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Ich wollte kein Prinzipienverleugner sein

Foto: Darius Ramazani
"Okay, ich bin Vegetarierin aus Überzeugung. Mit 15 Jahren habe ich aufgehört, Fleisch zu essen, weil ich glaube, dass der Mensch das nicht zum überleben braucht. Dass ich zwei Jahre später bei Burger King gejobbt habe, hatte einen einfachen Grund: Geld."
Okay, ich bin Vegetarierin aus Überzeugung. Mit 15 Jahren habe ich aufgehört, Fleisch zu essen, weil ich glaube, dass der Mensch das nicht zum überleben braucht. Dass ich zwei Jahre später bei Burger King gejobbt habe, hatte einen einfachen Grund: Geld.

Ich war gerade von zu Hause ausgezogen, musste mich zum Teil selbst finanzieren, und in meiner Heimatstadt Kassel gab es kaum Jobs für Schüler. Bei Burger King zahlten sie ziemlich gut, besonders in den Nachtschichten. Da habe ich mir halt gedacht: Warum nicht?

Die besten Jobs von allen


überstehen konnte ich das nur, weil ich mir die ganze Situation schöngeredet habe. Diese Arbeit in der Küche, wo tiefgefrorene Fleischklopse in eine Grillmaschine getan werden, hatte für mich nichts mehr mit Essen zu tun. Ich konnte das Zeug gar nicht als etwas Tierisches erkennen. Das war bestimmt auch eine Schutzfunktion.

Heftig war es, wenn ich nach Hause kam. Dann hatte ich den Fettgeruch am ganzen Körper, in den Haaren, auf der Haut. Nach jeder Schicht habe ich erst mal eine halbe Stunde geduscht und geschrubbt, damit der Geruch wieder runter ging.

Obwohl wir bei Burger King eine ganz lustige Truppe waren und sich mein Englisch wegen der Amerikaner im Team mit jeder Schicht verbesserte, hatte ich die ganze Zeit ein ungutes Gefühl. Besonders schlimm war es, wenn mich Freunde und Bekannte zufällig hinter der Theke entdeckten. Die erinnerten mich wieder daran, was ich da eigentlich tat: "Was machst Du denn als Vegetarierin bei Burger King? Das geht doch gegen Deine ganzen Prinzipien."

Auch über meinen zweiten Job muss ich im Rückblick wohl sagen: Da habe ich mich schon manchmal verbogen. Ich studierte damals auf Lehramt und arbeitete nebenbei im VW-Werk in der Nähe von Kassel. Mit Leuten, die schon seit 20 Jahren am Fließband stehen und nichts anderes machen als immer den gleichen Arbeitsgang. Das war schon ein ziemlicher Praxisschock. Mich haben diese langen Schichten, in denen ich Dichtungsringe sortierte, richtiggehend abgestumpft.

Weil ich am Anfang unheimlich schnell gearbeitet habe, kamen irgendwann die Kollegen auf mich zu und sagten: "Hey, was machst Du da eigentlich? Du arbeitest viel zu schnell. Mach mal Deine Pausen." Dass da kein Engagement gefragt war, ist mir sehr schwer gefallen, denn ich habe eigentlich eine andere Arbeitsauffassung. Aber irgendwann bin ich wie die anderen mit Stechkarte in die Pause gegangen.

Nach fünf Monaten Wechselschicht habe ich dann von mir aus gesagt: Jetzt ist Schluss. So etwas wollte ich nie wieder machen.

Mein Lehramtsstudium habe ich nach vier Semestern abgebrochen. Ich bin ein kreativer Mensch, und diese Schulstrukturen waren für mich einfach zu einengend. Weil ich unbedingt etwas mit den Händen machen wollten, habe ich dann in Australien Garten- und Landschaftsarchitektur studiert. Das war wunderbar, das hat total zu mir gepasst.

Es gibt verschiedene Ansätze, wie so ein Park zu gestalten ist: entweder als wilde Oase oder mit akkurat beschnittenen Ziersträuchern. Beides hat seine Berechtigung. Das ist ein bisschen wie im Arbeitsleben: Menschen, die für die Arbeit ihren Prinzipien untreu werden, verurteile ich nicht grundsätzlich. Man muss erst mal tiefer schauen, warum sie sich so entschieden haben.

Heute habe ich das Glück, Werbung für etwas zu machen, was mir sehr am Herzen liegt. Denn nach einem Marketingstudium bin ich inzwischen Unternehmensberaterin für Bio-Produkte. Meine Einstellung hat sich ziemlich geändert, seit ich bei Burger King und VW gearbeitet habe: Heute ist mir Engagement wichtiger als Geld.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.12.2001