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Ich kenn' da jemanden

Britta Domke
Die Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programme sind zurück: Seit es aufwärts geht am Arbeitsmarkt, setzen Unternehmen verstärkt wieder auf den Bekanntenkreis ihrer Belegschaft. Wer einen Freund in die Firma holt, kann üppige Prämien kassieren.
Kopfgeld vom Haus

Es dauerte zwei Biere an der Hotelbar, da waren Marc Schardinel und Peter Langen per Du. Auf einem Seminar hatten sich die beiden Revisoren kennen gelernt. Als Schardinel dann von seinem Arbeitgeber Citibank schwärmte, wurde Peter Langen hellhörig. Zum Abschied gab er seinem neuen Bekannten nicht nur Visitenkarte und Handynummer, sondern auch den Satz mit auf den Weg: "Sollte bei euch mal was frei werden, bin ich durchaus interessiert."
Das war vor einem Jahr. Inzwischen sind die beiden nicht nur Freunde, sondern auch Kollegen. Denn als die IT-Revision der Citibank tatsächlich einen neuen Mitarbeiter suchte, empfahl Schardinel seinen Seminar-bekannten - und kassierte als Dankeschön das hübsche Sümmchen von 1.500 Euro.

Empfehlung gegen Geld

Die besten Jobs von allen


"Mitarbeiter werben Mitarbeiter" nennt sich das Prämienprogramm, mit dem die Citibank einen der erfolgreichsten Recruiting-Kanäle überhaupt anzapft: die Netzwerke ihrer Angestellten. Denn bis zu zwei Drittel aller Stellen werden unter der Hand vergeben. "Ich kenn' da jemanden, der gut zu uns passen würde" - der Satz ist manchen Unternehmen bares Geld wert. Sie zahlen Angestellten Prämien für jeden neu angeworbenen Mitarbeiter. Empfehlung gegen Geld - die Idee des Tauschhandels, geboren in den USA, ist heute bis nach Indien verbreitet.
In Deutschland dagegen war es ein paar Jahre still geworden um Mitarbeiterempfehlungsprogramme. Doch seit die ersten Branchen über Bewerbermangel klagen, planen etliche Unternehmen eine Erst- oder Neuauflage der attraktiven Kopfprämien. Beliebt sind die "Employee Referral"-Programme vor allem bei Beratungs- und IT-Unternehmen, Töchtern amerikanischer Konzerne und im Strukturvertrieb

Ein Smart für jeden Super-Werber

Der Anreiz zum Mitmachen ist fast immer der gleiche: Geld. "Das geht los bei 500 Euro Prämie und geht hoch bis zu 5.000 oder sogar 10.000 Euro in Branchen, wo die geworbenen Mitarbeiter unmittelbar Geschäfte generieren sollen", berichtet Udo Völke vom Personalmarketing-Dienstleister TMP Communication & Services. Andere Firmen locken mit Events und Sachprämien. So verschenkt der Textil-Discounter KiK einen Smart an jeden Mitarbeiter, der zehn Neulinge geworben hat. Und das Zeitarbeitsunternehmen Randstad verlost unter den erfolgreichen Werbern einen Hubschrauber-Rundflug über dem Grand Canyon.
Für die Arbeitgeber lohnt sich die Investition fast immer: Unternehmen, die ihre Mitarbeiter selbst suchen lassen, statt Anzeigen zu schalten oder Headhunter zu beauftragen, können bis zu 30.000 Euro pro Einstellung sparen, hat Udo Völke errechnet. Zudem besitzt kein anderes Recruiting-Instrument eine so hohe Erfolgsquote. 83 Prozent der Anwerbungen über Empfehlungen führen zur Einstellung, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in seiner Betriebsbefragung 2005 festgestellt. Zeitungsanzeigen kommen auf eine Trefferquote von gerade mal 58, Online-Inserate sogar nur auf 28 Prozent.
Beim Autovermieter Enterprise Rent-A-Car haben Mitarbeiter das Anwerben von Freunden als zusätzliche Einkommensquelle entdeckt. So gingen in den letzten zwölf Monaten 1.000 Mitarbeiterempfehlungen in der Personalabteilung ein - 100 der Geworbenen wurden tatsächlich eingestellt. Artur Isaak, Filialleiter bei Enterprise in Heilbronn, holte bereits sieben Bekannte ins Unternehmen - und finanzierte sich von den vierstelligen Prämien einen Thailand-Urlaub, neue Möbel und Komponenten für seine Stereoanlage. Wahllos Leute anzusprechen, käme für ihn aber nicht in Frage: "Würde ich jemanden herholen, der nicht zu uns passt, würde ich mir ja ins eigene Fleisch schneiden."
Darin sieht auch Florian Hochenrieder ein Problem der Programme: "Wenn der Empfohlene ungeeignet ist, wirkt sich das womöglich negativ auf denjenigen aus, der ihn ins Unternehmen geholt hat", glaubt Hochenrieder, der sich in seiner Diplomarbeit mit Jobsuche und Recruiting über soziale Netzwerke beschäftigt hat. Zwar müsse niemand eine Strafe fürchten, wenn sich sein "heißer Tipp" im Arbeitsalltag als Lusche entpuppt. Aber ein kleiner Imageschaden sei nicht auszuschließen: "Der Vertrauensvorschuss ist dann erst mal weg."
Doch das kommt selten vor. Gewiefte "Werber" schlagen ohnehin nur Kandidaten vor, die gut ins Unternehmen passen. Und diese wissen schon vor dem ersten Vorstellungsgespräch, was sie erwartet: "Keine Stellenanzeige kann die Citibank so gut beschreiben, wie das ein Mitarbeiter kann", betont Knut Krämer, Leiter des Personalmarketings bei der Citibank. "Empfohlene" Mitarbeiter brauchen überdies weniger Einarbeitungszeit, kündigen seltener in der Probezeit und sind dem Arbeitgeber gegenüber loyaler als andere Jobneulinge

Headhunting für Amateure

Für die Personalabteilungen bedeuten Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programme eine enorme Arbeitserleichterung: "Ohne diesen Kanal würden wir unsere Rekrutierungsziele verfehlen", ist sich Bernd Sander, Personalchef Deutschland beim Finanzdienstleister UBS, sicher. 30 Prozent aller Einstellungen der heiß umworbenen Kundenberater im Wealth-Management kommen bei UBS über Empfehlungen zu Stande - ebenso viele wie über Headhunter.
In Unternehmen wie der Citibank oder beim Software-Hersteller SAS haben sich Mitarbeiterempfehlungen zum zweitwichtigsten Rekrutierungsinstrument nach dem Internet entwickelt. Ein Trend, der Jobsuchenden neue Chancen eröffnet: "Sein Netzwerk zu nutzen, sollte die Strategie Nummer eins sein", ermuntert Aila Kruska von der Karriereberatung Lee Hecht Harrison. "Bei der Bewerbung auf Stellenanzeigen ist man nur einer von vielen." Was aber, wenn der eigene Arbeitgeber kein Empfehlungsprogramm anbietet? Dann bleibt den Amateur-Headhuntern noch der Klick auf www.career-engine.de.

Die Jobbörse basiert ebenfalls auf Empfehlungen und Prämienanreizen. Derzeit listet sie etwa 80 offene Stellen auf, vom Physiker bis zum Unternehmensberater. Wer einen Freund für einen der Jobs empfiehlt - etwa bei A.T. Kearney, Continental und Brose Fahrzeugteile -, bekommt bei erfolgreicher Vermittlung eine Prämie ausgezahlt. Mehr als den Mindestsatz von 250 Euro wollen die Unternehmen auf der Plattform allerdings bislang nicht zahlen.
Da hat Marc Schardinel mit seinen 1.500 Euro zweifellos besser abgeräumt. Von dem Geld erfüllte sich der Citibank-Revisor einen Männertraum: ein neuer Beamer. Davon profitiert in diesen Tagen auch sein neu geworbener Kollege Peter Langen: "Ich habe ihn eingeladen, mit mir zusammen die WM-Spiele zu gucken."?

Kopfgeld vom Haus

Wie Firmen Mitarbeiterwerbung vergüten

Accenture: 1.500 Euro; Sachprämien (Palm, Füller, Einkaufsgutschein) für den erfolgreichsten "Werber" des Quartals
Citibank: 1.500 Euro
Comdirect Bank: 500 Euro
Deloitte: vierstellige Summe
Enterprise Rent-A-Car: 750 bis 2.500 Euro, je nach Region; Events für "Werber" mit weiteren Preisen und Verlosungen
KPMG: Hierarchiestufen 1-3 (z.B. Wirtschaftsprüfungsassistent): 2.600 Euro; Manager, Senior Manager: 4.100 Euro; bei fünf
erfolgreichen Empfehlungen innerhalb von zwölf Monaten zusätzlich eine Reise im Wert von 5.200 Euro plus drei Tage Sonderurlaub
Microsoft: 1.500 Euro
Motorola: 1.500 Euro (neuer Vollzeit-Mitarbeiter); 750 Euro (neuer Teilzeit-Mitarbeiter)
Randstad: wahlweise 250 Euro, eine Wochenendreise für zwei Personen, ein Gutschein über 300 Euro bei einer Autovermietung oder ein Weiterbildungs-Gutschein über 350 Euro; unter allen "Werbern" wird ein Helikopter-Flug über dem Grand Canyon verlost
SAS Deutschland: 1.000 Euro
UBS Deutschland: Kundenberater im Wealth Management: 3.500 Euro (Junior), 7.000 Euro (Senior); Investmentbank-Analysten: 3.700 Euro

Quelle: eigene Recherchen
Dieser Artikel ist erschienen am 04.08.2006