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HVB-Chef Rampl spielt "alles oder nichts"

Von Caspar Busse, Handelsblatt
Am Wochenende fällt nicht nur die Entscheidung über die Fusion der Hypo-Vereinsbank und Unicredito, sondern wohl auch über die Zukunft von HVB-Chef Dieter Rampl. Sein Machtkampf mit Aufsichtsratschef Schmidt steht vor einem "Showdown".
Dieter Rampl, Vorstandschef der Hypo-Vereinsbank, arbeitet an Europas größter Bankfusion.
HB MÜNCHEN. Zeit dafür hat der Vorstandschef der Hypo-Vereinsbank (HVB) in diesen Wochen keine. Der 57-Jährige, Jahresgehalt 1,6 Millionen Euro, steht unter Strom. Er arbeitet an Europas größter Bankenfusion - dem Zusammenschluss der Großbank Unicredito, Nummer eins in Italien, mit seinem Münchener Traditionshaus, Branchenzweiter in Deutschland.Am Wochenende fällt die Entscheidung. Die Aufsichtsgremien tagen in München und Mailand. Operation "Akropolis" strebt ihrem Olymp entgegen. Für die HVB wählten die Investmentbanker den Tarnnamen des Götterboten Hermes. Uranus steht für Unicredito.

Die besten Jobs von allen

Es geht um viel - besonders für den gebürtigen Münchener mit österreichischem Pass. Gelingt die Fusion, wird Rampl zum Verwaltungsratspräsidenten der neuen Großbank. Damit wäre er einer der mächtigsten Banker Europas, auch wenn er Unicredito-Chef Allessandro Profumo künftig im operativen Geschäft den Vortritt lassen muss.Platzt der Deal jedoch, würde die HVB zu einem taumelnden Hermes. Rampls Tage an der Spitze der HVB wären wohl gezählt, er stürzte in die Bedeutungslosigkeit - Florida forever. "Der spielt mit sehr, sehr hohem Einsatz", klagt jemand aus der Bank.Für Rampl geht es auch um etwas Persönliches: Er würde den Machtkampf mit Albrecht Schmidt ein für allemal lösen - so oder so. Der mächtige Aufsichtsratsvorsitzende der HVB und Weggefährte Rampls, der als eine Art Übervater immer auf die Unabhängigkeit des Münchener Konzerns gepocht hatte, gilt als Gegner der Übernahme durch die Italiener.Doch im Aufsichtsrat findet der 67-Jährige wohl keine Mehrheit mehr. Selbst die Arbeitnehmer-Vertreter und Großaktionär Münchener Rück, lange der wichtigste Verbündete Schmidts, sind für Rampls Fusion - auch wenn in München schon die Angst umgeht: "Wenn die Italiener kommen, kann man sich hier warm anziehen", warnt ein Beobachter.Rampl und Schmidt sind seit Jahren in einer Art Hassliebe ineinander verkeilt. Hier der kühl kalkulierende, stets beherrschte Schmidt, der lange den Spitznamen "der kleine Napoleon" trug. Dort der burschikos und kumpelhaft auftretende Selfmade-Banker Rampl, der für seine Alleingänge so berühmt wie berüchtigt ist.Lange arbeiteten Rampl, sieben Jahre Vorstand, und Schmidt, zwölf Jahre Vorstandssprecher, zusammen. Schmidt hatte 2002 aber Investmentbanker Stefan Jentzsch als seinen Nachfolger favorisiert, heißt es. Doch dafür habe es im Aufsichtsrat keine Mehrheit gegeben. Rampl bekam den Top-Job.Lesen Sie weiter auf Seite 2:"Die beiden achten sich, aber sie lieben sich nicht", lautet die offizielle Sprachregelung."Die beiden achten sich, aber sie lieben sich nicht", lautet die offizielle Sprachregelung. Schon lange sei das Verhältnis nicht das beste, heißt es aus Rampls Umfeld. Es spielt sich offenbar nur noch auf einer professionellen Ebene ab: Man redet nur so viel wie eben nötig.Sichtbar wurde das auf der Hauptversammlung der HVB vor vier Wochen. Rampl und Schmidt würdigen sich kaum eines Blickes, wechseln kein Wort. Rampl strebt von der einen Seite dem Podium im Internationalen Congress-Zentrum in München entgegen. Schmidt kommt von der anderen Seite. Rampl steht die Bedrückung angesichts der harten Aktionärsschelte, gerade von großen Investmentfonds, ins Gesichts geschrieben. Schmidt spricht davon, das alles sei ja eh nur "ein bisschen Volksfest".Was Schmidt an Rampl nervt, ist dessen unkonventionelle, sprunghafte Art. "Alle haben immer Schach gespielt. Plötzlich kommt einer, der wirft das Brett um und sagt: Wir spielen jetzt Halma", sagt ein Beteiligter zum Vorgehen Rampls. In der Tat ist der Marlboro-Raucher für ungewöhnliche und unorthodoxe Aktionen berüchtigt.Ende April etwa spricht er plötzlich zur Überraschung aller in einem FAZ-Interview öffentlich von Verkauf: "Unicredito könnte ein attraktiver Partner sein." Dass sich jemand als Juniorpartner andient und eine Milliardenfusion per Interview anstößt, hat es bis dahin in der feinen Bankenwelt nicht gegeben. "Rampl wollte sein persönliches Umfeld testen", heißt es zur Begründung. Der HVB-Chef wollte offenbar Fakten schaffen, an denen keiner mehr vorbeikam, und aufs Tempo drücken.Lange hatte Rampl davon gesprochen, dass die HVB bei der anstehenden Konsolidierung in der europäischen Bankenwelt "auf Augenhöhe" verhandeln werde. Eine Fusion mit der Commerzbank, die Tausende von Arbeitsplätzen kosten würde, lehnt er ab.Aber Rampl muss erst die HVB herausputzen für eine Heirat. Er ist selbst überrascht, wie schwierig die Sanierung der Bank wird. Die Umbaumaßnahmen, die er seit Anfang 2003 vorantreibt, schlagen zwar an, bringen den Konzern aber nicht aus der Krise. Aufhalten kann auch er den Niedergang der einst so stolzen Bank nicht mehr.Irgendwann Ende vergangenen Jahres kommt ihm dann offenbar die Erkenntnis, dass die HVB zu schwach ist, um alleine zu bestehen. Der Bank bleibt im Fusionspoker nur die Rolle des Juniorpartners. Im Januar bereinigt er in einem Milliarden-Kraftakt erneut die Bücher um Immobilienrisiken, um sich für eine Übernahme hübsch zu machen.Lesen Sie weiter auf Seite 3:"Er geht immer auf volles Risiko". Verluste von über fünf Milliarden Euro hat Rampl in den drei Jahren seit seinem Amtsantritt verkünden müssen. Aber der Boden für Gespräche mit den Italienern ist bereitet. Ende Mai werden die Verhandlungen offiziell bestätigt.Das ist ganz nach dem Geschmack des hoch gewachsenen, schlaksig wirkenden Rampl. "Er geht immer auf volles Risiko. Aber er hat die Kurve bisher immer geschafft, auch wenn er manchmal die Leitplanke gestreift hat", sagt ein Insider. Ob bei der milliardenschweren Kapitalerhöhung im vergangenen Jahr, beim Börsengang der Wiener Tochter Bank Austria im Jahr davor oder beim jüngsten Umbau des Vorstands - immer wieder sah es zwischenzeitlich so aus, als ob Rampl scheitere. Am Ende setzte er sich dann doch durch.Selbst sonst so nüchterne Analysten loben, dass der HVB-Chef immer noch ein Ass aus dem Ärmel ziehe. "Wir sollten uns daran erinnern, niemals mit HVB-Chef Rampl zu pokern", schreibt Merrill-Lynch-Analyst Stuart Graham anerkennend."Rampl hat Nerven wie Drahtseile", findet auch ein enger Mitarbeiter. Das Geschäft mit Firmenkunden hat Rampl geprägt - und sein steiler Aufstieg.Rampl hat sich in der Bank, die er jetzt an die Italiener verkaufen will, von ganz unten nach ganz oben hoch gearbeitet - ähnlich wie der langjährige Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper. 1968 heuert er nach der Realschule als Lehrling bei der damaligen Bayerischen Vereinsbank an. Den Betriebswirt holt er später in Abendkursen nach. Nach einem Intermezzo bei der BHF-Bank rückt er 1995 in den Vorstand auf.Die erworbenen Steherqualitäten machen ihn erfolgreich: Immer wieder feilscht er mit Unternehmern Nächte hindurch über Kredite und Konditionen. Oft sieht es hoffnungslos aus, doch am Ende wird Rampl fast immer seinem Ruf als "Dealmaker" gerecht.Dabei kommt ihm eine gewisse Unbekümmertheit und Schlitzohrigkeit zugute. Seine Stärke ist der persönliche Kontakt. Er gibt sich kumpelhaft, klatscht Vorstandskollegen schon mal öffentlich auf der Hauptversammlung ab.Den öffentlichen Auftritt mag er nicht. Dann liest er oft stoisch vom Blatt ab, wirkt verkrampft, beantwortet Fragen kurz und knapp. Hinter den Kulissen ist er hart. Fast die gesamte Führungsmannschaft hat er seit seinem Antritt vor zweieinhalb Jahren ausgetauscht.Lesen Sie weiter auf Seite 4:Anfangs wurden ihm Entscheidungsschwäche und Zögerlichkeit bei harten Entscheidungen vorgeworfen. Anfangs wurden ihm Entscheidungsschwäche und Zögerlichkeit bei harten Entscheidungen vorgeworfen. Doch in den vergangenen Jahren ist der Zauderer erkennbar härter geworden - auch äußerlich. Die Gesichtszüge sind nicht mehr so weich, das Haar ist grauer, die Falten sind tiefer geworden. Trotz seiner gegenteiligen Beteuerung gilt der Banker als ehrgeizig, er will in die Geschichtsbücher. An diesem Wochenende will er seinen größten Coup vollenden.Davon hängt ab, wie viel Zeit er künftig für Florida hat. "Reif für die Insel" wäre er auf jeden Fall.
Das Auf und Ab der Hypo-Vereinsbank.Fusion: Albrecht Schmidt, 67 (Foto), führte die HVB zwölf Jahre lang, bevor er Anfang 2003 an die Spitze des Aufsichtsrats wechselte. Er fusionierte 1998 die Bayerische Vereinsbank mit der Hypo-Bank, weil angeblich die Deutsche Bank in München zuschlagen wollte. 2000 übernahm er dann den österreichischen Marktführer Bank Austria und verschaffte der HVB damit auch eine führende Position in den wichtigsten Wachstumsmärkten Mittel- und Osteuropas.Probleme: 2003 übernahm Dieter Rampl, 57, das Ruder auf hoher See. Er musste zunächst viele profitable Töchter verkaufen und knapp ein Viertel der Bank Austria zurück an die Börse bringen. Im Frühjahr 2004 zog er eine milliardenschwere Kapitalerhöhung durch. Doch das reichte nicht, um die hohen Verluste aus Abschreibungen und Wertberichtigungen im Kreditgeschäft abzudecken. Seit drei Jahren macht der Konzern Verluste und zahlt keine Dividende. 2005 soll die Wende bringen.Rettung: Durch den geplanten Zusammenschluss mit der hoch profitablen italienischen Großbank Unicredito würde der Konzern zu den Top Ten in Europa aufsteigen. Zusammen hätten die zwei Banken 125 000 Mitarbeiter und eine Bilanzsumme von 730 Milliarden Euro. In Italien, Österreich sowie Mittel- und Osteuropa wäre der Konzern Marktführer.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.06.2005