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"Ich habe genug Geld"

Dorothee Fricke
300.000 Artikel allein im deutschen Internet - das Online-Lexikon Wikipedia wächst und wächst. Jetzt kriegt die Community kommerzielle Konkurrenz: Brockhaus hat die neueste Ausgabe seiner Enzyklopädie für Käufer ebenfalls ins Netz gestellt. Mit Wikipedia-Gründer Jimmy Wales sprach karriere über Reichtum und den Wert von virtuellem Wissen.
Deutschlands Lexikon Nummer eins geht online. Kann Wikipedia jetzt einpacken?
Jimmy Wales: Nein, wieso sollte es? Wikipedia hat inzwischen ebenso viele Artikel wie Brockhaus. Wir sehen uns aber auch nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den traditionellen Lexika. Ich glaube, dass Wikipedia die Leute eher anspornt, sich überhaupt mehr mit Enzyklopädien zu beschäftigen. Und auch der Brockhaus Verlag kann nicht einfach ignorieren, was wir machen.

Sie sind also so eine Art Wissens-APO und wollen den Lexikonmarkt von innen revolutionieren?
Ja, genauso ist es. Als die PCs in den 80er Jahren den Siegeszug antraten, hat jeder damit gerechnet, dass dies IBM das Genick bricht. Das Unternehmen hat jedoch überlebt, weil es sich neue Märkte erschlossen hat. Das Gleiche gilt heute für die Informationsbranche: Wer es schafft, sich in einer veränderten Medienwelt neue Märkte zu erschließen, wird überleben.

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Und wer wird den Wettlauf um die Internet-Hoheit gewinnen?
Wenn ich das wüsste, würde ich jetzt ein bisschen Geld investieren und wäre bald ziemlich wohlhabend

Aber was haben Sie davon, den Markt zu verändern? Sie verdienen ja nichts an Wikipedia.
Ich wollte damit ja auch nie reich werden. Meine Vision von Wikipedia ist, Informationen allen Menschen auf der Welt zugänglich zu machen. Es fasziniert mich jeden Tag zu sehen, wie die Community wächst, wie ständig neue Artikel und neue Sprachen hinzukommen. Ich selber bin kein superreicher Mann, aber ich habe genug Geld. Wikipedia ist und bleibt deshalb ein Non-Profit-Projekt. An anderen Wiki-Projekten, wie den Wikicities, verdienen wir aber durchaus. Im Gegensatz zu den Lexikon-Seiten gibt es hier zum Beispiel Werbebanner.


Wales' Wikipedia-Welt
Jimmy Wales, 39, hat Finanzwirtschaft studiert und startete seine Karriere als Derivate- und Optionshändler in Chicago. 1996 gründete er Bomis, ein Such- und Vermarktungsportal von Erotik-Bildern. Von den Erträgen seiner früheren Berufe kann er heute gut leben, sagt er.
1999 gründete Wales den Wikipedia-Vorgänger Nupedia, der an dem aufwändigen Konzept scheiterte, dass ursprünglich alle Artikel von Fachleuten kontrolliert werden sollten. Anfang 2001 startete Wales zusammen mit Larry Sanger das heutige Wikipedia und übernahm die Anschubfinanzierung. Inzwischen lebt das Non-Profit-Projekt von Spenden, die in die Wikimedia Foundation fließen, der Wales als Präsident vorsteht.
Die weltweit von Freiwilligen gestaltete Online-Enzyklopädie ist mittlerweile das größte Lexikonprojekt der Welt. Wikipedia gibt es in über hundert Sprachen, die deutsche Version ist mit über 300.000 Artikeln die zweitgrößte nach der englischen mit über 750.000 Artikeln. Wikipedia ist eine Wortzusammensetzung aus Wiki und Enzyklopädie. Wikis sind Websites, die jeder Nutzer direkt im Browser ändern kann.
www.wikipedia.de

Aber ganz ohne Investitionen läuft auch Ihr Lexikon nicht. Sie brauchen zum Beispiel leistungsfähige Server...
Wikipedia finanziert sich ausschließlich durch Spenden an die Wikimedia Foundation Inc., eine Stiftung, die wir 2003 gegründet haben. Nach unserem letzten Spendenaufruf hatten wir die benötigten 200.000 Dollar innerhalb von wenigen Tagen zusammen. Die meisten Spender sind übrigens Mitglieder der Community, die aus freien Stücken kleinere Beträge schicken.

Wie steht's mit der Seriosität Ihrer Inhalte? Kritiker monieren, dass die Informationen nicht verlässlich sind.
Solche Art von Kritik ist meistens sehr pauschal. Wer sich die Beiträge genauer durchliest, wird feststellen, dass die meisten Artikel besser sind als ihr Ruf. Jeder User kann zudem die Entstehungsgeschichte eines Artikels abrufen. Hier ist genau dokumentiert, wer wann etwas geändert hat. Auch die Diskussionsseite gibt Hinweise auf die Qualität eines Artikels.

Und wie verhindern Sie, dass Leute absichtlich falsche Inhalte posten?
Die Community ist ziemlich wachsam. Wenn jemand zum Beispiel aus Jux Unsinn schreibt oder Pornobildchen hochlädt, ändert jemand anders das meist innerhalb weniger Minuten. Insgesamt kommt das aber eher selten vor. Trotzdem nimmt die Community das Thema Qualität sehr ernst. Wir sind gerade dabei, einen Modus zu finden, um so genannte stabile Versionen, die dann nicht mehr verändert werden können, zu definieren.

Wer verbirgt sich eigentlich hinter der ominösen Wikipedia-Community, der sie die 300.000 Artikel verdanken?
Der typische Wikipedianer ist zwischen 20 und 40 Jahre alt. Die meisten sind Studenten oder junge Akademiker, für die das nur ein Hobby ist. Sie schreiben, korrigieren oder ergänzen in ihrer Freizeit Wikipedia-Artikel zu Themen, in denen sie sich gut auskennen

Und alle schreiben natürlich umsonst. Gibt es niemanden, der bei Ihnen auf der Lohnliste steht?
Doch. Inzwischen haben wir drei Wikipedianer für technische Bereiche angestellt, die von der Wikimedia Foundation bezahlt werden. Und es könnte sein, dass wir noch ein paar mehr Leute einstellen. Das betrifft aber in der Tat vorwiegend die Technik. Dass die Autoren für ihre Mitarbeit bezahlt werden, ist nicht vorgesehen. Erstens wäre das nicht gut für die Community, und zweitens kann ja jeder die Wikipedia-Inhalte verwenden und sie zum Beispiel als Buch oder als DVD herausgeben und verkaufen.

Wie bitte? Sie erlauben Content-Klau?
Hier wird ja nichts geklaut. Jeder kann die Artikel lesen, kopieren, auf andere Webseiten stellen oder auch verändern. Jeder kann die Inhalte auch kommerziell nutzen. Aber: Jeder Wikipedia-Artikel steht prinzipiell allen frei zur Verfügung. Das sind die Regeln der GNU Lizenz für freie Dokumentation, die jeder, der bei uns postet und unsere Artikel nutzt, akzeptieren muss.

Was war der letzte Artikel, den sie selbst in Wikipedia geschrieben haben?
Ich veröffentliche selber kaum was, aber letztens habe ich eine Ausnahme gemacht und - allerdings anonym - etwas über den niederländischen Künstler Theo Jansen im deutschen, im niederländischen und im englischen Wikipedia veröffentlicht. Die niederländische Community hat den Beitrag übersetzt, in der deutschen Version wurde er einfach gelöscht

War Ihr Beitrag so miserabel?
Nein, die Deutschen haben ihn rausgeworfen, weil ich mich nicht an die Regeln gehalten und auf Englisch gepostet habe.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.12.2005