Geschäftig wirkende Männer geben sich die Klinke in die Hand, gestresste Manager in Schlips und Anzug hetzen in der Mittagspause zum nahe gelegenen Imbiss. Und den Tunnel, der die SEB-Zentrale mit der Holdinggesellschaft der Wallenbergs, mit Investor, verbindet, den gibt es auch noch. Was es nicht mehr geben wird, ist eine einheitliche Ahnengalerie: Dort wird irgendwann einmal ein Bild von einer zierlichen blonden Frau hängen.
Profitable Töchter: Die SEB wird von der Industriellenfamilie Wallenberg kontrolliert. Dadurch hat die Bank ein weltweit verzweigtes Kontaktnetz. Die SEB ist die nordeuropäische Bank mit dem größten Auslandsengagement. Fast die Hälfte des Konzerngewinns von rund 1,2 Mrd. Euro stammt zum größten Teil von den überaus profitablen Tochterbanken im Baltikum.Sorgenkind: Als die SEB 2000 die deutsche Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) übernahm, ahnte niemand in der Stockholmer Zentrale, dass man sich auf ein schwieriges Unterfangen einlassen würde. Zwar läuft das Firmenkundengeschäft mittlerweile rund, doch im Privatkundensektor schmerzen weiterhin die Kosten. SEB-Chefin Falkengren hat der SEB AG eine Frist bis Mitte 2008 gegeben, um die Bank profitabel zu machen.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.12.2006