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Ich wollte kein Kundenbelüger sein

Foto: Darius Ramazani
"Anfangs habe ich mich gesträubt, vor dem Kunden so eine Show abzuziehen. Der merkt sowieso, dass wir ihn belügen, habe ich gedacht, und: Man muss doch immer ehrlich bleiben. Ich kam halt nicht aus der Branche, hatte vorher noch nie in einem Beratungsunternehmen gearbeitet."
Anfangs habe ich mich gesträubt, vor dem Kunden so eine Show abzuziehen. Der merkt sowieso, dass wir ihn belügen, habe ich gedacht, und: Man muss doch immer ehrlich bleiben. Ich kam halt nicht aus der Branche, hatte vorher noch nie in einem Beratungsunternehmen gearbeitet.

Als mich dann eines Tages mein Chef anrief und sagte: "Wir brauchen ganz dringend jemanden für ein neues Projekt, einen Relaunch des Internet-Auftritts. Am Montag fängst du beim Kunden an!", da war ich Feuer und Flamme. Als E-Business-Berater bei einem großen Internet-Dienstleister hatte ich immer den Ehrgeiz, auch selbst Verantwortung zu übernehmen. Ich dachte, jetzt könnte ich beweisen, was ich kann. Nach ein paar Tagen stellte sich allerdings heraus, dass die Geschäftsleitung dem Kunden etwas Wahnsinniges versprochen hatte. Der Zeitplan war unmöglich einzuhalten, erst recht nicht für so wenig Geld.

Die besten Jobs von allen


Natürlich habe ich intern gleich Alarm geschlagen, aber da bekam ich nur zu hören: "Im Interesse des Unternehmens: Mach weiter, sag dem Kunden nichts - das klappt schon irgendwie." Hilfestellung gab es aber keine. Also habe ich mich richtiggehend aufgeopfert. Habe die Wochenenden durchgearbeitet und Freunde und Familie stark vernachlässigt.

Und immer hatte ich Angst, dass mich der Kunde durchschaut. Dass er mich mit einer Frage ertappt, die ich nicht beantworten kann. Misstrauisch war er eh die ganze Zeit. Ich habe mir schlimme Vorwürfe gemacht und extrem schlecht geschlafen in dieser Zeit. Es war gar nicht so sehr die Angst, meinen Job zu verlieren, sondern dass dem Unternehmen der Auftrag durch die Lappen gehen könnte. Ich wollte einfach dieses Projekt zu Ende zu führen.

Der Gedanke, dem Kunden reinen Wein einzuschenken, ist mir komischerweise nie gekommen. Ich habe doch immer gedacht: Ich beiß mich da durch, ich schaff's, es muss doch eine Lösung geben.

Erst später habe ich erfahren, dass schon ein Kollege vor mir dieses Projekt angeboten bekommen hatte. Er weigerte sich aber, da mitzumachen, und bekam seitdem kein Bein mehr auf die Erde. Irgendwann ist ihm dann gekündigt worden.

Natürlich kam irgendwann der große Knall. Wir konnten Termine nicht einhalten, und ich habe klipp und klar gesagt, dass die Sache nicht mehr zu schaffen ist. Die Geschäftsleitung hat zwar noch versucht, beim Kunden die Wogen zu glätten, aber da ging nichts mehr. Der Kunde ist abgesprungen, es kam zu Rechtsstreitigkeiten, und letztendlich hat mein Unternehmen noch einen Haufen Geld draufgezahlt.

Als alles vorbei war, ist eine riesige Last von mir gefallen. Ich musste nicht mehr lügen, fühlte mich befreit und war auf einmal wieder gut gelaunt - auch wenn es eigentlich gar keinen Grund dafür gab. Denn inzwischen hatte mir mein Personalvorgesetzter gesteckt, dass ich im Unternehmen auf der Abschussliste stehe. Ich solle mir bloß schnell einen neuen Job suchen.

Das habe ich dann auch gemacht und gekündigt, noch bevor ich einen neuen Vertrag unterschrieben hatte. Ich wollte da einfach nur weg.

Heute arbeite ich bei der Daimler-Chrysler-Bank, ebenfalls als E-Business-Berater. Hier habe ich zwar auch gut zu tun, aber es herrscht eine viel bessere Firmenkultur - nicht so kalt und rücksichtslos wie in einem Beratungsunternehmen.

Ich habe mir vorgenommen, dass ich in Zukunft viel eher aufbegehre - selbst wenn mich das meinen Job kosten sollte -, weil genau das nämlich Verantwortung bedeutet. Ich glaube, dann fühlt man sich einfach besser.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.12.2001