Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Ich armer Tor...

Hans-Martin Barthold | Liane Borghardt
Wer nicht weiß, was er studieren soll, schreibt sich in Germanistik ein. Die hohe Abbrecherquote bestätigt das Klischee: Drei Viertel der Studienanfänger geben auf, meist in den ersten Semestern. Die Mär von der brotlosen Kunst dagegen hält sich zu Unrecht.
Minnesang, Gedichte des Barock, experimentelle Prosa, Werbeslogans oder Packungsbeilagen: ?Wer wirklich gerne liest, für den ist das Germanistikstudium das Nonplusultra", sagt Birte Stein, an der Freien Universität Berlin im siebten Semester. 5 000 Seiten Primär- und Sekundärliteratur beträgt das durchschnittliche Pensum pro Semester. Lateinkenntnisse, die viele zu Anfang des Studiums nachholen müssen, und Klausuren in Alt- und Mittelhochdeutsch haben außerdem Siebeffekt.Vielen Studenten bereitet auch der große Gestaltungsspielraum Probleme, den ein geisteswissenschaftliches Studium wie Germanistik bietet. Die Zusammenstellung ihres Stundenplans ist Germanistikstudenten weitgehend selbst überlassen.

Die besten Jobs von allen

Im Grundstudium gibt es einige Fixpunkte auf dem Lehrprogramm. Die Studenten erwerben Grundlagen in den drei klassischen Disziplinen der Germanistik: der Mediävistik, deren Gegenstand die Literatur bis zum 16. Jahrhundert ist, der Neueren Deutschen Literaturgeschichte und der Linguistik mit Phonologie, Syntax und Semantik. Außerdem wird Handwerkszeug vermittelt: die Anleitung zur wissenschaftlichen Lektüre, Methoden der Textanalyse oder Bibliographieren. Im Hauptstudium wählen Studenten eine germanistische Disziplin als Schwerpunkt; drei Viertel entscheiden sich für die Neuere Deutsche Literatur.Und danach? Gegen Arbeitslosigkeit hilft Praxis, Praxis, PraxisAn die Frage von besorgten Mitmenschen ?Was willst du nach dem Studium machen?" müssen Germanistikstudenten sich von Anfang an gewöhnen. Und sie sollten sie sich immer wieder selbst stellen. Laut einer Umfrage unter Germanistikstudenten an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität hat jeder Fünfte im Hauptstudium noch keine konkreten Berufsvorstellungen.Die, die nicht Deutschlehrer werden möchten, erwerben am Ende ihres Studiums mit dem Magister zwar einen akademischen Abschluss. Einen Beruf haben sie damit aber nicht. Das Studium ist kein Berufs-, sondern ein Kompetenzstudium. Sich schnell in Sachverhalte eindenken, sie verständlich darstellen, sorgfältig recherchieren, frei sprechen und Sprachgefühl trainieren sind das tägliche Brot der Germanistikstudenten an der Uni.Den Praxisbezug dazu müssen sie selbst organisieren. Bei großen Verlagen, Medienhäusern oder Agenturen ist ein Jahr Vorlaufzeit für ein Praktikum gang und gäbe. Wie bei der Gestaltung des Studiums ist auch bei der Bewerbung um Praktika Initiative gefragt.Die macht sich bei der Jobsuche bezahlt. Denn wie für alle Geisteswissenschaftler gilt auch für Germanisten: Je mehr Praktika und Zusatzqualifikationen - zum Beispiel Fremdsprachen, Auslandsaufenthalte oder Computerkenntnisse - im Lebenslauf stehen, desto leichter gelingt der Jobeinstieg.So eng, wie oft gemutmaßt, ist der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler nicht: Die Arbeitslosenquote liegt mit fünf bis sieben Prozent nur leicht über der allgemeinen akademischen Arbeitslosenquote, die zwischen drei und vier Prozent schwankt. ?Die etwas höhere Quote bei den Geisteswissenschaftlern kommt dadurch zustande, dass der Weg vom Studium in den Job oft über befristete Arbeitsverhältnisse führt. Bei der Suche nach dem zweiten Arbeitsplatz sind sie dann kurzfristig arbeitslos gemeldet", erklärt Arbeitsmarktexperte Manfred Bausch von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Bonn.Rund ein Viertel der berufstätigen Germanisten arbeitet als Journalisten, zehn Prozent sind in Forschungseinrichtungen tätig. Der Rest verteilt sich auf Verlage, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Werbe- oder Multimedia-Agenturen. Wer schon als Studienanfänger ein bestimmtes Berufsziel anpeilt, sollte im Magisterstudium die passenden Nebenfächer wählen.Britta Manzeschke etwa, Verkaufsleiterin im Eichborn Verlag, hat Germanistik, Buch- und Wirtschaftswissenschaften an der Uni Mainz studiert. Für ihren Job die optimale Mischung, findet sie. ?Ich muss viel lesen, um gut verkaufen zu können. Aber Verkaufen bedeutet auch Marketing und Kostenkalkulation." Für Linguisten, die Spracherkennungssysteme entwickeln, empfehlen sich die Nebenfächer Kommunikationswissenschaften und Informatik.Wenig rosig sind zurzeit die Aussichten für Germanisten mit dem Nebenfach Deutsch als Fremdsprache. Das Goethe-Institut etwa hat wegen drastischer Mittelkürzungen einen Einstellungsstopp auf unbestimmte Zeit verhängt. Mau sieht es auch an den Hochschulen aus. Die germanistischen Fachbereiche werden zunehmend ausgedünnt.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.05.2002