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Ich wille!

Martin Roos
"Nein". So geht es immer los. Oder mit "Ich will nicht" oder "Ich will aber". Verhandeln mit Kindern bedeutet fast immer, Kompromisse zu machen. Die einzig richtige Strategie ist, keine zu haben. Kinder sind harte Verhandlungspartner. karriere-Redakteur Martin Roos darf täglich üben.
"Ich will aber", sagt Hannah. Nein, sage ich. Eine Zweieinhalbjährige soll nicht schon morgens Fernsehen schauen. Tinky-Winky-Dipsy-Laa-Laa-Blödsinn. Nix mit winke, winke. "Ich will aber", schreit sie. Ich erkläre, dass es morgens kein Fernsehen gibt. Im Übrigen wird es den ganzen Tag kein Fernsehen geben. Heute ist Fernsehpause. "Ich will aber", brüllt sie, wirft sich auf den Boden und heult. Ich verschwinde in ein anderes Zimmer. Winke, winke. Irgendwann ist es ruhig. Ich gehe zurück und bitte sie an den Tisch zu kommen, um zu frühstücken. Brot mit Salami? "Danke", sagt sie. Na also, denke ich, alles nicht so schlimm.

"Ich will aber", sagt sie plötzlich wieder. Ich schweige. "Warum darf ich nicht fernsehen?" Ich erkläre ruhig, dass kein Kind morgens fernsehen darf. Sie runzelt die Stirn, sie glaubt mir nicht. Dann ballt sich in ihrem Gesicht Wut. Sie schreit: "Ich wille!" Das Brot fliegt auf den Boden, ihre Stimme geht gen Cis. Ich habe kaum noch Zeit, muss gleich ins Büro, jeden Moment wird meine Frau von den Morgen-Erledigungen zurückkommen. Ich sollte die Kleine für den Tag fertig machen, vor allem ihr etwas zu essen geben - ich sehe meinen Auftrag fehlschlagen. Ruhig bleiben, denke ich, nicht hektisch werden, das Kind wird nur noch wilder. Ich verspreche Hannah, ihr einen kleinen Donald-Duck-Film auf DVD zu zeigen. Wenigstens kein Fernsehen, denke ich. "Oh danke, Papa", sagt Hannah, "das ist so schön.

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Bevor ich gehe trinkt Rahel, die Zwölfjährige, die letzte Wasserflasche leer. Ich sage ihr, wenn sie die Flaschen immer fast allein austrinkt, könne sie mir wenigstens mal helfen, die Kästen heraufzuschleppen. Wir wohnen in der dritten Etage. Rahel stöhnt irgendwas von "ja, ja" und geht auf ihr Zimmer. Ich überlege, ob ich losbrüllen soll. Lieber nicht. Sie soll ja auch nicht brüllen. Ich frage sie, ob ich das nächste Mal auf sie zählen kann. Sie sagt: "Ja, ja.

Abends fragt mich Hannah, wann sie wieder Donald Duck sehen darf. Irgendwann, sage ich. "Nein", schmollt sie, "jetzt! Bitte!" Ich verkürze die Sache und sage, dass kein Kind abends noch DVD sehen darf. "Ich wille aber", schreit sie. Ich merke, dass es Show ist. Ich sage, wenn sie nicht gleich mit dem Theater aufhört, gibt es keinen Kakao. Drohungen sind kein gutes Mittel. Sie ängstigen und ?irgendwann macht das Kind komplett zu. Hannah fängt an zu weinen. Sie ist müde. Ich sage, wenn sie nicht sofort aufhört, gibt's gar nichts. Blöde Drohungen. Auch ich bin müde. Jetzt schreit sie. "Ich will aber nicht!

Gut, sage ich, wenn du aufhörst zu heulen, gibt's Kakao. Sie hört erst auf, als ich den Kakao bringe. Im Glas. Wieder heult sie. "Will kein Glas. Ich will die Nuppelflasche." Sie meint Nuckelflasche. Ich erkläre ihr, dass bereits vor zwei Wochen die Flaschenfee gekommen sei und diese Babyflasche, die mit ihrem Gummi-Nuppel nur die Zähne kaputt macht, mitgenommen hat. Ob sie das vergessen habe? Schließlich wolle sie doch ein großes Mädchen sein. Nur Geduld, denke ich. Die Kraft der sanften Gewalt. Das zahlt sich aus. "Ich will aber", meckert sie weiter. Ich sage: "Es gibt keinen Kakao!" Wieder Tränen. Sie schmeißt das Glas um. Das Bett voll Kakao. Ich werde wütend. Hannah heult. Mir reicht's. Ich beschließe: Die Nuppelflasche bekommst du ab sofort immer abends vor dem Einschlafen. Aber den Rest des Tages nicht. Hannah hält inne. Dann sagt sie: "Oh danke, Papa." Und lächelt. "Das ist so schön." Rahel fragt, ob wir noch Wasser haben. Ich sage Nein. Sie stöhnt: "Na toll, echt cool!" Kinder und Ironie. Ich sage ihr, dass ich morgen neues kaufen werde. Sie könne mir dann helfen. Sie schaut mich an. Ich werde morgen natürlich nicht neues kaufen. Ich werde erst dann neues kaufen, wenn Rahel mir endlich ernsthaft anbietet zu helfen. Großartige Strategie. Ja! Ja!

Am nächsten Morgen will Hannah warme Milch. Ich gebe sie ihr. Im Glas. Sie heult. "Ich will die Nuppelflasche." Ich sage Nein. "Ich wille", schreit sie. Es ist früh, ich habe keine Lust, mich aufzuregen. Ich erkläre ihr noch einmal die Sache mit der Flaschenfee und wie toll es ist, ein großes Mädchen zu sein. Sie versteht. Ich bin überrascht. Danke, Hannah. Das ist so schön. Im Büro finde ich einen kleinen Brief von Rahel, den sie mir in die Aktentasche gesteckt hat. Darin steht, dass sie mir drei Mal Alleine-alle-Wasserkästen-hochtragen innerhalb der nächsten sechs Wochen schenkt. Toll! Echt cool!

Abends kommt Hannah auf mich zu und sagt, dass sie nur noch vor dem Schlafengehen Kakao in der Nuppelflasche trinken möchte. Ich nicke und lobe ihre Einsicht. Am nächsten Morgen sagt sie, dass sie die warme Milch nur im Glas trinken wolle. Schließlich sei sie ein großes Mädchen. Oh, das ist so schön, sage ich.

Ich kaufe neue Wasserkästen. Ich bin immer noch so begeistert von Rahels Angebot, dass ich das Wasser in Windeseile ganz allein hinauftrage

Am Samstag hole ich Hannah von der Großmutter ab. Statt abends komme ich schon nachmittags. Ich sehe Hannah auf der Couch liegen. Ich traue meinen Augen nicht. Versonnen liegt sie da. Und trinkt Kakao. Aus der Nuppelflasche. Danke, Oma.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.09.2006