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Hurra, wir leben noch

Peter Nederstigt
Der Softwarehersteller Abaxx gehörte zu den Hoffnungsträgern der New Economy und wurde mit Preisen überhäuft. Ende 2000 wollte das Unternehmen an die Börse gehen. Doch der Crash am Neuen Markt machte alle Träume zunichte. Jetzt ist Abaxx wieder da - effektiver als damals und um einige Erfahrungen reicher. Lehrjahre eines Startups.
Die Börse ruft: Börsengänge und -aspiranten 2005/06

karriereurteil > Abaxx
Geschäftsfeld: Software
Umsatz: k.A.
Mitarbeiter: über 80
Geplante Einstellungen: 15
Gesuchte Qualifikationen: Informatiker, Betriebswirte
Einstiegsgehalt: nach Qualifikation und Stelle
Kontakt: Uwe Scheihing, Abaxx Technology AG, Forststr. 7, 70174 Stuttgart, jobs@abaxx.de

Marktführer:

Kuschelfaktor:

Entwicklung:

Jobsicherheit:

Work-Life-Balance:

Gehalt:
Alles lief perfekt. Sechs Monate hatten die Gründer von Abaxx den Gang an den Neuen Markt vorbereitet, hatten die besten Berater engagiert. Analysten bewerteten das ein Jahr alte Startup kurz vor dem geplanten Börsengang mit mehreren hundert Millionen Euro. Die Fondsmanagerin der DWS in Frankfurt, wo Abaxx Ende November 2000 seine Roadshow bei den Investoren startete, orderte schon nach einer halben Stunde Aktien im Wert von zehn Millionen Euro

Sieben Tage und 35 Präsentationen in den europäischen Finanzmetropolen später hatte sich die Stimmung komplett gedreht. Innerhalb eines Tages waren die Technologieaktien an der Wallstreet um bis zu 50 Prozent eingebrochen. Als die Abaxx-Gründer die abgenagten Fingernägel einer Londoner Fondsmanagerin sahen, wussten sie, dass sie ihre Börsenpläne vorerst begraben konnten. Am 30. November, einen Tag vor der geplanten Erstnotierung, verschoben sie den Börsengang auf unbestimmte Zeit

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Es sollte mehr als fünf Jahre dauern. Fünf Jahre, in denen die Vorstände Thorsten Schäfer und Dirk Matzat Höhen und Tiefen durchmachten, die für ein ganzes Unternehmerleben reichen. Aus dem vielfach prämierten Softwarehersteller mit 300 Mitarbeitern und Niederlassungen in mehreren Ländern wurde ein 50-Mann-Betrieb, der um seine Existenz kämpft.

Phönix aus der Asche
Abaxx überlebte, beschäftigt mittlerweile wieder über 80 Mitarbeiter und plant für die zweite Jahreshälfte 2006 sogar einen neuen Börsengang. Die Entwicklung des Unternehmens steht beispielhaft für das, was man einmal New Economy nannte. In dem roten Backsteinbau in der Stuttgarter Innenstadt, wo Robert Bosch sein Unternehmen gegründet hat, scheinen die Gründerjahre nie vorbeigegangen zu sein. An der Rezeption steht die Trophäe des Startup-Gründerpreises, ein Stockwerk höher werben Plakate noch immer für den geplatzten Börsengang: "Going Public! Demnächst am Neuen Markt". Finanzvorstand Dirk Matzat betrachtet sie ohne Wehmut: "Das ist schließlich unsere Geschichte.

Auf seinem Schreibtisch liegt ein Zeitungsartikel über den Entry Standard, das neue Segment der Frankfurter Börse für kleine Unternehmen. Die vergleichbaren Plätze in München und London, M:access und Alternative Investment Market, hat er schon besucht. "Das Window-of-Opportunity ist wieder geöffnet", sagt Matzats Kollege Thorsten Schäfer. Zu Deutsch: Börsengänge sind wieder möglich (siehe Tabelle). Fest steht aber auch: Dieser Börsengang wird deutlich kleiner ausfallen als der 2000 geplante. Waren es damals 80 Millionen, so hofft Abaxx diesmal, zehn Millionen Euro einzunehmen

Nach dem gescheiterten Börsengang hatten die Geldgeber, darunter die renommierten Wagniskapitalfirmen Earlybird und 3i, 2001 ihre Beteiligung um 20 Millionen Euro erhöht, um das Wachstum nicht zu gefährden. Im gleichen Jahr verdoppelte das Unternehmen seinen Umsatz auf 30 Millionen Euro und verringerte den Verlust auf zwei Millionen Euro. "Genau so, wie wir es in unseren Planungen vorhergesagt hatten", sagt Abaxx-Chef Schäfer. Was die Unternehmer nicht vorhersehen konnten, waren die Anschläge des 11. September

Ein Anschlag mit Folgen
Kurz vorher treffen sich die Gründer in einem Hinterzimmer der Fischerzunft in Schaffhausen, einem der besten Restaurants der Schweiz, mit dem Fondsmanager einer Schweizer Bank, die sich mit 15 Millionen Euro an dem aufstrebenden Unternehmen beteiligen will. 14 Tage später haben Terroristen das World Trade Center zerstört, den Fonds der Schweizer Bank gibt es nicht mehr, und die anderen Banken rasieren ihre IT-Budgets.

"Damals hätte ich Ihnen meine Hand darauf gegeben, dass dieser Deal niemals platzt", sagt Schäfer und zeigt durch das Fenster des Konferenzraums auf ein mehrstöckiges Bürogebäude gegenüber. "Kurz vorher hatten wir noch dieses Gebäude angemietet." Doch die 200 Mitarbeiter, die dort Platz gefunden hätten, sollten nie einziehen.
In einer Telefonkonferenz beschließen Vorstand und Aufsichtsrat nur einen Tag nach den Anschlägen, die Notbremse zu ziehen, obwohl das Auftragsbuch noch prall gefüllt ist. Wenige Tage später steht Matzat nach einer unruhigen Nacht in der Cafeteria und verkündet den Mitarbeitern den Abbau von 80 Arbeitsplätzen. In dem Raum herrscht Totenstille

"Wir alle kannten ja nur schönes Wetter, aber jetzt segelten wir einen Sturm mit Windstärke zehn", beschreibt Hobbysegler Schäfer die damalige Stimmung. Trotzdem ist er im Nachhinein froh um die Erfahrung, die folgen sollte. "Wenn Sie immer nur bei schönem Wetter segeln, glauben Sie, Sie beherrschten Ihr Boot. Aber das tun Sie erst, wenn Sie mal einen Sturm überlebt haben.

Stürmische Zeiten
In den nächsten Monaten schrumpft die Belegschaft in drei Wellen auf 50 Mitarbeiter. Von ehemals fünf Büroetagen ist zuletzt nur noch eine belegt. "Hätten wir nicht gleich gehandelt, hätte Abaxx nicht überlebt", ist Matzat überzeugt. Ähnlich sehen es die Investoren. "Das schnelle Handeln war einer der Pluspunkte", sagt Christian Siegele, Partner bei 3i, und Roland Manger von Earlybird lobt: "Die Gründer haben damals richtige Unternehmerqualitäten bewiesen.

Im Überlebenskampf änderten sie auch die Strategie. Stellte Abaxx früher Software für Internetportale her, bietet das Unternehmen mittlerweile auch Beratung für die Prozesse dahinter und arbeitet mit Vertriebspartnern. Dank Kunden wie der DaimlerChrysler-Bank und Cortal Consors gilt Abaxx als führender Anbieter für Online-Banken und hat sich mit Mitarbeiterportalen für Institutionen wie das Auswärtige Amt ein weiteres Standbein aufgebaut

Durch den Börsengang will Abaxx seinen Bekanntheitsgrad erhöhen und international expandieren - so wie vor fünf Jahren geplant. "Das wird aber nicht gleich ausarten", betont Matzat. Abaxx hat seine Lektion gelernt. Nur eine Hoffnung hat Matzat begraben: "Die Idee, dass man als Unternehmer schnell Millionär wird, die kann man getrost vergessen."
Die Börse ruft
Börsengänge und -aspiranten 2005/06
Unternehmen Branche Börsengang Emissionsvolumen
(Mio. Euro)
Paion Biotech 11. Februar 46
Conergy Solar 17. März 243
Ifa Systems IT 11. Juli 4,88
Net Mobile Telekommunikation 12. Juli 18,7
Interhyp Internet 29. September 103,4
ErSol Solar 30. September 153,7
Q-Cells Solar 5. Oktober 313,24
Tipp 24 Internet 12. Oktober 85,83
Sunline Solar 20. Oktober 9,01
Tecon Technologies IT 20. Oktober 9
Jerini Biotech 1. November 57,04
Biopetrol Biokraftstoff 21. November 73,8
VIB Vermögen Finanzdienstleistung 28. November 30
Convisual Telekommunikation bis Januar 2006 8 bis 9
Wallstreet-Online Capital Finanzdienstleistung 30. November 9,53*
Eutex Telekommunikation 1. Dezember 8
Wilex Biotech 1. Hälfte 2006 offen
Navigon Software 2. Hälfte 2006 offen
DeveloGen Biotech offen offen
4SC Biotech offen offen
Idea Biotech offen offen
Micromet Biotech offen offen
* reines Listing;
Quelle: Deutsche Börse, Börse München, eigene Recherchen
Dieser Artikel ist erschienen am 01.02.2006