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Ich, ich, ich

Gerhard Winkler
Vom vielversprechenden Talent zum arroganten Alleskönner ist es nur ein kleiner Schritt. Bleiben Sie am Boden, aber kriechen Sie nicht, rät Bewerbungsberater Gerhard Winkler. Denn Arroganz beginnt am Werkstor, wenn man sich vor dem Pförtner aufbläht. Sie setzt sich fort gegenüber der Person am Empfang oder der Sekretärin, der man erklärt, was man alles nicht gut findet: den Firmensitz in der Pampa, den mangelhaft ausgeschilderten Besucherparkplatz und die unerträgliche Wartezeit.
Was Personaler nervt

In manchen Bewerbungsgesprächen hören Rekrutierer nur: "ich, ich, ich", wenn sie nach Team- oder Projekterfolgen fragen. Da entfaltet sich die Bewerberarroganz zur vollen Blüte. "An mir kommt keiner vorbei", scheinen solche Absolventen zu denken. Von den Rekrutierern erwarten sie Jobausstattung vom Feinsten und einen separaten Fahrstuhl zur nächsten Führungsetage.
Doch selbst der Kandidat mit dem Arroganzfaktor zehn schießt meist bloß über das Ziel hinaus im Versuch, sich stark und selbstbewusst zu präsentieren. Und so mancher unsichere Berufsanfänger merkt gar nicht, dass er seine Unsicherheit mit Überheblichkeit überspielt.
Klar ist: Auch bei Dünkel, Hoffart & Co. freut man sich nicht auf arrogante Bewerber. Am Hochmut reizt seit alters her die eingebaute Fallhöhe. Wer mag es Rekrutierern verdenken, wenn sie bei besonders aufgeblasenen Kandidaten gezielt sticheln. Dabei lässt sich das, was Personaler so furchtbar nervt, ganz leicht abstellen

Ansprüche anpassen

Die besten Jobs von allen


"Für Einsteigeraufgaben, für eine Lernphase oder für Aufgaben ohne Personalverantwortung bin ich mir viel zu schade." Wer diese Haltung einnimmt, kommt nicht gut an. Die meisten Nachwuchstalente halten es für maßgeblich, wo genau sie in einer großen Organisation einsteigen. Doch da irren sie.
An welche Stelle Sie am Anfang gesetzt werden, ist gerade für Berufsanfänger weit weniger wichtig als die nächsten Stationen, die sich aus der Startposition ergeben. Machen Sie sich deshalb frühzeitig klar, wo Sie hinwollen. Mehrere Wege führen zum Ziel - und bewähren kann man sich überall

Superman zieht nicht

Es gibt Bewerber, die ihren Glorienschein nicht für jeden Rekrutierer anknipsen. Ihre spärlichen Auslassungen, ihre verschlossene Miene drückt aus: "Wieso gebe ich mich als MBA überhaupt mit Ihnen ab ?" Ziemlich possenhaft verhalten sich manche Männer, die an eine Personalerin geraten.
Für Rekrutierer eine stetige Quelle des Amüsements: die aufgesetzte Überlegenheit. Im Gespräch die Wonderwoman oder den Superman heraushängen lassen, das funktioniert als sicherer Indikator, dass ein Nachwuchstalent gerade dies nicht ist. Denn echte Wundermädchen und Bannerträger lassen Fakten sprechen und schieben sich nicht am Team vorbei in den Vordergrund.
Es stimmt zwar: Wenn Sie nicht über Ihre Erfolge sprechen, dann erfährt sie kein Mensch. Doch wenn Sie nicht angemessen darüber sprechen, nimmt kein Fachmann Sie ernst.

Schlechte Kinderstube

Sollte Ihre Erziehung sich darauf konzentriert haben, Ihr Ego zu maximieren, wird die Jobintegration zum Problem. Arbeiten heißt, anderen zuzuarbeiten, und im Team agieren heißt, sich zurückzunehmen. Unsichere Menschen vergreifen sich manchmal im Ton, schlecht erzogene machen alles falsch.
Anrufen, ohne den Namen zu verraten. Mailen ohne Grußformel. Unaufgefordert Platz nehmen. Sich selbst bedienen. Dazwischenreden. Das Gespräch an sich reißen. Dem Gegenüber böse Absichten unterstellen. Desinteresse demonstrieren gegenüber dem Unternehmen. Die Liste der Unhöflichkeiten lässt sich beliebig erweitern. Warum sollte ein Personaler seinen Mitarbeitern einen Neuling zumuten, dessen Verhalten provoziert oder die Arbeit stört?

Gegenseite beachten

Im Gespräch verliert, wer den Standpunkt der Gegenseite nicht mitreflektiert: Wer sich auf das hohe Fixum, den Status-Dienstwagen, die Länge der Kündigungsfrist, die sozialen Goodies versteift. Nicht weiß, was das Geschäft des Arbeitgebers ist. Nicht offen legt, wo er hin möchte und was er dort tun will. Die Arroganz des Bewerbers schimmert auch aus der unbekümmerten Missachtung der Anforderungen und Regeln: Mappe schicken, wenn Mail verlangt wird. Zehn-Megabyte-Bomben mit 20 Anhängen versenden. Hohle Worte statt Arbeitsproben. Eitle Ich-Aussagen statt realer Referenzpersonen. Auf eine Offerte antworten und nach wenigen Tagen des Wartens hinterhertelefonieren, warum man noch nicht eingeladen wurde.

Der Fluch der Leichtfertigkeit

Sich in voller Größer aufbauen, sich scharf konturieren, seine Stärken unmissverständlich zeigen, das kommt niemals schlecht an. Arrogant ist aber die Unbekümmertheit, mit der man sich über seine eigene Unerfahrenheit und seine Unkenntnis des Geschäfts hinwegsetzt.
Arrogant ist bereits diese Form des Telefonkontakts: "Nächste Woche bin ich in Ihrer Gegend. Gerne würde ich mich mit Ihnen einfach einmal unverbindlich unterhalten." Unverbindlichkeit gibt jeder Intention den Todesstoß. Sagen Sie klar, was Sie können. Sprechen Sie aus, was Sie wollen. Reden Sie geschäftlich, wenn es ums Geschäft geht, und zeigen Sie sich ansonsten perfekt im Smalltalk. Gerhard Winkler ist Bewerbungsberater. Er betreibt die Karriere-Webseite jova-nova.com

Was Personaler nervt:

Im vergangenen Jahr haben wir zwölf Stellen im Bereich Klebstoffe extern besetzt. Von den 1.300 Bewerbern haben wir 70 zum Interview eingeladen. Zuvor haben sie einen ausführlichen Fragebogen zu ihrem Selbstbild beantwortet. Im Gespräch hake ich nach, wenn Selbstbild und Aufgabenbeschreibung nicht zusammenpassen. Wenn sich zum Beispiel jemand als Controller bewirbt, aber angibt, nicht datenorientiert zu sein. Oder wenn ein Personaler in spe schreibt, er arbeite am liebsten allein. So mancher Absolvent sieht sich bereits nach drei Jahren bei Henkel als Senior Manager. Da gehen unsere Vorstellungen weit auseinander. Im Gespräch merke ich, ob sich einer wirklich mit den Karrierewegen bei Henkel auseinander gesetzt hat oder nur ambitioniert wirken will. Natürlich gibt es schüchterne Kandidaten, die aus Unsicherheit schweigen, und andere, die vor Nervosität gar nicht aufhören zu reden. Darauf stelle ich mich ein. Richtig arrogante Bewerber gibt es selten. Ich erinnere mich nur an einen Kandidaten, der von einer Elite-Uni kam und nicht bereit war, offen über seine Erfahrungen zu sprechen und eine abwehrende Körperhaltung einnahm. Da musste ich ziemlich oft nachhaken.

Stefanie Sorgenicht
HR Manager, Henkel
Dieser Artikel ist erschienen am 07.08.2006