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Im Dauerlauf

Von Astrid Oldekop
Es ist eine imposante Karriere, die der Gewinner der ?Jungen Karriere des Jahres 2007? gemacht hat: Nikolas Stegelmanns Weg führte vom geruhsamen Schleswig-Holstein in die politisch instabile Ukraine. Heute ist der 29-Jährige einer von drei Adidas-Länderchefs in den GUS-Staaten.
"Mein größter Erfolg ist, dass ich den Halt nicht verloren habe", sagt Nikolas Stegelmann. Foto: Archiv
DÜSSELDORF. Nikolas Stegelmann überrascht. Auf die Frage nach seinen Erfolgen könnte er antworten, dass Adidas Ukraine hochprofitabel arbeitet und dass sich der Umsatz in seiner Zeit als Länderchef verachtfacht hat. Dass die Zahl der Mitarbeiter in drei Jahren von 150 auf 1 000 in die Höhe geschnellt ist. Dass sein Unternehmen jetzt zweitgrößter deutscher Arbeitgeber im Land ist und ein Geschäft nach dem anderen eröffnet. Dass er die schwierige Reebok-Integration in der Ukraine hinbekommen hat. Doch der gesprächige Kieler macht eine Pause. Und sagt: ?Mein größter Erfolg ist, dass ich den Halt nicht verloren habe.?Es ist eine imposante Karriere, die der Gewinner der ?Jungen Karriere des Jahres 2007? gemacht hat: von der kleinen Fachhochschule Kiel zum Länderchef eines Wachstumsmarktes bei Adidas, aus dem geruhsamen Schleswig-Holstein in die politisch instabile Ukraine im Aufbruch. Sein Bruder Thomas erinnert sich, wie Nikolas vor zehn Jahren die Familie am Frühstückstisch mit der Nachricht sprachlos machte, er werde seinen Zivildienst in einem ukrainischen Waisenheim absolvieren, irgendwo zwischen Kiew und Tschernobyl. Stegelmann hatte zwar Internationalität in die Wiege gelegt bekommen ? er wurde in Spanien geboren, lebte in den USA und in Chile. Doch die Orientierung nach Osten war neu.

Die besten Jobs von allen

Seine erste Begegnung mit der Ukraine war schmerzhaft und hat ihn geprägt: Die Kinder lebten unter erbämlichen Zuständen im Waisenheim. Stegelmann war der einzige Deutsche und zugleich der letzte Zivi. Das Programm wurde wegen der unzumutbaren Lebensbedingungen eingestellt. Stegelmann sehnte sich nach einem ?normalen?, westlichen Alltag: ?Ich habe mir damals geschworen, ich komme nie wieder her.?
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Schwur hin oder her. Eine der Qualitäten, die seine Mentoren an ihm schätzen, ist Stegelmanns Flexibilität. Als sich ihm die Chance bot, das Land von einer anderen Seite kennenzulernen, dort für sichere Arbeitsplätze und bessere Lebensbedingungen zu sorgen, kehrte er zurück. Heute unterstützt er mit Adidas ebenjenes Kinderheim.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Schon nach fünf Monaten ging er nach KiewWährend seine Kommilitonen USA-Semester einlegten, kämpfte Stegelmann um einen Studienplatz in Moskau ? so ein Austausch war an der FH Kiel ursprünglich nicht vorgesehen. Sein Praxissemester und die Diplomarbeit machte er bei SAP und KPMG in Moskau. Die Goldgräberstimmung der Stadt begeisterte ihn. Auch wenn ihn das Leben im Dauerstau und Smog eher abstieß.Gleich nach dem Studium stieg er als Controller bei Adidas ein. ?Ich habe mich für die Region entschieden, meine Karriere habe ich aber nicht geplant?, sagt der 29-Jährige. Das taten die Leute in der Herzogenauracher Zentrale für ihn. Dort wertet man Performance und Potenzial jedes Neuen aus. ?Stegelmann schnitt bei beiden Kriterien außergewöhnlich gut ab?, sagt sein Mentor, Personalchef Siegfried Richter. Beim weltweit zweitgrößten Sportartikelhersteller gibt es keine Vorgaben, wie lange man bis zum nächsten Schritt warten muss. ?Wenn wir sehen, einer hat Potenzial, und glauben, er ist reif für eine Position, geben wir ihm die Chance?, sagt Richter.Stegelmann war so ein Kandidat, und schon nach fünf Monaten schickte man ihn als Finanzmann nach Kiew. Nach einem Jahr war er Direktor, nach einem weiteren Länderchef. Er ist einer von drei Länderchefs in den GUS-Staaten und der einzige Deutsche. Seinen Führungsstil beschreibt der nun fließend Russisch Sprechende als energiegeladen, sehr fordernd, aber auch motivierend. Manchmal stößt er damit an Grenzen. Ukrainer sind einen eher autoritären Führungsstil gewohnt. Hinzu kommen die grassierende Korruption, die Produktpiraterie und das undurchsichtige Rechtssystem.Einmal Osten, immer Osten? Stegelmann verneint das. Auch wenn ihm die grüne Boomstadt Kiew immer besser gefällt. Bis zur Europameisterschaft 2012 kann Stegelmann sich vorstellen, in der Ukraine zu bleiben. Spätestens danach stehe etwas Größeres an. Deutschland aber eher nicht. Der Markt ist gesättigt. Mentor Richter sieht das ähnlich: ?Für einen wie ihn stehen alle Möglichkeiten offen. Das kann Russland, Indien, China oder Lateinamerika sein.?
Dieser Artikel ist erschienen am 24.11.2007