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IG M(eine) sieht rot

Von Mark C. Schneider
Niedersachsens Gewerkschafts-Chef Hartmut Meine kämpft derzeit gegen viele Gegner: Mit Continental ringt er um den Jobabbau und mit den Arbeitgebern im KFZ- und Textilgewerbestreitet er ab Mittwoch über den Tarif. Ausgerechnet Continental-Chef Manfred Wennemer spielt ihm dabei in die Hände.
Seit über 20 Jahren gewerkschaftlich aktiv: Niedersachsens IG-Metall-Chef Hartmut Meine. Foto: dpa
FRANKFURT. Ausgerechnet der Conti-Chef, ein perfektionistischer Analytiker, verheddert sich bei der Bilanz-Präsentation am vergangenen Donnerstag und verkündet das Ende der Produktion beim Autozulieferer VDO in Wetzlar ? ohne Abstimmung mit seinem Personalvorstand Heinz-Gerhard Wente, der ihm noch zaghaft zu widersprechen versuchte.Die Betriebsräte wussten von nichts. In Wetzlar geht es um 200 feste Stellen und 250 Leiharbeiter. Der Aufschrei ist entsprechend groß ? und Hartmut Meine am Drücker. Er verlangt Details zum Jobabbau: IG M(eine) kämpft wieder.

Die besten Jobs von allen

Betriebsbedingte Kündigungen, bislang nicht vorgesehen, und das Schließen von Standorten seien mit ihm nicht zu machen, sagt Meine, der im Aufsichtsrat des Zulieferriesen Conti sitzt. ?Aktionärsinteressen dürfen nicht der alleinige Maßstab der Unternehmenspolitik bei der Continental AG sein. Wer das will, hat mit erheblichem Widerstand der IG Metall zu rechnen.?Hartmut Meine in Aktion. Aber der sportliche Gewerkschafter mit der hohen Stirn, der gern mit roter Krawatte und rotem Schal auftritt, streitet derzeit nicht nur um die Arbeitsplätze beim Autozulieferer VDO, den Conti übernommen hat. Ab diesem Mittwoch kämpft der Mann, der außerdem Verhandlungsführer von 90 000 VW-Arbeitern in Deutschland ist, in Hannover auch für die Tarife im KFZ-Gewerbe.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Meine spricht von ?Kampfansage? der ArbeitgeberDa klagt der 55-Jährige, obwohl er auf mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in Tarifkonflikten zurückblickt, über ?Gutsherrenart?, ?Lohndrückerei? und ?Tarifflucht? der Arbeitgeber. Es geht in Hannover um Einkommen und Arbeitszeit von gut 32 000 Beschäftigten in rund 3 500 Autohäusern und KFZ-Werkstätten in Meines Beritt. Statt mit einer Stimme zu sprechen, ist die Branche allein in Niedersachsen in 42 Innungen zersplittert. Die Arbeitgeber haben in mehreren Bundesländern die Tarifverträge gekündigt. Sie fordern die Erhöhung der Wochenarbeitszeit um vier auf 40 Stunden ? ohne Lohnausgleich. Meines Urteil steht fest: ?Eine Kampfansage?.Und das ist nicht der einzige Tarifstreit in Meines Metaller-Bezirk. Als der Funktionär diese Arbeitswoche gegen halb acht an seinem Schreibtisch im dritten Stock der Hannoveraner IG-Metall-Zentrale beginnt, ist seine Stimme noch angeschlagen vom Wochenende. Am Samstag führte er eine Demo aus 750 Gewerkschaftern und Beschäftigten des Textilgewerbes an den Weserrenaissance-Bauten der Rattenfängerstadt Hameln vorbei. Motto des Aktionstages zur heißen Phase des Konflikts: ?Wir geben Stoff für 5,5 Prozent.?Kurz bevor andernorts das Mittagessen auf den Tisch kommt, erklimmt Meine die Bühne des Weserberglandzentrums. ?2,2 Prozent haben die Arbeitgeber angeboten?, sagt er, ?das ist mickrig. Das ist unverschämt.? Gemeint sind Unternehmen wie der Teppichproduzent Vorwerk in Hameln oder der Smokingschneider Wilvorst in Northeim. Dann nimmt sich der 55-Jährige die Manager en gros zur Arbeiterführerbrust. ?Im schicken Zwirn, den ihr herstellt?, heizt er den Textilarbeitern ein, ?bringen sie ihr Geld nach Liechtenstein.? Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel sei nur einer von denen, die meinen, sie könnten auf Kosten der Beschäftigten ?Gewinne scheffeln und das Geld am Fiskus vorbei im Ausland anlegen?. Das sei ?hochgradig kriminell und asozial?, sagt Meine, der gern Krimis liest.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Respekt und Ablehnung für Meine auf ArbeitgeberseiteGut gebrüllt, Gewerkschafts-Löwe! Wenn er will, ist Meine, seit 32 Jahren Mitglied der größten Einzelgewerkschaft der Welt, ein leidenschaftlicher Anheizer. Verpflichtet fühlt er sich den Interessen von rund 269 000 IG-Metallern in den Flächenländern Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Dabei trennt der diplomierte Wirtschaftsingenieur nicht zwischen den Bandarbeitern im Volkswagen-Stammwerk Wolfsburg und hochqualifizierten Ingenieuren.Aber Respekt erntet Meine selbst auf der anderen Seite des Verhandlungstischs. Contis Personalchef Wente schätzt ihn: ?Wir können offen miteinander reden.? Sein Vorstandschef Wennemer ist weniger gut auf Meine zu sprechen, die Gefechte haben Spuren hinterlassen.So oft wie möglich ist Meine am Steuer des ? natürlich roten ? Dienstwagens vom Typ Audi A4 unterwegs zwischen Göttingen und Lüneburg, Hameln und Halle an der Saale. Der Osten bereitet ihm Kopfzerbrechen. Dort lässt der Organisationsgrad ohnehin zu wünschen übrig ? und der Strom von Arbeitern gen Westen, wo die Löhne höher sind, will nicht enden. Der Konflikt teilt Meines IG-Metall-Bezirk: Volkswagen wirbt unverblümt um die Gunst von Absolventen an den Hochschulen in Sachsen-Anhalt.Meine mischt als Verhandlungsführer von 90 000 westdeutschen VW-Werkern in Wolfsburg kräftig mit. Er hat den das Unternehmen entlastenden Zukunftstarifvertrag ebenso mit ausgehandelt wie das Modell Auto 5000, das 2001 außerhalb des Haustarifvertrages entstand.?Meine vertritt die Interessen seiner Mitglieder kämpferisch, aber nicht fundamentalistisch?, sagt Niedersachsens Oppositionsführer Wolfgang Jüttner (SPD). Für Leiharbeiter, die Gruppe macht immerhin zwei Prozent der westdeutschen VW-Belegschaft aus, setzt er sich gemeinsam mit Volkswagens Betriebsratschef Bernd Osterloh ein, verlangt ?gleiches Geld für gleiche Arbeit?.SPD-Mitglied Meine ringt mit seiner Partei, dringt auf ein neues Modell zur Altersteilzeit, das von der Bundesagentur gefördert wird. In Kürze tagen die Tarifkommissionen der IG Metall zum Thema.Seine größte Niederlage, als der damalige nordrhein-westfälische Bezirkschef Detlef Wetzel ihn im September 2007 bei der Wahl zum IG-Metall-Vize schlägt, hat Meine offenbar verwunden. Andere Posten auf Bundesebene hat er abgelehnt. Er möchte lieber der erste Mann in Hannover sein als einer unter vielen in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale.Realismus hat ihn der Sport gelehrt. Früher ist er regelmäßig den Halbmarathon gelaufen. Jetzt zieht er im Hannoveraner Stadtwald Eilenriede kürzere Strecken vor.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.02.2008