Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Im Biotop der New Economy

Von Thomas Knüwer, Handelsblatt
Bei den Samwers ist immer noch alles bunt und schön ? solange sie nicht über ihren neuen Investor reden müssen.
BERLIN. Verwirrt schließen sich die Augen, öffnen sich wieder: Noch immer ist es da, das Großraumbüro in Berlin-Friedrichshain mit den tapeziertischartigen Arbeitsflächen, jungen Mitarbeitern in schlampiger Kleidung, hinter der Stahltür ein graues Treppenhaus, vor den Fenstern vorbeiziehende Spreedampfer.Es muss ein Traum sein. Eine Vision, die einen nachts zurückzerrt in eine längst verlorene Zeit: die heiße Phase der New Economy. Doch nein, es ist kein Streich aus dem Reiche Morpheus ? sondern die Zentrale der Jamba AG, eines der führenden Anbieter von Klingeltönen und Handy-Schnickschnack.

Die besten Jobs von allen

?Ikea, aber ein guter Stuhl: Wir haben ja nie anders gearbeitet, das ist halt unser Stil?, sagt Oliver Samwer, einer der drei Vorstandschefs von Jamba. Ja, hier darf sie weiter toben, die neue Wirtschaft. Eigentlich müssten Schulen ihre Ökonomie-Kurse durch den Loft führen, auf dass der Nachwuchs sehe, wie es einst war in den Zeiten der Dotcom-Blase.Und auch die Samwers scheinen nicht gewandelt: Noch immer ist alles schön, bunt und aufregend bei Oliver, Marc und Alexander, der Boygroup aus Köln. ?Das Ende der New Economy haben wir ja nie am eigenen Leib erfahren?, sagt Marc Samwer. Wäre da nicht das ein wenig dünnere Haar ? man hielte den 32-Jährigen noch immer für einen Abiturienten, der mit Begriffen jongliert, die nicht zum jungenhaften Äußeren passen.Doch etwas hat sich durchaus geändert in den vergangenen Wochen. Gern schmückten sich die Samwers mit den Partnern aus der alten Wirtschaft. ?Bei Alando haben wir mit Venture-Kapitalisten gearbeitet. Bei Jamba hielten wir es für klüger, an strategische Investoren heranzugehen.? Media-Saturn, Debitel und Electronic-Partner steckten Geld in Jamba.Erst auf Nachfrage gibt Marc Samwer zu: Am 4. September beteiligte sich die amerikanische Risikokapitalfirma Summit Partners an Jamba. Debitel besitzt statt 15 Prozent nur noch fünf, die anderen Investoren schweigen. Summit ist anscheinend stärkster externer Anteilseigner und stellt den Aufsichtsratschef und ein weiteres Aufsichtsratsmitglied.Das sei kein Zeichen für eine Krise, beteuert Marc Samwer: Summit solle bei der Auslandsexpansion helfen. Schon gibt es eine Beteiligung an einer US-Firma, ?darüber wird es in den kommenden Wochen etwas zu berichten geben?. Diese Woche erst verkündete Jamba über ein Gemeinschaftsunternehmen mit Chinadotcom den Einstieg in Asien.Ihr Ruf als Arbeitgeber gleicht dem von Sklaventreibern?Die glorreichen sechs aus dem Hinterhof? (?Süddeutsche Zeitung?), ?Helden des ?Internet-Märchens? (?Zeit?) waren er und seine Brüder, als im Sommer 1999 das US-Auktionshaus Ebay die Samwer-Gründung Alando übernahm ? hundert Tage nach deren Start. Die Brüder wurden zu den ersten Stars der deutschen New Economy: überall präsent, immer locker und sympathisch, nie unverschämt-großkotzig.Doch es gab ? und gibt ? die andere Seite. Ihr Ruf als Arbeitgeber gleicht in der Internet-Szene dem von Sklaventreibern. Marc Samwer stört das nicht: ?Wir erwarten, was Zeit und Anspruch betrifft, hundertprozentige Arbeit. Das verstehen viele nicht, anderen ist es zu tough. Wir selbst fordern von uns auch viel. Unternehmer sind halt anders als Manager in Großunternehmen.??Unternehmer?, immer wieder fällt das Wort. Es ist die Familienmonstranz, die vorangetragen wird auf der Prozession Richtung Selbsterfüllung: ?Unternehmer zu sein fordert eine Menge Lebensenergie. Und wenn man die gibt, tut einem jede Minute Energie weh, die ein anderer durch schlechte Arbeit verschwendet.? Marcs Augen glühen, wenn er vom brüderlichen Trip ins Silicon Valley 1998 erzählt: ?Wir haben Leute wie Yahoo-Gründer Jerry Yang gesehen ? das waren unsere Helden.?Von klein auf waren die Brüder umgeben von mittelständigen Lenkern: Klienten und Freunde von Vater Sigmar-Jürgen, einem Kölner Anwalt. Schon zu Schulzeiten die ersten Praktika, die Eltern förderten den Traum von der eigenen Firma: ?Sie gaben uns ein Urvertrauen. Sie haben uns vermittelt: Zu dritt seid ihr ein unschlagbares Team. Und sie haben uns immer wieder das Gefühl gegeben, dass sie für uns da sind, wenn etwas schief läuft.?Und so wagen sie ein Jahr nach der Ebay-Übernahme den Ausstieg. ?Wir haben gemerkt, dass die Amerikaner auch nur mit Wasser kochen?, erinnert sich Marc Samwer. 46 Millionen Euro sollen sie kassiert haben, umgelegt auf alle Investoren und Gründer eine schöne Summe ? aber nicht genug für den Rest des Lebens. ?Wenn man es heute betrachtet, haben wir Alando zu früh verkauft?, sagt Marc.Während andere Startups von der Druckwelle der platzenden Dotcom- Blase an die Wand gequetscht werden, reisen die Brüder umher und suchen nach Ideen. August 2000 geht Jamba an den Start. ?Jamba hat die richtige Strategie und den richtigen Vorstand?, lobt Media-Saturn-Chef Leopold Stiefel. Umsatzzahlen aber werden von allen verschwiegen.Neuer Investor? Auslandsexpansion? Keine Krise? Wieder schließen sich die Augen und öffnen sich wieder. Anscheinend hat sich auch etwas anderes nicht geändert in den Überresten der New Economy: das dumpfe Gefühl, dass nicht alles so rosig ist, wie es dargestellt wird.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.11.2003