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Im Alter vergesslich, aber unvergessen

Von Mathias Thibaut
Nach einer Serie von Schlaganfällen hat Maggie Thatcher das öffentliche Reden aufgeben. Aber während die einstige Premierministerin Großbritanniens, die ihren 80. Geburtstag feiert, hinter einem Schleier des Schweigens verschwindet, festigt sich ihre historische Position.
Mythos der Geschichte: Margaret Thatcher. Foto: dpa
LONDON. Maggie gibt eine Party zu ihrem 80. Geburtstag. 670 Persönlichkeiten sind geladen. Die Gästeliste wird von der Queen und Tony Blair angeführt ? der vielen als ihr eigentlicher Testamentsvollstrecker gilt. Nichts wird dem Zufall überlassen. Doch die ?Eiserne Lady?, die hier noch einmal ins Rampenlicht der Gegenwart tritt, ist eigentlich schon Mythos und Geschichte.?Viele rufen an und tun so, als sei sie schon tot", sagt Thatchers Sekretärin Gillian Penrose. ?Aber sie ist noch sehr lebendig. Physisch ist sie extrem stark.? Zögerlicher beantwortet sie die Frage nach der geistigen Gesundheit der Jubilarin. ?Sie wird fragiler, wie wir alle. Aber sie ist voll funktionsfähig?.

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Lange schon kursieren die Gerüchte über die von Freunden verlassene Thatcher in ihrem großen Haus am Chester Square. 2002 musste sie nach einer Serie von Schlaganfällen das öffentliche Reden aufgeben. Nach dem Tod ihres Mannes gab es Berichte, wonach sie nachts aufstehe und Leibwächter herbeirufe, um zur Kabinettssitzung zu gehen. Sie gehe noch zum Shopping in die Bond Street, sagte nun ihr einstiger Sprecher Sir Bernard Ingham. ?Aber oft hat sie vergessen, was man ihr vor zehn Minuten gesagt hat?.Während Frau Thatcher so hinter einem Schleier des Schweigens verschwindet, festigt sich ihre historische Position. Das macht nichts deutlicher, als das ungewöhnliche Erscheinen der selbst bald achtzigjährigen Queen auf der Geburtstagsparty. Die Königin macht normalerweise nicht lebenden Politikern, sondern Denkmälern der Nation ihre Aufwartung.Böse Zungen behaupten, die Queen habe in den achtziger Jahren ihre eigene Popularität gesteigert, indem sie Gerüchte von ihrer ?herzlichen Abneigung? gegen Thatcher ausstreuen ließ. Es war die Zeit der Gewerkschaftskämpfe und Marktreformen, als die Ich-Kultur der materialistischen Thatchergesellschaft das lieblichere Konzepte der Queen von der britischen Nation als solidarischer Traditionsgemeinschaft durcheinander wirbelte.Thatcher wurde zum Synonym für die soziale Härte der Profitgesellschaft. Aber immer deutlicher wird, dass sie nicht nur die britische Wirtschaft saniert und Großbritanniens Selbstachtung und Einfluss wieder herstellte, sondern einen neuen Konsens über die Werte von Eigenleistung und Selbsthilfe, Wettbewerb und Offenheit und die globale Perspektive schuf. Sogar in der Europapolitik, an der sie scheiterte, behält Thatcher Recht: Die erweiterte, wieder fest nationalstaatlich orientierte EU, die nach dem Scheitern des Verfassungsprojekts über die Grenzen der Integration nachdenken muss, ist ganz nach ihrem Geschmack.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.10.2005