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Ihr größter Fall

Axel Höpner
Sie hat den heikelsten Job, den die Justiz zurzeit in Deutschland zu vergeben hat: Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl ermittelt im Siemens-Skandal, seit zweieinhalb Jahren. Als Zeugin erzählt die 45-Jährige nun vor Gericht, wie alles begann.
Ein Razzia in der Siemens-Zentrale sorgte im November 2006 für Wirbel. Foto: dpa
MÜNCHEN. Rollentausch am zweiten Tag im Siemens-Verfahren: Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl legt ihre Robe ab und tritt im dezenten schwarzen Kostüm in den Zeugenstand. Es gilt, im Verfahren gegen Ex-Siemens-Manager Reinhard Siekaczek einen der spannendsten deutschen Wirtschaftskrimis aus intimster Perspektive zu erzählen ? nämlich aus der Sicht der Ermittler.Dass die Siemens-Schmiergeldaffäre seit dieser Woche überhaupt vor dem Landgericht München I aufgerollt wird, ist auch das Verdienst von Bäumler-Hösl und ihrem Team. ?Das ist ein heikler Fall, auf den das Land schaut und der das Verständnis von Wirtschaftsethik in Deutschland verändern kann?, wird in Justizkreisen betont. Daher sei ihr Job von Beginn an heikel gewesen ? auch, weil man es in dem Verfahren mit ?besonders haftempfindlichen Personen? zu tun habe; den Zentralvorstand eines Dax-Konzerns schickt man nicht leichtfertig in Untersuchungshaft.

Die besten Jobs von allen

Diese spannende Aufgabe fällt also Hildegard Bäumler-Hösl zu, die als besonders gründlich bekannt ist. Der anonyme Brief aus dem Jahr 2005 an den Leitenden Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld, in dem der angeklagte Reinhard Siekaczek schwer belastet wurde, landete schnell auf ihrem Schreibtisch. Am 15. November 2006 schlugen die Ermittler dann in einer spektakulären Großrazzia bei Siemens zu.Um 6.00 Uhr morgens ging es los, erinnert sich Bäumler-Hösl, die mit ruhiger Stimme erzählt. Zu dieser frühen Stunde wusste sie noch nicht, dass schon wenig später ihr Verdächtigter Siekaczek in einem Umfang auspacken würde, von dem Staatsanwälte nur träumen können. Der Ex-Siemens-Manager, der das System schwarzer Kassen mit aufgebaut hat, habe zwar seinen Anwalt angerufen, berichtet die Ermittlerin gestern im Landgericht. ?Der Anwalt war aber noch gar nicht eingetroffen, da hat er schon sofort angefangen zu reden.?Siekaczek hatte sich auf diesen Moment lange vorbereitet, Unterlagen gesammelt, Tagebücher geführt. Das Ergebnis? ?Herr Siekaczek hat damit eine Lawine ins Rollen gebracht?, sagt Bäumler-Hösl.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sie antwortet schon, bevor die Frage ausformuliert ist Die meiste Zeit sitzt die Staatsanwältin mit geradem Rücken hochkonzentriert im Zeugenstuhl, leicht nach vorn gebeugt beantwortet sie die Fragen von Richter Peter Noll. Von Anspannung zeugt höchstens, dass sie gelegentlich nervös mit einem Fuß auf den Boden tippt.Vielleicht ist das aber auch nur Ungeduld. Ihre rasche Auffassungsgabe wird von Kollegen gerühmt. Stellt Anwalt Uwe von Saalfeld einmal eine etwas umständlichere Frage, antwortet sie, noch bevor er zu Ende formuliert hat, aber ohne Hektik, ihre Worte mit Bedacht wählend.Die 45-jährige Bäumler-Hösl arbeitet in der Abteilung 12 der Staatsanwaltschaft München, die sich mit Korruptionsdelikten beschäftigt. Ein spannendes Feld ist das. Die Staatsanwältin hat zum Beispiel einmal gegen ein Bühnenkartell ermittelt, bei dem sich die Geschäftsführer der vier wichtigsten Anbieter die Aufträge der großen Theater untereinander zugeschanzt haben.Siemens aber ist natürlich ihr bis-her größter Fall. Bis zu 1,3 Milliarden Euro sind bei dem Elektrokonzern in den vergangenen Jahren als Schmiergeld eingesetzt worden. Das Bestechungssystem erstreckte sich über weite Teile des Konzerns, das machen schon die ersten Prozesstage auf erschreckende Weise deutlich.Den Prozess hat Bäumler-Hösl in akribischer Kleinarbeit vorbereitet. Seit zweieinhalb Jahren ist sie nahezu rund um die Uhr mit dem Fall beschäftigt. Oft sitze die Staatsanwältin auch noch um Mitternacht vor dem Computer, berichten Kollegen. Nun also endlich der erste Prozess. ?Natürlich sind wir froh, dass es jetzt losgeht?, sagt Bäumler-Hösl gestern auf dem Weg in den Gerichtssaal. Ihr standen bei den Ermittlungen bis zu sechs Staatsanwälte zur Seite. Aber bei Siemens beschäftigten sich zeitgleich ganze Heerscharen von Anwälten und Beratern mit der internen Aufklärung. Ein kleines Team also bei der Staatsanwaltschaft? Iwo. ?Ein kompetentes Team?, sagt Bäumler-Hösl.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Stimmung im Gerichtssaal ist gut Die Arbeit der Staatsanwaltschaft in dem Fall und das persönliche Auf-treten der Ermittlerin werden von den meisten Seiten gelobt. ?Wir kooperieren mit der Staatsanwaltschaft, und das klappt gut?, heißt es bei Siemens. Auch bei den oft sehr langen Vernehmungen gebe es keinen Grund zur Klage, sagt einer, der ihr dabei stundenlang gegenübersaß.So ist die Stimmung denn auch im Gerichtssaal gut. Das liegt nicht nur am dezenten Auftreten der Staatsanwältin und ihrer jungen Kollegin Nora Kaiser. Auch der Vorsitzende Richter Peter Noll pflegt einen unprätentiösen, zuweilen ironischen Stil. Auf große Showelemente wird in diesem Fall bisher verzichtet; der Plot selbst ist spannend genug.Die großen Konfrontationen gibt es in diesem ersten Verfahren ja ohnehin nicht. Da Reinhard Siekaczek geständig ist ? und deshalb sicherlich auf Milde des Gerichts hofft ? halten auch seine Anwälte den Prozess am Laufen.Wie kooperativ Siekaczek war, das verblüfft selbst die Beteiligten ein wenig. Als das System aufflog, übergab der Angeklagte den Ermittlern eine handschriftliche Liste, auf der zahlreiche Mitwisser der Affäre aufgelistet sind. Auch ein Name fehlt nicht: Sein eigener. ?Sie sind aber sehr gründlich?, lobt Richter Noll mit einem feinen Lächeln.Bäumler-Hösl wird noch häufiger in den Zeugenstand treten. An diesem Mittwoch aber macht sie bald wieder Platz für den nächsten zu Befragenden. Die Staatsanwältin hängt sich einen weißen Schal um, der die Kette um den Hals verdeckt, wirft die Robe über, setzt sich wieder auf ihren Platz als Staatsanwältin ? und hört dem nächsten Zeugen zu.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Pilotenkoffer voll mit Bargeld ZeugenfluchtDer erste Strafprozess im Siemens-Schmiergeldskandal ist erst einmal auf 15 Verhandlungstage angesetzt. Bei Bedarf kann verlängert werden. Allerdings könnte es auch schneller gehen: Beobachter erwarten, dass einige Zeugen, die in der Affäre selbst beschuldigt sind, ihr Schweigerecht nutzen. Eine erste Zeugenvernehmung wurde deshalb bereits abgesagt. Auch prominente Ex-Siemens-Manager wie die Zentralvorstände Thomas Ganswindt und Heinz-Joachim Neubürger werden wohl von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen.Auf diese Möglichkeit verzichtete gestern dagegen Heinz Keil von Jagemann. Er hatte wie Ex-Siemens-Manager Reinhard Siekaczek, der gestern aussagte (siehe unten), das System schwarzer Kassen mitbetrieben. Zeitweise sei das Schmiergeld in Koffern nach Österreich gebracht worden, wo eine Zeit lang schwarze Kassen geführt wurden, sagte er vor Gericht. Manchmal seien diese Pilotenkoffer enorm schwer mit Bargeld beladen gewesen. ?Ich hätte mir fast einmal einen Rückenschaden zugezogen.? Auch er bezichtigte Siemens-Manager, sie hätten davon gewusst.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.05.2008