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Im Auftrag des Herrn unterwegs

Von Markus Ziener
Der Amerikaner Christopher Worthley arbeitete nach seinem Studium bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" als stellvertretender Chefredakteur der englischsprachigen Publikationen und später als Pressesprecher der Allianz. Heute ist er Geschäftsführer der Allianz Foundation for North America - und nebenbei auch noch Priester.
Das Zentrum der Macht, das Weiße Haus, ist nur ein Steinwurf entfernt, die Viertel der Reichen gerade mal zehn Autominuten und die eleganten Clubs für geschlossene Gesellschaften liegen um die Ecke. Doch das wahre Leben der amerikanischen Hauptstadt spielt an diesem kalten Sonntagmorgen unter der Postadresse 1317 G Street, in den Sitzreihen der Epiphaniaskirche in Downtown Washington.Dort sind jetzt vor allem jene, die die letzte Nacht weiß Gott wo verbracht haben. Im Obdachlosenasyl, bei der Heilsarmee, in der Unterkunft eines Freundes oder unter freiem Himmel. Im Washington der Touristen und Prominenten finden diese Menschen nicht statt. Dabei gibt es sie zuhauf. 2007 waren es über 5 000, rund ein Prozent der gesamten Bevölkerung im Distrikt. Mehr Obdachlose pro Einwohner als in jedem anderen US-Bundesstaat.

Die besten Jobs von allen

Christopher Worthley ist wie stets an Sonntagen sehr früh an der Kirche. Er spricht mit Kirchenmitarbeitern und mit ersten Obdachlosen, von denen manche aus dem Asyl im nahen Franklin Park gekommen sind. Als dann die Messe beginnt, sucht sich Christopher einen Platz irgendwo zwischen den Besuchern. Die Laienpredigerin Susan spricht über das Vergeben, über die bedingungslose Liebe Gottes und die Chance, die jeder neue Tag mit sich bringt. Die Predigerin steht im Mittelgang zwischen den Kirchenbänken, sie spricht nicht von oben, von der Kanzel, zu der Gemeinde, sondern sie will unter ihnen sein, nahe bei ihnen. Manche hören zu, andere haben die Augen halb geschlossen, wieder andere scheinen fest zu schlafen.Als die Predigt endet, steht Christopher auf und tritt vor die Gemeinde. Er hält eine Liste mit Namen in der Hand: Nancy, Tony, Anthony R., Joe ? Christopher liest die ersten 20 Namen vor. Schnell kommt Bewegung in die müden Gestalten, die bepackt mit Tüten, Plastiktaschen, Rucksäcken und Schlafsäcken in den Bänken sitzen. Sie haben ihr gesamtes Hab und Gut bei sich, und viel mehr besitzen sie oft auch nicht. Christopher schaut kurz in das ein oder andere Gesicht, bei manchem begleitet von einem kurzen Nicken, dann blickt er wieder in die Liste, die er in der Hand hält. Wer genannt ist, der darf in den Frühstücksraum, zum ?Welcome Table Breakfast?. Das sind: Spiegeleier, Speck, Hashbrowns, ein Becher dampfender Kaffee.Für viele derer, die in die G Street kommen, ist dies schon der Höhepunkt des Tages. Auch wenn das Glück nur kurz dauert: Nach rund einer Viertelstunde müssen sie Platz machen für die nächste Gruppe, die zum Frühstück drängt. Für 200 Obdachlose gibt es in der Epiphanias-Kirche jeden Sonntag kostenlos zu essen. ?Die 200 Plätze sind jedes Mal weg?, sagt Christopher. Mehr noch: Wahrscheinlich könnte die Kirche in Downtown Washington jeweils die doppelte Menge Frühstücke ausgeben. Denn das reiche Washington ist zuweilen arm an Nächstenliebe.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kathedrale Notre Dame 1995: Ein Erlebnis, das Worthleys Leben verändern sollteNächstenliebe, Berufung, Bewusstwerdung ? für Worthley haben diese Begriffe eine persönliche Bedeutung. ?Als ich das erste Mal in der Kirche die Namen verlas, dachte ich: Diese Menschen hast du die ganze Zeit übersehen?, sagt Worthley als er darauf wartet, die nächste Gruppe aufzurufen. So wie man Obdachlose eben oft gar nicht wahrnimmt, ihre Existenz nur flüchtig bemerkt und vielleicht nur dann und wann ein, zwei kurze Gedanken auf sie verwendet.Die Menschen am Rand der Gesellschaft übersehen, den Sinn des eigenen Lebens übersehen: Worthley hat einen langen Selbstfindungsprozess hinter sich, der sein Handeln grundlegend verändert hat. Denn der 40-Jährige war auf dem Weg zu einem Leben, das das Übersehen leicht macht. Worthley hatte studiert, einen guten Job, hervorragende Karriereaussichten, einen wohlwollenden Mentor. Die Ecksteine für ein sorgloses Leben waren gelegt. Wäre da nicht das Gewissen gewesen, das Bewusstsein, dass dieses Leben mehr ist als nur ein schöner Lebenslauf.?Ich weiß, wann es passiert ist?, sagt Worthley in perfektem Deutsch. Viele Jahre hat Worthley in Deutschland verbracht. Doch das Erlebnis, das sein Leben verändern sollte geschah 1995 in Paris. Gemeinsam mit seiner Mutter besuchte Christopher eine Messe in der Kathedrale Notre Dame. So intensiv wie nie zuvor erfassten ihn die Liturgie und die Atmosphäre des Gotteshauses. Und als würde Worthley einen langen Blick auf seine Seele tun, formte sich ein Bedürfnis. Es war der Wunsch, in seinem Leben das zu machen, wozu er sich berufen fühlte. Und jetzt glaubte er, diese Berufung ganz deutlich gehört zu haben. Als der Tag endete, stand für den damals 27-Jährigen fest, dass er Priester werden wollte. Egal, was alles vorher gewesen war. Vorher war schon eine ganze Menge.Worthley, geboren in der Nähe von Boston und aufgewachsen in Maine, hatte für sich bereits zwei Welten entdeckt. Er hatte in seiner Jugend Amerika erlebt. Ob als Kind in Kennebunk oder als Student der Politik und Geschichte an der Tufts-Universität in Medford bei Boston. Als junger Erwachsener war er dann in das deutsche Universum eingetaucht mit Jahren in dem studentischen Tübingen und ersten beruflichen Stationen in Frankfurt und München. Als er das Erlebnis in Notre Dame erfuhr, war Worthley bereits seit ein paar Jahren bei der ?Frankfurter Allgemeinen Zeitung? beschäftigt. Als stellvertretender Chefredakteur der FAZ-Informationsdienste verantwortete er englischsprachige Publikationen. ?Es war bis dahin alles ein wenig zufällig?, sagt Worthley. ?Die Dinge haben sich so ergeben?. Aber im Hintergrund gab es immer eine feste Bezugsgröße ? Worthleys solide Verankerung im Glauben. Wohin er auch ging, Worthley nahm dieses Zuhause stets mit.Scheinbar zufällig hatte sich auch das Interesse für Deutschland ergeben. Denn noch an der Uni in Massachusetts konkurrierte Worthleys Neigung zum Deutschen mit dem Russischen. Doch am Ende war es wieder der kirchliche Bezug, der den Ausschlag geben sollte. Als Worthley an der deutschen Fakultät eine Broschüre des Goethe-Instituts in die Hände fiel, las er darin über die Einsatzmöglichkeiten der deutschen Sprache. Und unter anderem stand dort: Theologie. Wenn es keinen anderen Hinweis geben sollte, dann war dieser Fingerzeig genug. Also stürzte sich Christopher ins Deutsche, in die Sprache, in die Kultur, in das Leben. Mit einem Studium in Tübingen, mit einem Praktikum beim Deutschen Bundestag im alten Bonner Wasserwerk, mit einem weiteren Praktikum bei einem SPD-Abgeordneten, mit dem Wechsel zur ?Frankfurter Allgemeinen Zeitung?.Ohne sich lange zu versehen, war Worthley mit den stellvertretenden Chefredakteursehren ziemlich schnell weit oben angekommen auf der Karriereleiter in Deutschland. Und noch immer kam dieser Zug nicht zum Halten, zu einem Stopp. Das vermochte nicht einmal das Tiefenerlebnis in der Kathedrale von Notre Dame.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Leben heißt: Immer wieder Inventur machen?Kaum war Worthley von seinem Ausflug nach Paris wieder zurück in Frankfurt, kaum hatte er damit begonnen sein Priesterleben zu planen, kaum hatte Christopher die elf amerikanischen Priesterseminare der Episkopalkirche ausfindig gemacht und angeschrieben ? da durchkreuzte die nächste Versuchung seine Pläne. Eine Headhunterin fragte Christopher, ob er sich vorstellen könnte für die Allianz-Versicherung als einer von vier Pressesprechern zu arbeiten.Worthley war perplex und auch geschmeichelt ? und gab dem Angebot nach. Er reiste nach München, sprach dort mit dem Allianz- Vorstand und dem Pressechef Emilio Galli-Zugaro und hatte den Job. Einen Job, den er in diesem Moment eigentlich gar nicht gesucht hatte. Worthley wollte doch Priester werden und sein Leben grundlegend ändern. Mit Freunden beriet er seine Zweifel und kam schließlich zu dem Schluss: ?Wenn die Sache mit meiner Berufung zu Gott echt ist, dann kann sie auch noch etwas warten?.Was wiederum bei der Allianz-Gruppe auf ihn wartete, war eine spannende und eine herausfordernde Zeit. Kurz nachdem Worthley zur Versicherung stieß sah sich das Unternehmen Klagen ehemaliger Allianz-Versicherter aus der NS-Zeit ausgesetzt. Als Vertreter des Unternehmens musste Worthley Opfern und Angehörigen Rede und Antwort stehen. ?Das war höchst emotional, da wurde ich auch mal angeschrieen, etwa, warum wir angeblich 50 Jahre lang nichts unternommen hätten.?Worthley war auf einmal mitten drin in seinem neuen Job bei der Allianz, hatte seinen Bezugspunkt dabei aber nie zur Seite gelegt. In München-Harlaching gab es eine Episkopalkirche. Und Christopher Worthley war dort nicht nur regelmäßiger Gast, sondern aktives Mitglied im Kirchenvorstand. Drei Jahre später, 1999, war für Worthley aber der Moment gekommen, einen Strich unter das Kapitel Allianz zu ziehen ? das zumindest dachte Christopher. Er informierte seine Vorgesetzten, seinen Mentor Emilio Galli-Zugaro, und die reagierten verblüffend positiv. Sie wünschten ihm auf seinem weiteren Weg alles Gute und hofften, er würde der Allianz verbunden bleiben. ?Das war eine sehr gute europäische Erfahrung, so anders als in Amerika?, erinnert sich Worthley heute. Dann begann Christopher sein Theologie-Studium an der Yale Divinity School. 2002 schloss Worthley die Hochschulausbildung ab ? mit dem schön-charmanten Titel ?Master of Divinity?, Meister der Göttlichkeit, wie dies ein deutscher Freund von Christopher etwas frei übersetzte.Und wieder kam alles anders: Statt als Priester eine Gemeinde zu übernehmen, irgendwo in den USA, klopfte erneut die Allianz bei ihm an. Der deutsche Versicherer hatte die Idee, sich nach ihrem Börsengang im Jahr 2000 in den USA sozial zu betätigen. Wer wäre dazu besser geeignet als Christopher Worthley? Also wurde Worthley beides: Leiter der neuen Allianz Stiftung für Nordamerika und nur kurze Zeit später frisch geweihter Priester. Aus dem Büro in Washington betreut er nun eine Vielzahl von Jugendprojekten für die Allianz. Und an der Epiphanias-Kirche ein paar Blocks weiter arbeitet er quasi als Hilfspfarrer.Für Christopher Worthley wird auch dies keine Endstation sein. ?Leben heißt: Immer wieder Inventur machen?, sagt der 40-Jährige. So, wie er es einmal in einer Predigt zur Fastenzeit formulierte, als er über die Wendungen im Laufe einer Erdenexistenz sprach: ?Manchmal müssen wir uns ziemlich konzentrieren, um herauszufinden, um was es uns im Leben wirklich geht?, sagte Worthley. ?Und manchmal gelangen wir nur dann der Sache auf den Grund, wenn wir sämtliche Ablenkungen loswerden?. Und manchmal gehören eben auch Umwege dazu, um zum Ziel zu kommen.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.05.2008